Der „afrikanische Prinz“.

Im deutsch-französischen Krieg 1871, der in der Schlacht von Sedan gipfelte, gab es in dieser Stadt ein großes internationales Krankenhaus, das von einem hervorragenden Arzt aus dem St.-Bartholomäus-Krankenhaus geleitet wurde. […] Dieser Arzt war Dr. C. J. Davis, allgemein bekannt als „der gute schwarze Doktor“.

Er kam aus Barbados, sein Vater war ein Europäer, seine Mutter eine Barbadierin. Er selbst war schwarz wie Ebenholz, ein großer und gutaussehender Mann. Wenige Tage vor seinem Tod sandte er mir den folgenden Bericht von seiner letzten Reise, eine Woche bevor er seiner schweren Krankheit erlag.

Er war bei Freunden in Yorkshire gewesen und … in Charing Cross schlenderte er am Bahnsteig entlang und suchte nach einem Sitzplatz, denn der Zug war sehr voll. Schließlich fand er einen im Erste-Klasse-Wagon. Ihm gegenüber saß eine kleine alte Dame mit sehr hellen Augen, die fleißig strickte. Neben ihr saß ein etwas schwerfälliger und korpulenter Mann. In einer entfernten Ecke saß ein Herr, der die Times las, während neben Dr. Davis zwei ältliche und steife Damen waren.

Der Doktor, der von der langen Reise aus dem Norden ermüdet war, legte seinen Hut auf die Ablage und setzte eine Mütze aus dunklem Samt (Fez) auf, deren blaue Quaste und goldene Stickereien ihm ein auffälliges Erscheinungsbild verliehen. Er lehnte sich im Sitz zurück und lauschte mit geschlossenen Augen der folgenden Unterhaltung, denn der Zug hatte kaum den Bahnhof verlassen, als die kleine Dame sich an ihren Mann wandte und sagte:

„Was für ein hübscher Mann, John!“

„Still, Liebes, er könnte hören, was du sagst.“

„Und wenn?“, konterte die Dame. „Er versteht ja kein einziges Wort.“

„Da sei dir mal nicht so sicher.“

„Ach John, du bist so dumm. Siehst du nicht, wer das ist?“

„Nein, Liebes, ich wüsste nicht.“

„Das ist doch einer von diesen afrikanischen Prinzen, von denen du gelesen hast, die gekommen sind, um die Königin zu sehen. Er ist schwarz wie Kohle.“

(Dr. Davis durchzuckte es leicht, als er das hörte, denn auf diesem Gebiet war er sehr empfindlich.)

„Du kannst doch nicht wissen, wer er ist, Liebes“, flüsterte John.

„Ich sag’ dir, er ist ein afrikanischer Prinz“, sagte seine kleine Frau entschieden. „John, ist der Gedanke nicht schrecklich, dass dieser arme Heide jetzt dieses Land verlässt und vielleicht nicht einmal weiß, dass er eine Seele hat. Ich finde das eine Schande.“

„Wir können es nicht ändern, Liebes“, sagte John beruhigend.

„Nein, können wir nicht“, antwortete die Dame seufzend. „Wenn ich seine Sprache sprechen könnte, würde ich es ihm sofort sagen. Es ist furchtbar, darüber nachzudenken.“ John grunzte und die Dame nahm mit einem Seufzer ihr Strickzeug wieder auf, denn sie hatte ein gütiges Herz.

In dem Moment fuhr der Zug am Kristallpalast vorbei. Seine Glasscheiben leuchteten wie Diamanten in den Strahlen der Abendsonne. Der Mann hinter der Times brach das Schweigen: „Was für ein wunderbares Gebäude! Wie schön es aussieht! Ich hörte, es sei abends voller Studenten. Welche Vorteile unsere jungen Leute heute haben. Zu meiner Schulzeit gab es so etwas nicht. Die jungen Männer und Frauen sollten dankbar sein für die heutige Zeit.“

