Es kann nicht nur eine wahre Religion geben

„Wie kannst du nur so anmaßend sein zu denken, es kann nur eine wahre Religion geben? Die

Religionen sind alle gleich gut und keine kann für sich behaupten, die absolute Wahrheit zu besitzen. Religiöse Exklusivität ist engstirnig und darüber hinaus gefährlich. Wer so etwas behauptet, der ist Nährboden für Gewalt und ein Feind für den Frieden in der Welt.“

Diese oder ähnliche Einwände gegenüber dem Christentum – und anderen Religionen – hört man immer wieder. Wenn man die Menschen fragt, was ihr größtes Problem mit dem Christentum sei, dann kommt häufig die Aussage: Ich finde ihren Ausschließlichkeitsanspruch arrogant. Oder so ähnlich.

Nun, zunächst gilt es hier allen Respekt vor den anderen Religionen zu wahren, denn letztlich betonen alle, dass es erhebliche und unüberwindbare wie unüberbrückbare Differenzen zwischen ihnen gibt (entgegen der ökumenischen Bewegung). „Wenn die Christen Recht haben und Jesus wirklich Gott ist, dann lieben Juden und Muslime Gott nicht so, wie er wirklich ist, und wenn die Muslime und Juden Recht haben und Jesus nicht Gott ist, sondern nur ein Prophet, dann lieben die Christen Gott nicht so, wie er wirklich ist,“ so drückt es Tim Keller in seinem Buch „Warum Gott?“ aus. Der springende Punkt in dieser Diskussion ist: Ein Ausschließlichkeitsanspruch wird den Religionen nicht nur vorgeworfen, er ist sogar Tatsache und von keinem zu leugnen.

Diese Aussage findest du vielleicht intolerant – eines der Lieblingswörter von Andersdenkenden gegenüber Christen. Du meinst vielleicht, dass es doch wichtig sei, überhaupt an einen Gott zu glauben und zu lieben. Oder dass keine Religion der Wahrheit „näher“ kommt, als die andere. Oder gar, dass wegen solcher Aussagen der Friede auf der Welt in echter Gefahr steht. Diese Meinung ist sogar berechtigt, es ist pontentiell möglich, dass Religionen auf einen gefährlichen Weg lenken, weil sich jede Religion aufgrund ihres Wahrheitsanspruchs den anderen überlegen fühlt.

Doch wie kann das Sicherheitsrisiko minimiert werden? Kann man diesen intoleranten Aussagen so begegnen, dass sie schließlich aus unseren Gesellschaften – und zwar auf der ganzen Welt – verschwinden? Unter den politischen Wortführern und den heutigen Gesellschaften gibt es drei Wege oder Strategien, um die Hoffnung auf Frieden zu nähren: Entweder wir verbieten Religion radikal (1), oder wir machen sie schlecht (2), oder wir erklären sie zur Privatsache (3). Drei Wege um dem Ausschließlichkeitsanspruch zunichte zu machen – Tim Keller hat sie genauer unter die Lupe genommen:

Religion verbieten?

Dies ist eine klassische Methode, um der Religion mit eiserner Hand zu begegnen und zu kontrollieren. Das letzte Jahrhundert hat einige groß angelegte Versuche dazu gesehen – und sie gingen alle schief. Alle kommunistischen Staaten verboten Religion und das Lesen ihrer Schriften: Kambodscha, die Sowjetunion und auch China. Doch was letztlich von diesen Staaten bleibt ist ein immenser Anstieg der Christenheit (in China geht man in wenigen Jahren von über 30 Prozent gläubiger Christen aus) und eine Menge unmenschlicher Verbrechen. Auch die Nazis versuchten auf ihre Weise, die Religion gleichzuschalten und damit letztlich abzuschaffen: das Ergebnis war Unterdrückung. Alister McGrath schreibt in seinem Buch „Geschichte des Atheismus“:

Im 20. Jahrhundert finden wir eines der größten und traurigsten Paradoxe in der Geschichte der Menschheit: dass die größte Intoleranz und Gewalt dieses Jahrhunderts von denen praktiziert wurden, die glaubten, dass die Religion zu Intoleranz und Gewalt führt.

