Das Christentum ist eine Zwangsjacke

„Die Christen, die ich kenne, machen mir alle den Eindruck, dass sie nicht die Freiheit haben, selbstständig zu denken. Ich finde, jeder Mensch muss doch selber festlegen, was für ihn die Wahrheit ist.“

Ist der Glaube, dass es eine absolute Wahrheit gibt, ein Feind der Freiheit? Viele Menschen denken, das Christentum enge ihre Mitglieder ein, sie sind nicht mehr fähig, selbstständig zu denken und es behandele die eigenen Leute wie kleine Kinder, denen man bis ins Letzte vorschreibt, was sie zu tun oder zu lassen haben. Freiheit sei ein Fremdwort des Christentums und eben dieses ein Feinbild des gesellschaftlichen Zusammenseins, der kulturellen Flexibilität, ja des echten Menschseins.

Der moderne Mensch begreift die Freiheit so, dass jeder sich seine eigene Vorstellung von der Existenz und vom Sinn des Universums selbst definieren kann. Wahre Freiheit sei die Freiheit, in der ich mir meinen eigenen Sinn im Leben schaffen kann. Doch diese Einwände beruhen auf falschen Vorstellungen darüber, was Wahrheit, was Gemeinschaft, was das Christentum, ja was Freiheit eigentlich wirklich sei, so sagt Timothy Keller.

Wahrheit ist unvermeidbar

Viele Philosophen, von Foucault bis hin zu den Schülern Nietzsches, waren der festen Überzeugung, dass jeder Wahrheitsanspruch in Wirklichkeit Machtspiele sind. Wenn ich behaupte, die Wahrheit zu besitzen, versuche ich in Wirklichkeit, Macht über meine Mitmenschen zu bekommen. Doch dieser Versuch, alle Wahrheitsansprüche auf diese oder ähnliche Weise zu erklären, führt zwangsläufig in eine Sackgasse. C.S. Lewis schreibt darüber:

„Aber man kann nicht endlos wegerklären, sonst wird man plötzlich feststellen, dass man die Erklärung selbst wegerklärt hat. Man kann nicht endlos die Dinge „durchschauen“. Durch sie hindurchschauen hat nur Sinn, wenn man durch sie hindurch etwas sieht. Es ist gut, dass ein Fenster durchsichtig ist, weil die Straße oder der Garten dahinter undurchsichtig sind. Wie, wenn man auch durch den Garten hindurchsehen könnte? … Wenn man durch alles hindurchschaut, dann ist alles durchsichtig. Aber eine völlig durchsichtige Welt ist unsichtbar geworden. Wer alles durchschaut, sieht nichts mehr.“

Es kann nicht alle Wahrheit ein Anspruch auf Macht sein, sonst wäre jede Aussage ein solcher Anspruch und die Welt wäre irgendwann durchsichtig, man sieht nichts mehr. Wenn ich alle Wahrheit durchschaue, stoße ich auf das Problem, dass ich alles wegerklärt habe. „Wenn ich behaupte, dass alle Wahrheitsbehauptungen Machtspiele sind, dann gilt das ebenso für diese Behauptung“, so Keller. Das ist ein Denken, das alles Denken abschafft, und dies ist das einzige Denken, das man abschaffen sollte.

Keine Gesellschaft kann total offen sein

Das Christentum erwartet von seinen Mitgliedern, dass sie bestimmte Dinge glauben, wenn sie dazugehören wollen, es ist nicht für alle offen. Das führe zu sozialen Spannungen, so die Kritiker. Eine liberale Demokratie kann so nicht funktionieren, sie weisen darauf hin, dass in einer solchen Demokratie Anhänger verschiedener Religionen und verschiedener Rassen miteinander friedlich leben, wo es reicht, dass jeder des anderen Privatssphäre und Rechte achtet und akzeptiert.

Leider ist das viel zu einfach. Eine liberale Demokratie besteht aus viel mehr Pflichten und einer ganzen Reihe von Grundannahmen, deren Missachtung ebenfalls zum Ausschluss führen würde. Insbesondere sind dies die Betonung der Rechte des Individuums gegenüber der Gemeinschaft, der Trennung zwischen privater und öffentlicher Moral und der Unantastbarkeit der persönlichen Entscheidungsfreiheit – lauter Dinge, die anderen Kulturen fremd sind. Jedes Gemeinwesen gründet auf verschiedenen Grundannahmen, Überzeugungen, Werten, die automatisch Grenzen schaffen und die einen Menschen in ihre Kreise ein- und andere ausschließen!

Tim Keller gibt dazu ein Beispiel: „Stellen Sie sich vor, eines der Vorstandsmitglieder des Zentrums für Schwule, Lesben und Transsexuelle in Ihrer Stadt verkündet: „Ich habe eine Bekehrung erlebt und glaube jetzt, dass Homosexualität Sünde ist.“ Nach einigen Wochen weigert er sich immer noch, diese Behauptung zurückzuziehen. Oder einer der Leiter einer Initiative gegen Schwulenehen sagt: „Ich habe entdeckt, dass mein Sohn schwul ist, und finde, er hat das Recht, seinen Partner zu heiraten.“ Egal, wie tolerant und flexibel die übrigen Mitglieder der jeweiligen Gruppen sind, der Tag kommt, so sie den Rebellen sagen müssen: „Du kannst nicht mehr bei uns mitmachen, da du unser Anliegen nicht mehr teilst.“ Die erste dieser beiden Vereinigungen gilt als „liberal“, die zweite als „ausgrenzend“, (aufgrund ihrer Zielsetzung), aber in der Praxis gibt es kaum einen Unterschied bei ihnen.“

Wir können eine Gruppe nicht deswegen als „ausgrenzend“ bezeichnen, weil sie gewissen Standards für die Mitgliedschaft hat, eher muss jede Gemeinschaft von ihren Mitgliedern eine verbindliche Grundlage einfordern. So auch das Christentum.