„Ich weiß nicht“, antwortete die kleine Dame, an die er anscheinend seine Worte gerichtet hatte. „Ich kann nicht feststellen, dass die Kinder heute besser sind als wir damals; in manchen Dingen sind sie sogar schlechter. Diese vielen Vergnügungsorte richten viel Schaden an. Die Jungen und Mädchen tun und lassen so ziemlich das, was sie wollen. Und was die Moral angeht, darüber reden wir lieber gar nicht.“

Dr. Davis witterte seine Möglichkeit, öffnete langsam seine Augen, beugte sich nach vorne und sagte in reinstem Englisch: „Moral, Ma’am?“

Die kleine Frau fiel aus allen Wolken. Sie sprang regelrecht von ihrem Sitz hoch und als sie wieder gelandet war, sagte sie zaghaft: „O, das tut mir leid, Sir. Ich wusste nicht, dass Sie unsere Sprache verstehen. Was müssen Sie von mir denken!“

„Sie sprachen, glaube ich, von Moral, Ma’am“, wiederholte Dr. Davis.

„Ja, das habe ich, Sir.“

„Und was ist Moral?“

„Moral ist eine sehr gute Sache, Sir. Wir können nicht ohne sie leben, nicht wahr, John?“

„Nein, Liebes, ich glaube nicht. Jedenfalls werden wir es nicht versuchen, Sir.“

„Moral ist eine sehr gute Sache für beide Welten, Sir“, ergänzte seine Frau.

„Für beide Welten?“, fragte er.

„Für beide Welten, Sir. Neben unserer gibt es noch eine andere – sogar zwei, die eine heißt Himmel und die andere Hölle.“

„Und was hat es damit auf sich, Ma’am?“

„Der Himmel“, antwortete die Frau, sichtlich erfreut, mit dem „afrikanischen Prinzen“ ins Gespräch gekommen zu sein, „ist dort, wo die Engel sind und wo alle guten Menschen hinkommen – alles ist Gold und Glas und Harfen und Glück; und die Hölle ist da, wo der Teufel ist, und ist ein furchtbarer Ort, wo alle schlechten und bösen Menschen sind – überall Flammen und schreckliche Dunkelheit; und an den einen oder den anderen Ort müssen wir gehen, wenn wir sterben.“

Der „afrikanische Prinz“ lehnte sich interessiert nach vorne.

„Und wie können wir in den Himmel kommen, Ma’am?“

„Nun, Sir“, sagte die kleine Dame, während sie John triumphierend anblickte, „das ist ganz einfach. Sie müssen natürlich gut sein, freundlich zu allen und jedem seine Vergehungen vergeben. Und Sie müssen getauft sein und ihre Sünden bereuen und zur Kirche gehen und am Abendmahl teilnehmen und Ihre Feinde lieben und den Armen helfen und anderen so tun, wie Ihnen selbst getan werden soll und – und das ist der Weg zum Himmel. Stimmt’s John?“

„Richtig, Liebes“, sagte John und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort: „Aber wenn du so weitermachst, redest du dich noch um Kopf und Kragen.“ Dann wandte er sich an Dr. Davis, der immer noch freundlich zuhörte: „Ich würde sagen, Sir, wenn sie weitere Informationen zu diesen Themen haben möchten, wir haben einen hervorragenden Pfarrer in Folkestone, der ihnen alles erzählen kann, was Sie wissen möchten. Ich kann Ihnen seine Adresse geben.“

„Sir“, antwortete der schwarze Doktor, „wir reisen mit 50 Meilen pro Stunde und ich möchte gerne jetzt sicher sein, was der Weg zum Himmel ist.“

Da schaltete sich die kleine Dame pikiert ein: „Habe ich es ihnen nicht gerade Wort für Wort erklärt, so wie es in der Bibel steht, Sir?“

„In der Bibel, Ma’am?“

„In der Bibel, Sir, die Bibel ist Gottes Buch, das Er geschrieben hat, um uns den Weg zum Himmel zu erklären. Sie werden dort alles genau so finden, wie ich es ihnen gesagt habe. Und, wie mein Mann schon sagte, wenn Sie den Pfarrer sprechen möchten, werden Sie sehen, dass er genauso über alles das Bescheid weiß.“

