Das Christentum ist für so viel Unrecht verantwortlich

In Irland erzählte mir eine Studentin, sie sei einmal sehr gläubig gewesen, könne aber nun nicht mehr glauben. Sie war im Norden Irlands aufgewachsen und hatte erlebt, wie sich der Hass und Fanatismus christlicher Gruppen in Gewalt äußerte. Wenn es um das Thema Glaube geht, dann bringen wir alle unsere persönlichen Erfahrungen in die Diskussion mit. Hast du Christen kennen gelernt, die überlegt, liebevoll und nett zu dir waren, dann erscheint dir der christliche Glaube viel plausibler. Wenn deine Erfahrungen jedoch fast ausschließlich aus Begegnungen mit Namenschristen (solche die den Namen tragen, es aber nicht praktizieren) bestehen oder mit selbstgerechten Fanatikern, dann werden fast alle Argumente für den Glauben an dir abprallen. In diesem Artikel sollen nun drei Themen angesprochen werden. 1. Grobe Charakterschwächen von Christen, 2. Krieg und Gewalt im Namen des Christentums, 3. Fanatismus.

1. Charakterschwächen

Jeder, der längere Zeit mit Christen verbringt, wird sich schnell der vielen Charakterschwächen im Leben des durchschnittlichen Christen bewusst werden. Christliche Gemeinschaften scheinen mehr als viele andere gesellschaftliche Vereinigungen durch Kämpfe und Parteiungen gekennzeichnet zu sein. Gleichzeitig gibt es viele nichtreligiöse Menschen, die vorbildliche Leben führen. Wenn der christliche Glaube wirklich die Wahrheit ist, sollten Christen nicht besser als alle anderen leben?

Diese Vermutung basiert auf falschen Annahmen über den christlichen Glauben. In Jakobus 1, 17 steht: “Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter”. Also, egal wer es ausführt, jede gute Tat, Weisheit, Gerechtigkeit und Schönheit hat ihren Ursprung bei Gott. Gott schüttet in seiner Gnade gute Gaben der Weisheit, Talentiertheit und Schönheit auf die gesamte Menschheit aus, unabhängig von religiöser Überzeugung, ethnischer Gruppierung, Geschlecht oder irgend einer anderen menschlichen Kategorie. Laut der Bibel können wir nur durch Gottes verschwenderische Gnade eine Beziehung mit Gott bekommen. Unsere eigenen moralischen Anstrengungen sind zu schwach und falsch motiviert, als dass wir uns je unsere Errettung verdienen könnten. Jesus hat uns durch seinen Tod und seine Auferstehung die Errettung angeboten, die man als Geschenk annehmen kann. Das erklärt auch die interessante Zusammensetzung von Menschen in christlichen Gemeinden. Dort befinden sich gerade diejenigen Menschen, die unreif und zerbrochen sind. Jemand hat mal gesagt: Die Gemeinde ist ein Krankenhaus für Sünder, kein Museum für Heilige.

2. Religion und Gewalt

Führt Religion nicht zwingend zur Gewalt? Der atheistische Autor Christopher Hitchens vergleicht Religion mit Rassismus und erzählt von religiöser Gewalt in Belfast, Beirut, Bombay, Belgrad, Bethlehem und Bagdad. Sein Argument ist nachvollziehbar. Christliche Länder haben durch die Inquisition und den afrikanischen Sklavenhandel Imperialismus, Gewalt und Unterdrückung institutionalisiert. Das totalitäre und militaristische japanische Reich in der Mitte des 20. Jahrhunderts war stark von Buddhismus und Shintoismus beeinflusst. Der Islam ist ein Nährboden für einen Großteil des heutigen Terrorismus und israelische Streitkräfte sind für ihr brutales Vorgehen bekannt. Hinduistische Nationalisten verüben blutige Anschläge auf Christen und Muslime. Das Problem an seiner Kritik ist, die Gräueltaten der atheistische Regimes im 20. Jahrhundert stehen der religiösen Gewalt in nichts nach.

