Das Zimmer

(Von Joshua Harris)

In einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, befand ich mich in dem Zimmer. Es gab dort nichts, außer einer Wand die voller Karteikästen war. Die Karteikästen erinnerten mich an die Karteikästen in Büchereien, die alphabetisch oder nach Themen geordnet, alles auflisteten was es dort gibt.

Aber diese Karteikästen, die vom Boden bis unter die Decke reichten, die nach rechts und links reichten, so weit meine Augen sehen konnten, diese Karteikästen trugen ganz andere Aufschriften.

Als ich auf die Wand zulief ,fiel mein Blick auf einen Karteikasten mit der Aufschrift „Menschen die ich gemocht habe“. Ich öffnete ihn und begann, die einzelnen Karten zu überfliegen. Geschockt durch die Tatsache, daß ich jeden der Namen kannte, schloß ich den Karteikasten schnell wieder. Und plötzlich, ohne das man es mir gesagt hatte, wußte ich genau wo ich war. Dieses leblose Zimmer mit den ganzen Karteikästen beinhaltete ein perfektes System, in dem jedes Detail meines Lebens aufgezeichnet war.

Jeder Moment meines Lebens war genauestens festgehalten. Seien es große oder kleine Taten. Mein eigenes Gedächtnis wäre nie dazu in der Lage gewesen, sich diese ganzen Informationen zu merken.

Verwunderung und Neugierde, gemischt mit Schrecken, erregten mich, als ich anfing die Karteikästen wahllos zu öffnen und ihren Inhalt zu erforschen. Einige riefen Freude hervor und erinnerten mich an schöne Zeiten. Andere riefen bei mir Scham und sogar Ekel hervor, so stark, daß ich einen Blick über meine Schulter warf, um zu sehen, ob ich beobachtet würde.

Die Aufschriften variierten von ganz gewöhnlichen Alltagssituationen, bis hin zu ungewöhnlichen Dingen wie „Bücher die ich gelesen habe“. „Lügen die ich erzählt habe“, „Trost den ich gegeben habe“,“Worte die ich meinen Geschwistern an den Kopf geschmissen habe“ oder „Witze über die ich gelacht habe“.

Einige waren so genau wiedergegeben, daß ich beinahe lachen mußte.

Über andere konnte ich allerdings nicht lachen „Dinge die ich in Wut getan habe“, „Verwünschungen die ich in Gedanken gegen meine Eltern gehegt hatte“.

Ich hörte nie auf, mich über den Inhalt zu verwundern. Oft gab es viel mehr Karten zu einem Thema als ich befürchtet hatte. Manchmal weniger als ich gehofft hatte. Ich war überhaupt beeindruckt von der Menge von Dingen, die ich in meinem Leben getan oder unterlassen hatte. Wäre es möglich gewesen, daß ich diese Tausenden oder Millionen von Karten während der 17 Jahre meines Lebens geschrieben habe? Aber jede Karte bestätigte die Wahrheit. Jede Karte war mit meiner eigenen Handschrift geschrieben. Jede Karte war mit meiner Unterschrift versehen.

Als ich den Karteikasten mit der Aufschrift „Musik die ich gehört habe“ herauszog, stellte ich fest, daß die Karteikästen wuchsen um den Inhalt zu fassen. Die Karten waren genauesten zusammengepackt, und doch, nach vielen Metern erreichte ich noch immer nicht das Ende dieses Karteikastens. Ich gab beschämt auf. Weniger wegen der Qualität der Musik, als viel mehr wegen der irren Menge an Zeit die ich mit Musikhören verbracht hatte.

Als ich zu einem Karteikasten mit der Aufschrift  „Lustvolle Gedanken“ kam, spürte ich ein Zittern durch meinen Körper fahren. Ich zog den Karteikasten heraus, nur wenige Zentimeter, um eine Karte entnehmen zu können. Ich wollte nicht wissen wie groß er in Wirklichkeit war. Ich erschrak über den detailliert wiedergegebenen Inhalt. Ich fühlte mich krank als ich mir vergewisserte, daß solche Momente auch festgehalten wurden.

Ein Gefühl von Demütigung und Wut überkam mich. Ich hatte jetzt einen Entschluß gefaßt. „Niemand darf diese Karten je zu sehen bekommen! Niemand darf je von diesem Zimmer erfahren! Ich muß sie vernichten!“

In großer Aufregung zog ich den Karteikasten aus dem Regal. Ich mußte ihn leeren und die Karten vernichten. Obwohl ich den Karteikasten an einem Ende anfaßte und ihn auf den Boden schlug, mußte ich feststellen, daß ich keine einzige Karte aus ihm herausbekam.

Ich war verzweifelt, denn auch mein Versuch sie zu zerreißen, blieb erfolglos.

Geschlagen und absolut hilflos schob ich den Karteikasten an seine Stelle zurück.

