Wie kann ein guter Gott Leiden zulassen?

Für viele Menschen ist nicht der Ausschließlichkeitsanspruch des Christentums das größte Problem mit dem Glauben, sondern die Tatsache unserer eigenen Geschichte: Wie kann ein guter und liebender Gott so einen leidvollen Gang der Menschheit zulassen? Und weiter noch: Wie kann Gott bei so viel persönlichem Leid zusehen? Viele weigern sich schlicht, an einen Gott zu glauben, der so viel Leid zulässt. Nach dem Tsunami im Indischen Ozean in dem mehr als 250.000 Menschen umkamen, schrieb ein Journalist: „Wenn Gott Gott ist, dann ist er nicht gut, und wenn er gut ist, dann ist er nicht Gott.“ Schauen wir uns an, was die Existenz von Bösem über die Existenz Gottes wirklich aussagt.

Die Existenz von Bösem und Leiden spricht nicht gegen Gott

Der Philosoph J.L. Mackie argumentiert einmal folgendermaßen: „Wenn es einen Gott gäbe, der gut und allmächtig ist, würde er sinnloses Böses nicht zulassen, aber da es nun einmal viel sinnloses, nicht zu rechtfertigendes Böses in der Welt gibt, kann es den traditionellen Gott nicht geben.“ In dieser Argumentation steckt ein typisches Fehlverhalten im Denken von uns heute: Alles, was MIR nicht als sinnvoll erscheint, das ist es auch nicht. Doch damit steht das Argument auf ziemlich wackligen Füßen. Wer sagt, dass das, was mir nicht sinnvoll erscheint, auch wirklich nicht sinnvoll ist? Du selbst? Einmal mehr sehen wir hier den Glauben der Skeptiker an unser eigenes Erkenntnisvermögen: Wenn ich nicht den Sinn in einer Sache sehe, dann kann es auch keinen Sinn geben und davon zeige ich mich überzeugt. Doch das ist nichts mehr als ein Glaube der Sonderklasse. Das Argument der Sinnlosigkeit muss aus rein logischem Gesichtspunkt verworfen werden, da wir nicht den Sinn von allem, was in der Welt passiert, überblicken können, sei es von Gutem oder Bösem.

Dieser Glaube scheitert auch nicht nur an der Logik, sondern auch an der Erfahrung. Leid ist oftmals Nährboden für neue Chancen, die Gott überblickt, der Mensch allerdings nicht. Josef zum Beispiel war ein junger Mann im Alten Testament, der von seinen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft wurde, wo er in harten Prüfungen in seinem Charakter geläutert und stark wurde. Er wurde schließlich Premierminister von Ägypten und ein Anwalt der sozialen Gerechtigkeit und der Versöhnung. Hätte Gott das Leid nicht zugelassen, wäre er niemals so weit gekommen (seine Geschichte kannst du lesen in 1. Mose 37-50).

In so einer Geschichte finden sich auch viele heutige Menschen wieder, die zugeben müssen, dass das, was sie im Leben weitergebracht hat, oftmals schwere oder schmerzliche Erfahrungen waren. Im Rückblick erkennen manche etwas ganz anderes in einer Krankheit als währenddessen, und sie gehen persönlich gereift und innerlich gestärkt aus Leid hervor.

Warum sollte es nicht möglich sein, dass es aus der unendlich höheren Perspektive Gottes für alles Böse gute Gründe geben könnte? Die Existenz von Bösem spricht also nicht zwangsläufig gegen Gott.

Die Existenz von Bösem und Leiden spricht vielleicht sogar gerade für Gott

Unsere modernen Einwände gegen Gott haben etwas mit unserem Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Wir finden es nicht richtig oder unfair, wenn Menschen leiden müssen, verhungern oder unterdrückt werden. Doch woher kommt dieses Gerechtigkeitsempfinden? Der ganze Prozess der Evolution beruht auf Tod, Zerstörung, Gefressen-und-gefressen-Werden. „Mit welchem Recht nennt der Atheist dann die Welt ungerecht und grausam?“ fragt Timothy Keller. An dieser Stelle wieder ein Zitat von C.S. Lewis:

„Mein Argument gegen die Existenz Gottes lautete, die Welt sei grausam und ungerecht. Woher aber hatte ich meine Vorstellung von gerecht und ungerecht? … Womit verglich ich diese Welt, wenn ich sie ungerecht nannte? … Natürlich hätte ich sagen können, meine Vorstellung von Gerechtigkeit sei lediglich meine eigene, private Idee, aber damit hätte ich sie praktisch aufgegeben. Dann wäre auch mein Argument gegen Gott in sich zusammengefallen, denn es beruhte ja darauf, dass die Welt tatsächlich ungerecht ist, und nicht nur darauf, dass sie nicht meinen Vorstellungen entspricht. … Damit aber erweist sich der Atheismus als zu einfach.“

Lewis erkannte, dass unser Gerechtigkeitsempfinden maßgeblich unsere modernen Einwände gegen Gott beeinflussen. Tim Keller sagt dazu weiter: „Der nicht an Gott glaubende Mensch hat einfach keine vernünftige Basis, von der aus er sich über die Ungerechtigkeit in der Welt aufregen könnte. Wenn Sie wirklich ganz sicher sind, dass diese Welt ungerecht und böse ist, gehen sie davon aus, dass es irgendeinen außerhalb oder über der Natur liegenden Maßstab gibt, auf dem ihr Urteil beruht.“

