Einsam in der Menge

Genesis 2,18: „Und der Herr Gott sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei;“



Das Leben des Menschen ist eine einzige Jagd nach Angehörtwerden. Sich Mitteilen, Kommunizieren, das sind Dinge, aus denen unser Leben besteht.


In Amerika wurde das Werk von David Riesman „The Lonely Crowd“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem Klassiker der Soziologie. Darin wird beschrieben wie der durchschnittliche Amerikaner in der Masse vereinsamt. Zur Zeit der Herausgabe des Buches stand alles im Zeichen der großen Konzerne . Der Einzelne war stets auf Anerkennung bedacht und befand sich im Kampf mit möglichen Konkurrenten. In früheren Zeiten wurden die Menschen eher durch Traditionen geleitet (außengeleiteter Mensch) oder man folgte eigenen Maßstäben (innengeleiteter Mensch). Der neuere Typus Mensch war ein Rudeltier und dennoch einsam.


Im Jahr 2000 machte der Harvard-Professor Robert D. Putnam mit seiner Studie „Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community“ auf eine Änderung im Sozialverhalten der Amerikaner aufmerksam. Er zeigte auf, dass immer mehr Amerikaner sich isolierten. Aktivitäten wie Bowling übte man früher in Vereinen aus, in jüngerer Zeit geht die Tendenz zum Bowlen außerhalb jedes sozialen Netzwerkes. Die Vereinsamung wirkt sich der Untersuchung zu Folge jedoch auch negativ auf Lebensqualität und -dauer aus: „Freunde sind der Garant für ein längeres Leben.“ Nach der Single- und Yuppiekultur der achtziger Jahre stellte er den Kollaps sozialer Kontexte in den neunziger Jahren fest. Dennoch kann man gleichzeitig einen enormen Anstieg der Event-Kultur beobachten. Ob Rock-Open Air, Weltmeisterschaft oder Papstbesuch, ohne Frage hat der Vereinsamte unserer Zeit wie nie zuvor die Chance seine Isolation im Bad der Menge und der Emotionen zu überwinden.


Erst wenn das Event vorbei ist kommt die große Enttäuschung darüber, dass man im Grunde doch nur ein Einzelgänger in der Masse war. Viele wollen nach einiger Zeit die Spaßgesellschaft verlassen und suchen familiäre Bindungen als Ausweg. Nur zu oft hat sich jedoch auch dieser Bereich des Lebens verkompliziert. Herrschte in der Vergangenheit oftmals noch die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Ehepartnern, fehlt heute oft der Ausgleich zwischen Arbeitsalltag und familiären Bedürfnissen mit der Folge, dass die Scheidungsrate enorm angestiegen ist.


All dies bestätigt die Aussage des Münchner Soziologen Ulrich Beck, der Alleinstehende sei „die Grundfigur der durchgesetzten Moderne“. Der moderne Mensch hat sich autonom gemacht von Verbindlichkeit zu anderen Menschen, nachdem er sich von dem persönlichen Gott losgemacht hat. Deswegen weiß er nicht mehr was Beziehung bedeutet, die Folge der radikalen Selbstvewirklichung sehen wir in zunehmender Isolation und in eine Gesellschaft von dysfunktionalen Familien.


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