Das Christentum ist keine kulturelle Zwangsjacke

Dem Christentum wird oftmals nachgesagt, es treibe Kulturen in eine Art Zwangsjacke, die den Multikulturalismus und den Pluralismus behindert. Doch Tatsache ist, dass sich das Christentum als weitaus flexibler und vielleicht auch weniger destruktiv erwiesen hat als der Säkularismus und viele andere Weltanschauungen.

Die Ausbreitung des Christentums erfolgte anders als der jeder anderer Weltanschauung: Wenn wir heute die großen Weltreligionen betrachten, so fällt auf, dass deren kulturelle und spirituelle Zentren heute noch dort liegen, wo die Religion ihren Ursprung hatte. Das Zentrum des Islams liegt heute noch in seiner Wiege – im Nahen Osten. Ebenso verhält es sich mit dem Hinduismus, Buddhismus und dem Konfuzianismus. Ganz anders das Christentum: Wo anfangs noch die Judenchristen dominierten, breitete es sich erst über Mediterranien und später nach West- und Nordeuropa aus. Sein Stempel wurde in der Folge von den westlichen Ländern aufgedrückt, wovon wir heute nicht mehr sprechen können, denn die meisten Christen leben heute in Lateinamerika, Afrika und Asien. Bald werden die Zentren im Süden und Osten der Welt liegen.

Doch warum ist das so? Der afrikanische Forscher Lamin Sanneh gibt eine höchst interessante Antwort: Er beurteilt den Geisterglauben der Afrikaner als eine Art Indikator für die Lehre des Christentums, ihre Sehnsucht nach einer übernatürlichen Welt machte es für das Christentum noch leichter, ihre „endgültige historische Sehnsucht und Hoffnung“ der Afrikaner zu erfüllen. Er schreibt:

„Das Christentum beantwortet diese historische Herausforderung mit einer Reorientierung der Weltanschauung… Die Menschen spürten in ihrem Herzen, dass Jesus ihre Hochachtung vor dem Heiligen und ihre Sehnsucht nach einem unbesiegbaren Retter nicht verspottete, und so schlugen sie ihre heiligen Trommeln für ihn, bis die Sterne am Himmel zu tanzen begannen. Nach diesem Tanz waren die Sterne nicht mehr klein und unbedeutend. Das Christentum half den Afrikanern, neue Afrikaner zu werden, und nicht umgemodelte Europäer.“

Sanneh betont, dass der Säkularismus mit seinem Individualismus die afrikanischen Völker viel mehr bedroht als das Christentum. Das Christentum erneuert und vervollständigt ihre Identität und versucht es nicht zu ersetzen. „Es gibt den Afrikanern die nötige Distanz, ihre Traditionen zu kritisieren, ohne sie abzulegen.“

Tim Keller schreibt dazu weiter: „Es gibt einen lehrmäßigen Kern, der für alle Varianten des Christentums gilt, aber es besteht eine große Freiheit in der Art, wie diese absoluten Aussagen in einer bestimmten Kultur Gestaltung und Ausdruck finden.“

Entgegen der Meinung vieler ist das Christentum keine Kultur zerstörende oder „westliche“ Religion, sondern hat eine viel größere kulturelle Vielfalt entwickelt, als jede andere Religion. Es enthält Weisheiten aus der hebräischen, griechischen und der europäischen Kultur, und wir dürfen uns darauf freuen, wenn Lateinamerika, Asien oder Afrika ihm seinen Stempel aufdrücken.

Freiheit ist nicht einfach

Oft ist die von uns definierte Freiheit nur ein Schein und Schatten von dem, was Freiheit wirklich bedeutet. Der moderne Begriff der Freiheit hängt oft mit Worten wie Selbstverwirklichung oder dem Glauben, sich seinen Lebensstil selbst wählen zu dürfen, zusammen. Doch das ist wieder etwas zu leicht gemacht: Oft ist es so, dass man sich Grenzen und Freiheitsentzug aussetzen muss, um größere Freiheit zu erlangen. Der Musiker muss viel üben, um zu mehr Freiheit in seinem Spiel zu gelangen, und die Disziplin eines Sportlers führt ihn irgendwann zu einer neuen Freiheit. Der Fisch lebt in den Grenzen des Wassers, um seine größtmögliche Freiheit zu erlangen. „In vielen Bereichen des Lebens ist Freiheit nicht so sehr die Abwesenheit von Grenzen als vielmehr die Kunst, sich die richtigen Grenzen zu setzen – die uns mehr Spielraum geben“, so Keller.

So verhält es sich auch mit der Liebe, sie ist der befreiendste Freiheitsverlust, den es gibt. Für eine gesunde Beziehung, sagt er, braucht es die gegenseitige Aufgabe von Unabhängigkeit. So auch für Gott: Das christliche Kreuz sagt, dass Gott sich uns angepasst hat und uns gedient hat, und das auf die radikalstmögliche Art. „Wenn ich erst einmal begriffen habe, wie Jesus sich für mich geändert und hingegeben hat, habe ich keine Angst mehr davor, meine Freiheit für ihn aufzugeben und in ihm die wahre Freiheit zu finden.“