Sexueller Missbrauch von Kindern

„Die 17jährige Manuela liegt auf ihrem Bett und starrt an die Decke. Eben hat sie noch geweint – jetzt reagiert sie nicht einmal, wenn man sie anspricht. Hier wiederholt sich die Erinnerung an die Missbrauchssituation. Um den über Jahre hinweg immer wieder stattfindenden sexuellen Missbrauch durch den Stiefvater zu ertragen, hat Manuela »abgeschaltet« – sie ist heroinabhängig geworden. Die Sucht verschafft ihr für einige Zeit Vergessen und angenehme Gefühle. Sie mag keine Berührungen – auch unter einer tröstend gemeinten Umarmung einer Frau zuckt sie zusammen. Dennoch prostituiert sie sich, auch um ihre Sucht zu finanzieren. Manuela hat massive Schlafstörungen: sie hat Angst vor der Dunkelheit und vor der Nacht, schläft erst sehr spät und dann nur mit Licht ein. Doch wenn sie schläft, kann man sie weder durch einen Wecker, kaltes Wasser noch durch Rütteln wecken – sie will nicht in die schreckliche Realität zurück.“

Zahlen und Fakten

Dies ist kein Einzelfall! Ca. 300.000 Kinder werden pro Jahr in Deutschland missbraucht. Schätzungen zufolge wird etwa jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder siebte bis zehnte Junge bis zum 18. Lebensjahr einmal oder über Jahre hinweg missbraucht.

Täter sind zu 98% Männer, die aus dem engsten Umfeld des Kindes kommen.

Durchschnittlich 65%–70% der drogensüchtigen Mädchen wurden als Kind sexuell missbraucht.

Was ist sexueller Missbrauch?

Sexueller Missbrauch ist eine sexuelle Handlung eines Erwachsenen mit einem Kind, wobei der Erwachsene das Kind als Objekt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse benutzt. Der Täter handelt in der Absicht, sich oder das Opfer sexuell zu erregen.

In den meisten Fällen ist der Täter ein Mann, der dem Kind bekannt ist. Fast immer nutzt der Täter ein Macht- oder Abhängigkeitsverhältnis aus. So kann man sagen, dass sexueller Missbrauch ein Missbrauch von Macht ist, den vor allem Männer (Stärkere) gegenüber Mädchen, also gegenüber Schwächeren ausüben.

Je näher der Täter dem Kind steht, desto schlimmer wird das Kind in der Fähigkeit, Vertrauen zu lernen, erschüttert.

Die grundlegenden Bedürfnisse nach Schutz, Sicherheit, Bedeutung, Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Vergebung werden zutiefst verletzt. Dies sind aber die Voraussetzungen dafür, dass ein Kind sich seelisch gesund entwickeln kann.

Wie erkenne ich sexuellen Missbrauch bei Kindern?

Eindeutige Hinweise sind sehr selten. Dazu gehören die Aussage des betroffenen Kindes, die zunächst meist vage formuliert wird, Aussagen anderer Beobachter oder eine Schwangerschaft.

Im körperlichen Bereich gibt es Anzeichen, die Erwachsene aufmerken lassen sollten. Geschulte Kinderärzte müssen dann unterscheiden, ob das Kind einen Unfall hatte oder von Erwachsenen so zugerichtet wurde.

Die Hinweise im emotionalen und Verhaltensbereich sind vielfältig abhängig von der jeweiligen Altersstufe des Kindes. Man sollte aufmerken, wenn ein Kind plötzlich sein Verhalten ändert, z.B. apathisch wird, obwohl es vorher aufgeweckt war, hyperaktiv, obwohl es vorher ruhig war, es plötzlich aufhört sich mitzuteilen oder an schulischen oder außerschulischen Unternehmungen nicht mehr teilnimmt, obwohl es früher mit Begeisterung dabei war.

Hier noch einige Beispiele:
Angst vor Badezimmern/Schlafzimmern, die Weigerung sich auszuziehen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Albträume, Tagträume, Abgleiten in Fantasiewelten, nicht altersgemäße sexuelle Spiele bzw. sexualisierendes Verhalten, Veränderungen der Essgewohnheiten wie nervöses, unkonzentriertes Herumstochern im Essen oder aber auch zwanghaftes, übermäßiges Essen als Trost usw.