Platinga, der häufig von Keller zitiert wird, schreibt darüber folgendes: „Könnte es Böses und Gemeines überhaupt geben, wenn es keinen Gott gäbe und wir nur das Produkt der Evolution wären? Ich sehe nicht, wie das möglich sein soll. Böses kann es nur geben, wenn wir irgendwie wissen, wie rationale Wesen leben sollten, leben müssen… Eine säkulare Weltsicht hat keinen Raum für echte moralische Pflichten welcher Art auch immer… und damit keine Möglichkeit, zu sagen, dass es so etwas wie das wirkliche, entsetzliche Böse gibt. Wenn man also überzeugt ist, dass das fürchterlich Böse eine Realität ist, hat man damit ein starkes Argument für die Realität Gottes!“

Demjenigen, der in Leid steckt, geht diese Wahrheit natürlich nicht so einfach durch die Nieren. Man könne doch nicht mit dem Sinn von Leiden den Gott entschuldigen, der über so viel Leid einfach hinwegsieht. Dieses Argument ist verständlich, doch ihm ist folgendes zu erwidern: Gott überblickt nicht nur das Leiden, er sieht in ihm nicht nur einen Sinn,  sondern er kam auch auf diese Erde, um sich mit Leid zu identifizieren. Das ist einer der größten Pluspunkte des Christentums gegenüber anderen Religionen: In Jesus Christus hat Gott die tiefsten Tiefen des Leidens erfahren. Dieser Glaube kann uns helfen, dem Leid nicht mit Verbitterung, sondern mit Hoffnung und Mut zu begegnen. Albert Camus verstand dies als er folgende Worte schrieb:

„Auch der Gott-Mensch Christus leidet – geduldig. Man kann das Böse und den Tod nicht mehr völlig ihm in die Schuhe schieben, leidet und stirbt er doch selber. Die Nacht auf Golgatha ist deswegen, und nur deswegen, so wichtig in der Geschichte der Menschheit, weil in ihrem Dunkel die Gottheit  ihr angestammtes Vorrecht ablegte und bis ans Ende, ja bis zur völligen Verzweiflung die Todesqual durchlebte. So erklärt sich das „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und der furchtbare Zweifel des Christus in seinem Todeskampf.“

Diese Wahrheit dürfen wir bei allem Leid nie aus den Augen verlieren: In Jesus Christus weiß Gott aus eigenem Erleben, was es heißt verzweifelt, verlassen, vergessen, einsam und arm zu sein, um einen Menschen zu trauern oder Folter und Gefängnis zu erleiden. Bei der nächsten Katastrophe sollten wir uns das in Erinnerung rufen, bevor wir wieder in die Zeitung schreiben: „Wo warst du, Gott?“

Gott ist ein Gott der Hoffnung

Die Bibel bietet sogar noch mehr: es ist die Hoffnung, dass jegliches Leiden hier auf der Erde nicht umsonst ist, und diese Hoffnung brauchen wir. Gott gibt sich nicht damit zufrieden, dass es Leid gibt, sondern er will es beseitigen. Gott war und ist immer zukunftsorientiert und hat das besiegelt mit der Auferstehung seines Sohnes: es ist die Hoffnung, dass alles Leid einmal ein Ende nehmen wird. Es ist eine Hoffnung, die uns verspricht, dass sich alles Leid in etwas unendlich Schönes verwandeln wird, als wenn es nie Tapferkeit, Beharrlichkeit, Opfer oder Erlösung gebraucht hätte. Dostojewski hat es einmal so ausgedrückt:

„Ich bin wie ein kleines Kind überzeugt davon, dass die Leiden vernarben und zum Ausgleich gelangen werden, dass das ganze beleidigende Komische der menschlichen Widersprüche entschwinden wird wie ein jämmerliches Traumgebilde, wie die garstige Erfindung eines Schwachen und Kleinen, wie ein Atom des menschlichen euklidischen Geistes; ich bin überzeugt davon, dass endlich, am Ausklang der Welt, im Augenblick ewiger Harmonie, etwas derartig Wertvolles sich erreignen und offenbaren wird, dass es genug ist für alle Herzen, zur Beschwichtigung aller Unwillen, zur Sühne aller von Menschen begangenen Übeltaten und alles von ihnen vergossenen Blutes, dass es mit einem Wort ausreicht dafür, dass es nicht nur möglich sein wird, alles, was mit den Menschen sich zutrug, zu verzeihen, nein, sogar auch zu rechtfertigen.“

Und C.S Lewis bringt es auf den Punkt: „Sie, die Sterblichen, sagen von irgendeinem zeitlichen Leiden, dass keine künftige Seligkeit das aufwiegen kann, und sie wissen nicht, dass der Himmel, wenn er einmal gewonnen ist, rückwirken und selbst diese jetzige Qual in Herrlichkeit verwandeln wird.“

Es wird einmal eine große und herrliche Niederlage des Bösen geben und unsere Freude wird dann unendlich groß sein, wenn wir Christus als unseren Herrn auf Erden erkannten und akzeptierten.