Wie kann ein liebender Gott Menschen in die Hölle schicken?

In unserer Kultur ist das Gericht Gottes eine der anstößigsten Lehren des Christentums. Wenn wir von Zorn Gottes, vom Jüngsten Gericht und Höllenstrafen reden, nimmt das mulmige Gefühl in uns Gestalt, dass man darüber nicht reden darf. Es ist ein Tabu.

Einen richtenden Gott kann es nicht geben. Oft sind es nicht einmal die objektiven Zweifel, die uns zu diesem Schluss bewegen, sondern ein allgemeines Abscheugefühl gegen Gerichtbarkeit. Wir wehren uns mit aller Kraft gegen einen Gott, der die Menschen bestraft für das, was sie ernsthaft, wenn auch vielleicht irrigerweise, geglaubt haben.

Tim Keller antwortet darauf: “Der Geist der Moderne hat uns in die Verantwortung geführt, über richtig und falsch selber zu bestimmen. Die neue Zuversicht, dass wir Menschen unsere physische Umwelt beherrschen können, ist übergeschwappt auf die metaphysische Welt, die wir nun auch nach unseren Wünschen umgestalten. Wir versuchen nicht mehr, unsere Wünsche der Realität anzupassen, sondern die Realität nach unseren Wünschen zu verändern.”

Er erzählt dazu eine Geschichte:

“Eine Frau sagte mir, dass sie die bloße Vorstellung eines richtenden Gottes für anstößig hielt. Ich fragte sie: ‘Und warum halten sie die Vorstellung eines vergebenden Gottes nicht auch für anstößig?’ Sie sah mich fragend an. Ich fuhr fort: ‘Ich möchte sie bitten, sich einmal zu fragen, was ihr kultureller Standort ist, wenn sie die christliche Lehre von der Hölle anstößig finden.’ Und ich erklärte ihr, dass der säkulare Amerikaner oder Europäer die Sache mit der Hölle schlimm findet, aber die ebenfalls biblische Lehre von der Feindesliebe und dem Hinhalten der anderen Wange faszinierend. Ich bat sie, sich vorzustellen, wie jemand, der aus einer ganz anderen Kultur kommt, das Christentum wohl sieht. In traditionell nicht christlich geprägten Ländern erscheint die Lehre von der Feindesliebe absolut sinnlos; sie verletzt die tiefsten Gefühle der Menschen über das, was recht ist. Aber die Vorstellung eines richtenden Gottes macht ihnen absolut keine Schwierigkeiten. Diese Gesellschaften finden die Aspekte des chrsitlichen Glaubens, die man im Westen gut findet, skandalös, und die, die man im Westen schier nicht ertragen kann, attraktiv.

Warum, so schloss ich, sollten ausgerechnet die kulturellen Sensibilitäten des Westens darüber entscheiden, ob und wo das Chrsitentum Recht hat? Ich fragte die Dame vorsichtig, ob sie ihre westliche Kultur etwa für besser hielt als die nicht westlichen. Sie erwiderte wie aus der Pistole geschossen: ‘Nein, natürlich nicht.’ ‘Nun’, sagte ich, ‘warum sollen dann die Einwände, die Ihre Kultur gegen das Chrsitentum erhebt, mehr zählen als die der anderen Kulturen?’”

Wenn wir nur einmal annehmen, dass das Christentum eine gültige Wahrheit für die ganze Welt ist, ist es dann nicht logisch, dass es mit irgendeinem Punkt in jeder Kultur kollidiert und auf Ablehnung stößt? Bei uns, im Westen, ist das nun einmal die Gerechtigkeit Gottes, weil wir nicht akzeptieren wollen, dass unser Handeln Konsequenzen hat.

Ein richtender Gott kann kein Gott der Liebe sein

Dieser Vorwurf begegnet uns immer wieder im Zusammenhang mit Hölle und Gericht. Doch wir müssen darauf hinweisen, dass alle Personen, die lieben, manchmal auch zornig werden, und das nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Liebe. Becky Pippert drückt den Zusammenhang zwischen Liebe und Gericht in ihrem Buch “Hope Has Its Reasons” wie folgt aus:

“Was geht denn in uns vor, wenn wir miterleben müssen, wie das Leben eines Menschen, den wir lieben, durch falsche Handlungen oder falsche Beziehungen kaputt geht? Zucken wir höflich die Achseln, wie wir das vielleicht bei einem Wildfremden täten? Natürlich nicht… Zorn ist nicht das Gegenteil von Liebe. Das Gegenteil von Liebe ist Hass, und die ultimative Form des Hasses ist Gleichgültigkeit… Gottes Zorn bedeutet nicht, dass er seine Wut kriegt, sondern dass er entschlossen gegen den Krebs vorgeht… der in den Eingeweiden der Menschen wütet, die er mit allem, was er hat, liebt.”

Die Bibel sagt, dass Gottes Zorn Ausdruck seiner Liebe zu seinen Geschöpfen ist, denn er hasst alles, was uns zerstört. Böses und Ungerechtigkeit erzürnen ihn, weil sie Unfrieden und Zerstörung in diese Schöpfung tragen.

In Psalm 145 sagt er zum Beispiel:

Gerecht ist der Herr in allem, was er tut, voll Huld in all seinen Werken… Alle, die ihn lieben, behütet der Herr, doch alle Frevler vernichtet er.” (Verse 17-20)

Ein Gott, der nicht über Ungerechtigkeit udn Betrug zornig wäre und nicht eines Tages der Gewalt ein Ende bereiten würde, wäre es nicht wert, angebetet zu werden. Heute erleben wir eine bemerkenswerte Transformation: Ein echtes Opium für das Volk ist der Glaube, dass nach dem Tod nichts mehr kommt – der gigantische Trost, der darin besteht, sich einzureden, dass unsere Gier, Verrat, Feigheit und Morde keinen Richter finden werden… Dabei wissen wir alle, dass unsere Taten unvergänglich sind!

Mit der Existenz der Hölle wissen wir, dass Gott unsere Taten und unser Sein ernst nimmt. Wir sind keine Marionetten, sondern fähige und verständige Personen. Verantwortung gehört zum Wesen des Menschen. Nimm sie ernst.