Die Narben des sexuellen Missbrauchs

Beim sexuellen Missbrauch wird die innere und die äußere Grenze eines Menschen zutiefst verletzt. Übergriffe wie sexuelle Gewalttaten verletzen die äußere Grenze so massiv, dass diese keinen Schutz mehr für die innere Grenze bietet. Als Reaktion auf die Verletzung baut der Kern eine Schutzschicht auf – verhärtet sich. Man verschafft sich Abstand, um weniger verletzbar zu sein. Dies führt zu Verhaltensweisen, die verrückt anmuten. Aber diese Störungen sind Überlebensmechanismen.

Im weiteren Verlauf werden nun verschiedene Folgen aufgezeigt.

1. Emotionale Reaktionen

Vertrauensverlust

Sexueller Missbrauch erschüttert das Vertrauen in die Umgebung und die eigene Person sehr stark. Vertrauen heißt missbraucht werden und deshalb misstrauen missbrauchte Kinder folglich ihrer gesamten Umgebung. Sie unterliegen einem Redeverbot und verlieren deshalb auch das Vertrauen in die eigene Kraft und sehen sich als wehr- und wertlos an.

Schuldgefühle

Meistens besteht eine Beziehung zwischen Opfer und Täter, die durch Vertrauen, Angewiesensein und Zuneigung gekennzeichnet ist. Schuldig fühlen sich die Kinder, weil sie denken selbst Anlass zu dem sexuellen Missbrauch gegeben zu haben oder sie bekommen sogar das Gefühl, selbst beteiligt zu sein, da sie nicht „Nein“ sagen konnten. Da betroffene Kinder den Täter mögen oder lieben suchen sie nach entschuldigenden und rationalisierenden Erklärungen für den Missbrauch. Sie können einfach nicht glauben, dass dieser etwas „böses“ macht.

Schamgefühle

Die betroffenen Frauen schämen sich für die ihnen zugefügten Verletzungen, für ihre Familie, für den Täter – und vor allem: ihrer eigenen Existenz. Sie fühlen sich beschmutzt, benutzt und ekeln sich vor sich selbst.

Ohnmacht

Sexuell missbrauchte Kinder fühlen eine große Hilflosigkeit: Sie werden gerade von dem gepeinigt, der ihnen eigentlich Schutz gewähren sollte. Sexueller Missbrauch ist Seelenmord. Jegliches Recht auf Selbstbestimmung wird den Opfern abgesprochen, ihr Wille wird konstant gebrochen. Sie müssen blind gehorsam sein.

Angst

Die Angst wird zum zentralen Lebensgefühl von Betroffenen. Sie ist immer da: Angst vor Übergriffen, Angst vor der Veröffentlichung des Geheimnisses, vor dem Zerfall der Familie, vor den Reaktionen der Umwelt, vor Verlust von Liebe.

Rückzug auf sich selbst

Tiefe Ausweglosigkeit führt zu komplizierten Spaltungsmechanismen, die den Körper zu etwas fremdem, „falschen“ zu machen versuchen. Das Selbst zieht sich zurück in einen schützenden Kern, unerreichbar für den Missbrauch, aber genauso fern von allen liebevollen Kontakten zu anderen Menschen.

Geringes Selbstbewusstsein

Scham- und Schuldgefühle schwächen das Selbstbewusstsein von Kindern.

Zwanghaftes Verhalten

Betroffene fühlen sich beschmutzt. Sie reagieren darauf zwanghaft mit zig-maligem duschen am Tag oder ähnlichem.

2. Körperliche Verletzungen

Häufige Auswirkungen des Missbrauchs sind Verletzungen im Genitalbereich und Geschlechtskrankheiten.

3. Körperliche und psychosomatische Folgen

Schlafstörungen
Konzentrationsstörungen
Sprachstörungen und Legasthenie
Hauterkrankungen
Bauchschmerzen und Unterleibsschmerzen
Schwangerschaften
Blutungen
Lähmungen
Magersucht
Esssucht

4. Autoaggressionen

Drogen- und Alkoholabhängigkeit

Drogen- und Alkoholkonsum helfen Betroffenen, die Erinnerung an die sexuelle Gewalterfahrung zu betäuben und aus der nicht aushaltbaren Realität zu flüchten.

Selbstverstümmelung

Mädchen und Jungen bestrafen sich selbst, indem sie brennende Zigaretten auf der Haut ausdrücken oder sich Schnitte beibringen. Andere verletzen sich, um den Schmerz zu spüren, das Blut zu sehen – sie möchten spüren, dass es sie noch gibt, dass sie noch leben.

Suizidversuche

Selbstmord erscheint für viele Opfer als der einzig wirksame Schutz vor den Übergriffen des Täters. Er stellt die einzige Möglichkeit dar, dem Selbsthass, der Scham, der Verzweiflung ein Ende zu setzen.