3. Fanatismus

Viele Menschen lehnen den christlichen Glauben ab, weil sie Gläubige getroffen haben, die lautstark gegen bestimmte Gruppen oder Bereiche der Gesellschaft protestieren. Kino und Fernsehen, Linke, Homosexuelle, Evolutionisten oder Angehörige anderer Religionen werden von ihnen auf intolerante und selbstgerechter Weise abgelehnt. Eine solche fanatische Form des Christentums ist jedoch nichts anderes als Moralismus, zur Zeit Jesu hießen solche Menschen Pharisäer. Pharisäische Menschen meinen auf Grund ihres moralischen Verhaltens und der richtigen Lehre von Gott angenommen zu sein. Die Hauptbotschaft des Christentums ist jedoch Errettung aus Gnade. Diese Ansicht ist zutiefst demütigend. Fanatiker sind keine besonders hingegebenen Christen, sondern nicht hingegeben genug an den Gott der Gnade.
Die Bibel ist voll von Kritik für Extremisten und Fanatiker, die andere Menschen ausbeuten und unterdrücken. Marx meinte, Religion sei ein Instrument der Unterdrückung. Die hebräischen Propheten Jesaja, Jeremia, Amos und schließlich Jesus haben das schon lange Zeit vorher gesagt. Jesus sagt zur Oberschicht seiner Zeit: “Wahrlich ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes.” (Matthäus 21,31) Ähnlich klingt die Kritik am bibeltreuen Establishment von Jesaja:

“Sie suchen mich Tag für Tag und erheben den Anspruch, meine Wege zu kennen, wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat; sie verlangen von mir gerechte Urteile, begehren die Nähe Gottes: ‘Warum fasten wir, und du siehst es nicht, warum kasteien wir unsere Seelen, und du beachtest es nicht?’ Seht, an eurem Fastentag geht ihr euren Geschäften nach und treibt alle eure Arbeiter an! … Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: dass ihr ungerechte Fesseln losmacht…. dass ihr die Unterdrückten freilasst und jegliches Joch zerbrecht? Besteht es nicht darin, dass du dem Hungrigen dein Brot brichst und arme Verfolgte in dein Haus führst, dass, wenn du einen Entblößten siehst, du ihn bekleidest…? (Jesaja 58, 2-7)

Viele Gegner des Christentums benutzen Kritikpunkte, die aus dem christlichen Glauben heraus in unserer Kultur Eingang gefunden haben, um das Christentum zu kritisieren. Doch wenn man den christlichen Glauben völlig ablehnt, hat man keine Standards mehr, um zu kritisieren. Statt dessen sollten wir anfangen, den christlichen Glauben besser zu verstehen. Die Bibel selbst warnt uns vor dem Missbrauch der Religion und in der Geschichte gab es immer wieder Christen, die sich vorgenommen hatten, die Religion zu korrigieren.

Martin Luther King, Jr z.B., konfrontierte die weißen Christen in den Südstaaten der USA mit ihrem Rassismus. Er sagte, Menschen, die im Namen Christi Unrecht getan haben, handeln nicht im Geist dessen, der selbst als ein Opfer des Unrechts starb und zur Vergebung seiner Feinde aufrief. Er berief sich auf den Propheten Amos, der sagte: “Es soll aber das Recht einherfluten wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Strom!” (Amos 5, 24) In unserem Land deckte Dietrich Bonhoeffer die geistliche Kälte und Selbstzufriedenheit auf, die Viele zu einer Zusammenarbeit mit Hitler führte und dazu, dass sie die Augen vor den Gräueltaten der Nazis verschlossen. Bonhoeffer wurde schließlich verhaftet und gehängt. Das sind Beispiele wahren Christentums. Wie Jesus gaben sie ihr Leben für Andere.