„O, Ma’am“, sagte der Doktor, „ich würde es so gerne in der Bibel nachsehen.“

„Das sollen Sie“, antwortete die kleine Dame und begann in ihrer Tasche zu kramen. Nachdem sie sie eine Weile erfolglos durchsucht hatte, wandte sie sich an den wenig verständnisvollen John: „Hast du irgendwo eine Bibel?“

„Nein, Liebes, habe ich nicht; du hättest den Herrn besser in Ruhe gelassen.“

Doch die Dame ließ sich nicht in ihrem Missionseifer einschüchtern.

„Entschuldigen Sie, Sir“, wandte sie sich an den Herrn in der Ecke, „haben Sie eine Bibel?“

„Nein, habe ich nicht, Ma’am; und ich halte diese religiösen Gespräche in einem Zugabteil für höchst unangebracht.“

„Haben Sie eine Bibel?“, fuhr die kleine Dame fort, die sich nicht einschüchtern ließ, indem sie sich an die alten Jungfern wandte.

„Ich fürchte nein“, antworteten beide nacheinander.

„Du liebe Zeit!“, sagte die kleine Dame. „Ich fürchte, Sir, wir haben keine Bibel im Abteil. Es tut mir so leid. Aber ich habe Ihnen den Weg zum Himmel Wort für Wort erklärt. Und wie mein Mann, John, schon sagte, unser Vikar wird sich sehr freuen, Sie in Folkestone zu sehen.“

„Ich wünschte, ich könnte den Abschnitt jetzt sehen“, sagte Dr. Davis mit einem Seufzer, lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen.

Die kleine Dame blickte ihren Zuhörer eine Zeitlang ernst an und dann nahm sie mit einem leichten Seufzer ihr Strickzeug wieder auf und zog sich vom Missionsfeld zurück.

Es war wieder still geworden im Abteil, während der Zug durch die Abenddämmerung ratterte.

Nach einer Weile fasste Dr. Davis langsam in seine Manteltasche und zog ein Büchlein hervor. Er beugte sich wieder vor, hielt es der Dame hin und fragte: „Suchten Sie vielleicht das hier?“

„Du liebe Zeit, ja, Sir. Genau das ist es – das Neue Testament.“

„Testament, Ma’am?“

„Ja, Sir, die Bibel hat zwei Testamente; es gibt das Alte und das Neue Testament.“

„Und welches von beiden ist dieses, Ma’am?“

„Das ist das Neue Testament, Sir.“

„Und in welchem finden wir den Weg zum Himmel?“

„Natürlich im Neuen, Sir, genau in diesem Buch.“

„Wären Sie so freundlich, mir den Abschnitt zu zeigen, von dem Sie sprachen, Ma’am?“

„Mit Vergnügen, Sir“, sagte die Dame in wiedererwachtem Missionseifer und nahm das Buch zur Hand.

Dann blätterte sie schnell die Seiten durch, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Nachdem sie einen Blick zur Decke geworfen hatte, als ob sie auf eine Eingebung wartete, blätterte sie erneut die Seiten durch. Der Doktor ließ sie die ganze Zeit nicht aus den Augen.

Nachdem sie einige Minuten vergeblich geblättert hatte und ihr Gesicht immer roter wurde, wandte sie sich an ihren Mann: „John!“

„Ja, Liebes?“

„Weißt du, wo die Stelle ist, die uns den Weg zum Himmel zeigt?“

„Nein, weiß ich nicht, Maria; ich habe doch gesagt, du redest dich um Kopf und Kragen. Ich habe wirklich keine Ahnung, wo das steht.“

In ihrer Verzweiflung blätterte die Dame die Seiten noch einmal durch, aber vergeblich. „Ich fürchte, Sir, ich kann ihnen die genaue Stelle nicht sagen. Ich meine, es müsste hier irgendwo sein. Mein armer Kopf ist nicht mehr der jüngste und ich kann mich nicht mehr an den Vers erinnern. Aber es steht drin, Sir, genau wie ich es ihnen sagte, ich weiß es auswendig.“