Arbeitssucht

Viele Betroffene reagieren auch mit einer extremen Leistungsorientierung. Gute Leistungen stärken das geschwächte Selbstwertgefühl und erleichtern eine frühe finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus.

5. Folgen für das soziale Verhalten

Einzelgängertum und Misstrauen
distanzloses Verhalten
frühe Heirat
Streunen, Weglaufen aus dem Elternhaus
sicheres Auftreten in Gruppen bei gleichzeitig ängstlichem Verhalten im Einzelkontakt
auffälliges Verhalten gegenüber bestimmten Männer- und Frauentypen

6. Folgen für die Sexualität

Altersunangemessenes Sexualverhalten von Mädchen und Jungen ist der einzig eindeutige Hinweis auf sexuellen Missbrauch. Kleine Mädchen zeigen oft ein extrem sexualisiertes Verhalten gegenüber anderen Männern.

Gibt es einen Weg, erlebten Missbrauch zu bewältigen?

Wir als Christen glauben, dass Gott unsere seelischen Verletzungen heilen kann und heilen möchte. Er ist unser Schöpfer und kennt uns am besten. Er weiß genau, wo unsere Probleme liegen und Er besitzt die Fähigkeit uns zu helfen. Die Bibel sagt: „Jedoch, unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4-5)

Die Bibel sagt, dass Jesus uns unsere Schuld, unser Leid und unsere Verletzungen abnehmen möchte. Er hat dafür am Kreuz bezahlt und nun dürfen wir alles, was uns belastet bei ihm abladen. Wir müssen es nicht mehr selbst tragen!

Wie könnte solch ein Heilungsprozess praktisch aussehen?

1. Glaube, dass Jesus dich lieb hat, dass er für deine Schuld am Kreuz gestorben ist und dass er die Macht hat, dir ein neues, sinnvolles Leben zu schenken!

Die Grundbedürfnisse eines Kindes nach Sicherheit und Bedeutung werden durch den Missbrauch nicht erfüllt. Dadurch erleidet ein Mensch starke seelische Mängel. Diese Defizite können von anderen Menschen nicht wirklich befriedigt werden, denn Menschen sind fehlerhaft, verletzen und enttäuschen. Allein Jesus kann dieses Vakuum ausfüllen. Er ist die Quelle der Liebe, des Friedens, der Freude, der Vergebung, der Sicherheit, der Geborgenheit. Bei ihm finden wir, was uns unsere Eltern in der Kindheit vorenthielten.

2. Werde ehrlich zu dir selbst und bringe das Vergangene zu Gott!

Die Bibel sagt: „und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32)

Häufig werden Missbrauchserfahrungen verschwiegen oder verdrängt. Am Anfang steht daher, das Geschehene ans Licht zu bringen, die Dinge vor Menschen auszusprechen, Hilfe zu suchen. Vor Gott darf man ganz ehrlich sein: Welche Gefühle, Ängste, Wut habe ich? Während dieses Prozesses kann ich langsam erkennen, welche falschen Einstellungen, Verhaltensweisen und Fluchtmechanismen ich über die Jahre entwickelt habe. Das alles kann ich Gott bekennen und am Kreuz abladen.

3. Gott schenkt dir ein neues Leben und hilft dir, neue Verhaltens- und Denkstrukturen anzunehmen!

Nachdem wir Gottes vergebende Liebe angenommen haben, bekommen wir von ihm auch die Kraft uns zu verändern. Dazu brauchen wir Menschen, die uns begleiten. Eine gesunde Beziehung zu Gott und zu Menschen, von denen wir echte Liebe und Trost, aber auch Korrektur empfangen, kann uns seelisch wieder gesund machen. Nötig hierzu ist jedoch die Bereitschaft auf Menschen, die es gut mit uns meinen und denen wir wichtig sind, zu hören und deren Ratschläge anzunehmen und umzusetzen.

4. Bitte Gott darum, dem Täter vergeben zu können und falsche Schuldgefühle loszuwerden!

Wenn wir uns und anderen nicht vergeben können, werden wir nie wirklich frei werden, denn es bleibt Bitterkeit, Hass und Wut in unserem Herzen zurück. Vergeben heißt, dass Jesus unsere negativen Gefühle in gute Gedanken umwandelt, die von ihm herkommen. Vergeben heißt jedoch nicht, den Missbrauch zu relativieren oder zu entschuldigen. Sexueller Missbrauch ist und bleibt ein Verbrechen an unschuldigen Kindern!



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