Meine Stirn an das Regal lehnend, durchfuhr mich   ein tiefer von Selbstmitleid durchdrungener Seufzer.

Dann sah ich ihn. Der Karteikasten trug die Aufschrift „Menschen denen ich das Evangelium weitergesagt habe“. Der Griff war heller als die anderen – er war beinahe unbenutzt. Ich zog an dem Griff und eine kleine Schachtel, nicht einmal zehn Zentimeter lang, fiel in meine Hände. Die Karten die es enthielt konnte ich mit einer Hand abzählen. Und jetzt kamen sie – die Tränen. Ich begann zu weinen. Schluchzer, die so tief waren, daß der Schmerz meinen ganzen Körper erzittern ließ. Ich fiel auf meine Knie und schrie. Ich schluchzte vor tiefer Scham vor all dem, was ich da sah.

„Niemand darf je von diesem Zimmer erfahren. Ich muß es verschließen und den Schlüssel verstecken.“, sagte ich!

Dann sah ich durch meine verweinten Augen auf. Ich sah wie Er das Zimmer betrat. Nein, bitte nicht Er. Nicht hier. Jeder, nur nicht Jesus. Ich beobachtete hilflos, wie Er begann die Karteikästen zu öffnen und die Karten zu lesen. Ich konnte es nicht ertragen Seine Reaktion abzuwarten. Die kurzen Momente, in denen ich Ihn anschaute, sah ich solche Traurigkeit in Seinem Gesicht, daß es mir durchs Herz stach.

Intuitiv ging Er auf den schlimmsten Karteikasten zu. Warum mußte Er nur jede Karte lesen?

Endlich drehte Er sich zu mir um und sah mich von der gegenüberliegenden Seite des Zimmers mitleidig an. Es war Mitleid, das mich aber nicht zornig machte. Ich beugte meinen Kopf nach vorne, verbarg mein Gesicht in meinen Händen und weinte erneut.

Er kam herüber und legte Seinen Arm um mich. Er hätte so vieles sagen können, aber Er sagte kein Wort. Er weinte einfach mit mir. Dann stand Er auf und lief zurück an die mit Karteikästen gefüllte Wand. An einem Ende des Zimmers beginnend, nahm Er einen Karteikasten nach dem anderen heraus und begann auf jeder Karte Seinen Namen über den meinigen zu schreiben.

„Nein!“ schrie ich, indem ich zu ihm lief. Alles was ich herausbrachte war „Nein, nein!“, als ich Ihm die Karte aus der Hand nahm. Sein Name sollte nicht auf diesen Karten erscheinen.

Aber da war es in rot geschrieben, so kräftig, so lebendig. Der Name ‘JESUS’ bedeckte meinen Namen. Er war mit Blut geschrieben. Sanft nahm Er die Karte wieder an sich. Er lächelte traurig und dann begann Er alle Karten zu unterschreiben. Ich denke, ich werde nie verstehen wie Er es so schnell getan hat, aber im nächsten Moment, so schien es mir, hörte ich, wie Er den letzten Karteikasten schloß und zu mir zurückkam.

Er legte Seine Hand auf meine Schulter und dann sagte Er „ES IST VOLLBRACHT“.

Der 17-jährige Brian Moore hatte nur wenig Zeit, um einen Text, der als Grundlage für eine Gesprächsrunde im Schülergebetskreis benutzt werden sollte, zu verfassen.

Brian starb nur wenige Stunden nachdem er diesen Aufsatz verfaßt hatte, auf dem Nachhauseweg von einem Freund.

Familie Moor umrahmte diesen Text und hängte ihn zu den Familienbildern. Brians Mutter sagte: „Ich denke, Gott hat ihn benutzt, um eine wichtige Aussage zu machen. Ich denke, daß es so richtig war, daß wir diesen Aufsatz gefunden haben, um ihn zu veröffentlichen“. Sie und auch ihr Ehemann wollen die Sicht ihres Sohnes vom Leben nach dem Tod vielen anderen bekannt machen.

 

Kommentare

  1. Hanh Nguyen

    Das Zimmer

    Dieser Aufsatz, hat mich so berührt. Mir kamen die Tränen. Oft vergisst man, was es heißt das Jesus für unsere Sünden gestorben ist und als ich das gelesen haben hat es mir so wehgetan das Jesus für mich so gelitten hat.
    Danke.

  2. michajehu

    -ohne Worte-

    Als Titel für diesen Leserbrief fiel mir einfach nichts ein. Ich hab von einem guten Freund zu Weihnachten diesen Text geschickt bekommen und er hat mich sofort begeistert (der Text, nicht der Freund *g*). Und wenn ich erst mal mit meiner laufenden Pfarrer-Ausbildung fertig bin, möcht ich darüber mal predigen. Ganz sicher!
    Doch auch jetzt warte ich nicht, von Jesus zu erzählen…denn es gibt ja nichts wichtigeres!

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