Im späten 19. Jahrhundert bis Ende des 20. war die Säkularisierungstheorie weit verbreitet: Sie besagt, dass mit kommendem Fortschritt und der zunehmenden Technisierung die Religion immer weniger Gewicht bekommt in unseren Gesellschaften. Früher brauchte man sie, um unerklärliche Dinge zu erklären, doch je weiter die Wissenschaft fortschreitet, desto weniger sei das Bedürfnis nach Religion, so unsere Philosophen und Wissenschaftler. Doch genau das Gegenteil traf ein: In allen großen Religionen wächst heute die Mitgliederzahl, besonders im Christentum. Zwar haben die großen Kirchen weltweit mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen, doch allein in China und Indien kommen so viele Menschen zum Glauben an Jesus, dass wir von explosionsartigem Wachstum sprechen können. Allein in Nigeria sind es schon mehr Mitgliederzahlen der anglikanischen Kirche als in den USA. In Ghana gibt es mehr Presbyterianer als in USA und Schottland zusammen. Und wir sprechen hier nicht von säkularem „Christentum light“, sondern meistens von Verfolgten und Märtyrern.

Für den nichtreligiösen Menschen ist dies vielleicht eine bittere Pille: Der Religion kann man keinen Todesstoß geben. Immer dann, wenn sie bekämpft wurde war das ein Nährboden für sie selbst und nichts spricht dafür, dass sich dies je ändern wird.

Religion schlechtmachen?

Kann man der Religion durch Aufklärung und den richtigen Argumenten den Wind aus den Segeln nehmen? Kann man jeden gläubigen Bürger davon überzeugen, dass jede Religion nur einer von vielen Lebensstilen ist?

Man schaffe eine Atmosphäre, wo es als unaufgeklärt und fanatisch gilt, religiöse Ausschlieslichkeitsansprüche zu stellen. Schnell erreichen gewisse Thesen, die wie Mantras wiederholt werden, allgemeine Akzeptanz und Wahrheitsanspruch: „Man weiß doch, dass Missionieren falsch ist…“ etc. Alles andere wird als gefährlich, andersdenkend oder fanatisch gebrandmarkt. Diese Diskussionskultur finden wir am ehesten in unseren westlichen Ländern.

Eine Aussage, die man oft im Zusammenhang mit Religion und Wahrheit hört ist, dass jede Religion nur einen Teil der Wahrheit erkennt, jedoch nicht die ganze sprituelle Wahrheit erfassen kann. Tim Keller bringt in seinem Buch dazu ein Beispiel: „Mehrere Blinde gehen spazieren und stoßen dabei auf einen Elefanten, der sich von ihnen betasten lässt. „Dieses Tier ist so lang und geschmeidig wie eine Schlange“, erklärte der Erste, der den Rüssel des Elefanten erwischt hat. „Nein, nein, es ist dick und rund wie ein großer Baumstamm“, sagte der Zweite, der ein Bein des Elefanten befühlt. „Nein, es ist groß und flach“, erwidert der dritte Blinde, der die Seite des Elefanten entlangfährt. Jeder der Blinden fühlt nur einen Teil des Elefanten; das ganze Tier vorstellen kann sich keiner. Und so behaupten die Kritiker, dass jede Religion nur einen Teil der spirituellen Wahrheit erkennen kann, aber die Gesamtheit nicht schaut. Das Problem hierbei: Diese Sichtweise ist die Perspektive eines Menschen, der sehen kann und die ganze Wahrheit (in dem Beispiel den Elefanten) erblickt. Man müsste selbst die ganze Wahrheit kennen um sagen zu können, dass jemand nur einen Teil der Wahrheit erkennen kann – diese Aussage bleibt also Spekulation. Keller: „Denn woher willst du sicher sein, dass keine Religion die ganze Wahrheit sieht, wenn du nicht selbst über diese ganze Wahrheit verfügst? – Von dieser du gerade behauptet hast, dass sie niemand besitzt.“

