Erbsünde

Mit Erbsünde haben viele ihre Probleme. Warum sollte eine Sünde, die meine Eltern getan haben, mir in irgendeiner Weise angerechnet werden? Ich habe die Sünde doch nicht getan? Ist das nicht ungerecht? In der Bibel kommt das Wort Erbsünde zwar nicht vor, aber es findet sich das Prinzip, dass ein heiliges oder eine sündiges Leben Auswirkungen nicht nur auf einen selbst, sondern auch auf die Nachkommen haben wird. So steht beispielsweise in den zehn Geboten: "Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist an Tausenden von Generationen von denen, die mich lieben und meine Gebote halten." (2. Mose 20, 5+6) Auf den ersten Blick wirkt das ungerecht. Auf den zweiten Blick ist es ungerecht, wenn es nicht so wäre.

Es gibt verschiedene Gedanken, wie einem der Sinn der zuerst fremd wirkenden Erbsünde deutlich wird. Einer davon wird im Folgenden erklärt. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass Gott uns mit unseren Eltern viel mehr als Einheit sieht, als wir das oft selbst tun. Er sieht beispielsweise die Mutter und die Tochter nicht als zwei komplett voneinander losgelöste Individuen, sondern in gewisser Weise als Einheit. Und tatsächlich vererbt sich ja sehr viel. Das Aussehen vererbt sich, manchmal die Haarfarbe, die Nasenform und die Stimme. Oft auch Hab und Gut. Auch wird die Persönlichkeit maßgeblich von den Eltern geprägt. Oft bringen aggressive Eltern auch aggressive Kinder hervor, beziehungsweise liebevolle Eltern auch liebevolle Kinder. Vieles, was sich die Kinder an Wesenseigenheiten angelernt haben, wurde unbewusst von den Eltern übernommen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber Schuld? Wieso sollte sich Schuld vererben?

Deutlich wird es an Hand eines Vergleiches. Angenommen, jemand gründet eine Firma. Nennen wir ihn Max. Max gründet eine Klamottenfirma. Zu der Firma gehört eine große Produktionshalle mit vielen Maschinen und jede Menge bunte Stoffe und Materialien, aus denen die Klamotten und Schuhe gefertigt werden. Allerdings kam die Firma nicht aus dem Nichts. Max hatte nicht soviel Geld, um das alles zu kaufen, deshalb hat er einen Kredit aufgenommen. Mit dem Kredit hat er sich dann die Firmenhalle, die Maschinen und das Material gekauft. Man kann festhalten: Die Sachen auf der Haben-Seite (Firmenhalle, Maschinen, Material) hat Max nur, weil er Schulden (Kredit) gemacht hat. Nun wird Max alt und kurz vor seinem Tod will er die Firma seinem Sohn Mäxchen vererben. Er kann ihm nun aber nicht ausschließlich die Maschinen ohne die Schulden vererben. Das wäre ungerecht demjenigen gegenüber, der das Geld zur Verfügung gestellt hat. Denn die Maschinen hat Max ja nur, weil er auf der anderen Seite auch Schulden gemacht hat. Wenn, dann muss er beides vererben.

Die Firma von Max kann man als Bild sehen für alles, was wir von unseren Eltern bekommen. In unseren ersten Lebensjahren – vielleicht die ersten 10 bis 20 Jahre – bekommen wir von unseren Eltern praktisch alles geschenkt. Essen, Kleidung, Zeit, die sie in uns investieren, Zuneigung, Zuspruch und noch vieles mehr. Nicht jeder hat ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, aber faktisch hat so gut wie jeder Mensch in seinen ersten Lebensjahren unheimlich und unmessbar von seinen Eltern profitiert. Doch woher haben unsere Eltern all dieses Geld, all diese Energie, die sie uns schenken? Es kommt nicht aus dem Nichts. Möglicherweise haben sie Schuld auf sich geladen, als sie an das Geld kamen. Spielen wir einmal den Extremfall durch, dass die Eltern das Geld geklaut haben. Dann wird das Kind mit Geld großgezogen, dass die Eltern nur aus dem Grund haben, weil sie Schuld auf sich geladen haben. Sie haben das Geld vielleicht von einer anderen Familie gestohlen, die auch ein Kind großziehen. Damit haben wir zwei Familien: Die eine Familie hat nichts gearbeitet, sondern all ihre Zeit in die Erziehung gesteckt und Geld gestohlen, um so ihr Kind gut ernähren zu können. Die andere Familie hat viel gearbeitet und war dadurch gezwungen, weniger Zeit für der Erziehung des Kindes zu verwenden. Allerdings wurde Ihnen von der ersten Familie das Geld gestohlen, so dass sie ihr Kind nur spärlich ernähren konnten. Die Eltern starben mit der Zeit und es bleiben zwei Kinder: Das eine voller Selbstbewusstsein und wohlgenährt, das andere vernachlässigt und abgemagert. Auch wenn die beiden Kinder selbst nichts dafür können: Das ist ungerecht. Wenn das wohlgenährte Kind es auch nicht selbst verschuldet hat, so steht es trotzdem in der Schuld. Es hat die Sünde zwar nicht selbst getan, aber es hat davon profitiert.

Kommentar verfassen