„Gestatten Sie, Ma’am?“, sagte Dr. Davis höflich, nahm ihr vorsichtig das Testament aus den Händen, schlug Johannes 3,16 auf und zeigt mit seinem Finger auf die Stelle. „War das der Abschnitt?“

„Du liebe Zeit, ja, Sir, genau die Worte sind es. Genau wie ich es sagte. Jetzt können sie selbst lesen, Sir, dass ich ihnen die Wahrheit gesagt habe“, sagte sie triumphierend und lehnte sich zurück.

„Gestatten Sie, dass ich den Vers laut lese, Ma’am?“

„Natürlich, Sir, lesen Sie.“

Also las Dr. Davis: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“

„Da haben Sie’s, Sir“, sagte die Dame in bester Laune und offensichtlich ohne jeden Verdacht, welcher Sturm gleich hereinbrechen würde, „das sind die Worte, die ich Ihnen sagte. Ich bin so froh, dass Sie sie gefunden haben. Ich wusste, sie müssen irgendwo sein.“

„Augenblick, Ma’am, ich möchte erst dem Herrn in der Ecke ein Wort sagen. Sir, ich weiß nicht, wer Sie sind oder wie Sie sich nennen, aber eins weiß ich: Wer sagt, dass ein englisches Zugabteil nicht der Ort sei, wo ein angeblicher Heide (und Gott sei Dank bin ich keiner) den Weg zum Himmel kennenlernt, der verdient nicht den Namen Engländer!“

Die kleine Dame klatschte leise Beifall.

„Und nun zu Ihnen, Ma’am“, fuhr er fort, „Sie sind noch zehnmal schlimmer. Ich kam in dieses Abteil, und Sie glaubten, ich sei ein heidnischer Prinz, und waren darauf erpicht, mir den Weg zum Himmel zu zeigen; ich fragte Sie danach, und Sie sagten mir, ich solle dies und das und jenes tun, aber Sie haben mit keiner Silbe erwähnt, was Christus für mich getan hat. Kein Sterbenswörtchen von dem, was Sie mir gesagt haben, steht in diesem herrlichen Vers. Und was tatsächlich darin steht, davon haben Sie mir nichts gesagt. Sie haben mich total in die Irre geführt. Ihr Evangelium hat drei Buchstaben: Es heißt ‚T-U-N‘, tun; und meins heißt ‚G-E-T-A-N‘, getan; das ist ein großer Unterschied.“

Die arme Missionarin sank zusammen, während der angebliche Heide einer jetzt aufmerksamen Zuhörerschaft das Evangelium vom Kreuz verkündigte, bis der Zug in den Bahnhof von Folkestone Harbour einfuhr.

In seinen Regenmantel gehüllt, ging Dr. Davis zum Schiff, weil ein feiner Regen eingesetzt hatte, als er plötzlich ein leichtes Zupfen an seinem Mantel spürte. Als er sich umdrehte, sah er, dass ihm die beiden alten Jungfern auf den Fersen waren.

„Oh, Sir“, sagte die, die ihn am Mantel gezupft hatte, „Sie müssen entschuldigen, aber wir konnten Sie nicht gehen lassen, ohne Ihnen für den Segen zu danken, den wir durch Ihre Worte erfahren haben.“

„Wir hatten immer gedacht, wir müssten unser Bestes tun, um in den Himmel zu kommen. Wir haben nie verstanden, dass unser Herr und Heiland Jesus Christus das ganze Sühnungswerk für uns getan hat und dass wir schon jetzt wissen dürfen, dass wir errettet sind.“

„Sir“, fuhr sie mit Tränen in den Augen fort, „wir werden Gott bis in alle Ewigkeit für diesen Nachmittag zu danken haben.“

Eine Woche später war Dr. Davis selbst in die ewige Ruhe eingegangen.

A. T. Schofield Bibelstudium.de

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