Ebenso verhält es sich mit der These, die Religion ist immer Produkt der Geschichte und Kultur. Dies ist der Standpunkt des modernen Relativismus: „wir können nicht sagen, was richtig oder falsch ist, denn alles Denken hat einen anderen Bezugspunkt und ist deswegen nicht zu werten.“ Doch dieser absolute Relativismus funktioniert nur dann, wenn sich die Relativisten selbst absolut setzen, wenn man also aus ihrer Sicht alles relativ sehen „muss.“ Tim Keller sagt dazu: „Wenn ich aus der gesellschaftlichen Bedingtheit allen Glaubens den Schluss ziehe, dass kein Glaube als für alle Menschen wahr betrachtet werden kann, ist diese Aussage ja selber wieder das Produkt bestimmter sozialer und kultureller Faktoren – und kann nach den Spielregeln der Relativisten nicht universal wahr sein. Die gesellschaftliche Bedingtheit von Glauben ist eine Tatsache, aber man kann sie nicht als Argument dafür benutzen, dass alle Wahrheit völlig relativ ist, oder das Argument widerlegt sich selber.“

So bleibt letztendlich das Schlechtmachen der Religion als wertlose Alternative. Man kann sogar sagen, dass der verbreitete Skeptizismus gegenüber religiösen Aussagen selbst zur Religion wird. An dieser Stelle ein Zitat von einer jungen Frau, die mit einem jungen Mann, der sich in einer Evangelisation von Billy Graham bekehrt hatte, diskutierte:

„Ich wollte den Schritt, vor dem er da stand, problematisieren, wollte ihm die Augen dafür öffnen, dass es andere Möglichkeiten gab zu leben, andere Methoden, Wissen und Liebe zu suchen, …ja ein neuer Mensch zu werden. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass seine Würde davon abhing, dass er eine freie, skeptische Haltung gegenüber allen Dogmen behielt. Ich wollte … ihn retten…

Wie der Glaube will auch der Zweifel erlernt werden. Er ist eine Fertigkeit. Aber das Merkwürdige am Skeptizismus ist, dass seine Anhänger, alte wie heutige, so oft selbst bekehren wollen. Wenn ich sie lese, möchte ich oft am liebsten fragen: „Warum ist euch das alles so wichtig?“ Ihr Skeptizismus bietet keine gute Antwort auf diese Frage, und ich selber habe auch keine.“

Wenn du sagst, dass es anmaßend ist, wenn dich jemand zu seiner Religion bekehren will, dann ist diese Aussage selbst anmaßend. Sie ist sogar religiös, denn sie ist eine Überzeugung, die du für exklusiv richtig hältst, und so sind wir auf verschiedene Arten immer „exklusiv“, wenn es um Glaubensüberzeugungen geht.

Religion zur Privatsache machen?

Dieser Ansicht sind wohl viele unserer heutigen Zeitgenossen: Beschränken wir den Glauben doch auf unsere Privatsphäre und sparen wir uns die unnötigen Diskussionen über Theologie etc. Der Glaube störe wissenschaftliche Diskussionen durch unwissenschaftliche Aussagen und verlangsame unsere Arbeit an den Problemen der Welt. Nun, damit trifft dieser Mensch direkt eine Glaubensaussage, denn er glaubt, dass der Glaube nichts zu tun hat mit den Problemen dieser Welt. Vielmehr treffen alle Menschen ständig Glaubensaussagen, die auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden: Wenn du glaubst, das Universum existiere nur um seiner selbst willen als pures Produkt des Zufalls, so triffst du den Kern einer Weltanschauung. Denn anhand dieser Weltanschauung musst du ableiten, wie du lebst – Kern einer Religion. Wenn wir fordern, dass Säkularismus und Materialismus die öffentliche Diskussion beherrschen sollen, und die Religion in unsere Haushalte verbannen, dann tun wir das nur aufgrund der größten Weltanschauung unserer Zeit – dem Atheismus. Jeder von uns handelt aus solch einer religiösen Weltanschauung heraus, ob man will oder nicht. Jeder, der sagt: „das musst du tun,“ oder: „das darfst du nicht tun,“ tut dies aufgrund einer moralischen oder religiösen Position. Wir werden immer mehr mit der Tatsache konfrontiert: Alle Grundüberzeugungen des Menschen sind Glaubensüberzeugungen. Selbst der säkularste Pragmatiker bringt tiefe Deutungsbilder über das Menschsein mit und wie er zu leben hat. Wie also kann man überhaupt Weltanschauung zur Privatsache machen? Es geht einfach nicht. Nehmen wir das Ehe- und Scheidungsrecht beispielsweise. Es ist unmöglich unabhängig von unseren Weltanschauungen zu einem anerkannten allgemeinen Gesetz zu kommen. Unsere Ansichten, was hier „recht“ ist, hängen unweigerlich davon ab, welchen Sinn die Ehe hat. So schaffe ich es nicht, eine Aussage über solch ein vermeintlich banales Thema zu treffen, ohne von meiner Weltanschauung Gebrauch zu machen. Weltanschauung nur bei dir zu Hause ist nicht praktikabel.

Warum der christliche Glaube die Welt retten kann

Das große Finale – diese Aussage stört. Religion ist wahrhaftig entzweiend – doch der christliche Glaube hat die Mittel, um über solche Gruben zu springen und entzweiende Tendenzen zu heilen. Christen glauben, dass alle Menschen im Bild Gottes geschaffen sind, also als zu Güte und Weisheit fähige Wesen. Ja, Christen können sogar davon ausgehen, dass Nichtgläubige in ihrem Verhalten besser sein können, als es ihren irrigen Glaubensvorstellungen entspricht. Es ist hier jede Menge Raum für gegenseitige Achtung, denn selbst der beste Christ weiß, dass er fallen kann und Sünde ein Problem dieser Erde, auf der er lebt, ist.

Ein echter Christ ist sogar so weit zu sagen, dass das Leben eines „Heiden“ sogar moralisch seinem eigenen Leben überlegen sein kann. Die meisten Menschen glauben ja, dass wir durch ein besser geführtes Leben, wodurch dich Gott annimmt, zu Gott kommen. Doch die Bibel lehrt genau das Gegenteil. Jesus sagt uns nicht, wie wir besser leben können, damit wir unsere Erlösung verdienen, sondern er kommt zu uns, um uns zu vergeben und zu erretten. Gnade kommt nicht zu dem, der die meisten moralischen Punkte bei Gott hat, sondern zu denen, die ihr Versagen zugeben und Erlösung brauchen.

Es sollte also einen Christen nicht verwundern, wenn es Nichtchristen gibt, die freundlicher und netter, weise und besser sind als sie selbst. Die meisten Menschen in Religionen glauben, dass sie durch ihre religiösen Leistungen zu Gott kommen können, was sie natürlich leicht dazu verführt, sich „Nichtgläubigen“ überlegen zu fühlen. Das Christentum sollte diese Wirkung nicht haben.

Der christliche Glaube hat fundamentale Überzeugungen, die ihre Anhänger dazu bringen gegenüber Andersdenkenden besonders offen und liebevoll zu sein. Wie kam es sonst, dass ein solch Ausschließlichkeit beanspruchender Glaube zu einem Verhalten führte, das so offen gegenüber anderen Menschen war? Sehen wir zum Beispiel die griechisch-römische Kultur und ihre Spanne zwischen Arm und Reich und vielen gesellschaftlich verachteten Menschen oder die niedere gesellschaftliche Stellung der Frau. All das wagte das Christentum zu bekämpfen, sie kümmerten sich um Arme, um Ausgestoßene, um Kranke und bot Frauen eine ungleich größere Sicherheit und Gleichheit als die antike Welt. Wie kam das, trotz ihrer engstirnigen Grundüberzeugungen?

Im Herzen ihrer Weltanschauung stand ein starker Anreiz zu Aufopferung: Das Leben eines Dieners und Friedensstifters, der für seine Feinde gestorben war und um Vergebung für sie bat. Am Kreuz. Wer über ihn nachdachte, konnte nicht anders, als Andersdenkenden gut zu tun und Widersachern völlig neu zu begegnen, die Gewalt und Unterdrückung ausschloss.

Es ist eine Tatsache, dass die Kirche im Namen Gottes viele Verbrechen beging. Aber wer will leugnen, dass das christliche Werkzeug mächtig sind, um dieser zerrissenen Welt Frieden zu schenken? Der christliche Glaube mit seinen Grundüberzeugungen ist die einzige Weltanschauung, die vermag Mauern abzubrechen und nicht aufzubauen, ohne auf Ausschließlichkeit zu verzichten, denn er beruht auf Vergebung Gottes, die man sich nicht erarbeiten kann, für die der Mensch also gar nichts kann. Diese Tatsache sollten sich Nichtchristen, aber vielmehr auch gläubige Christen neu vergegenwärtigen.