Vom Gangster zum Diener Gottes

Eine nachhaltige, vollständige Bekehrung


Hiroyuki Suzuki wirkt als sei er schon immer Prediger gewesen. Der Prediger Suzuki, 1955 irgendwo in Japan geboren, jetzt Vorsteher einer kleinen, protestantischen Gemeinde bei Tokio. Er war es nicht immer. Er war Gangster, bevor er Prediger wurde. Den kleinen Fingern an seinen Händen fehlt jeweils ein Glied – Erkennungszeichen eines japanischen Gangsters (Yakuza), es ist eine Geste der Unterwerfung gegenüber dem Boss, eine Sühne für einen Fehler. Der Blick aus Hiroyukis dunkelbraunen Augen ist ruhig und offen.



Wer bereit ist, seiner Wandlung, dieser fast bühnenreifen Umkehr von Gut und Böse nachzugehen, wird vielleicht selbst getroffen von einem Wort des lebendigen Gottes. Dem liest Hiroyuki vor: „Weil du in meinen Augen so teuer und wertvoll bist und weil ich dich lieb habe, gebe ich Menschen für dich und Völker für dein Leben.“ (Jesaja 43,4)


Ins Herz hinein habe ihn damals dieses Wort aus der Bibel getroffen, sagt er. Damals, das war als er beim Pokern und Würfeln Millionenschulden angehäuft hatte, als Schluss war mit den Parties, den zehn Geliebten, der Ehefrau, der Herrschaft über illegale Spielhöllen und einen eigenen Schlägertrupp. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern versteckte er sich in einer kleinen Kirche im Zentrum Tokios und glaubte nicht mehr daran, für irgendwen irgendetwas wert zu sein.


Verglichen damit ist die Beschreibung des Abtrennens der Fingerglieder beinahe harmlos. Der Prediger führt es vor: Er setzt die scharfe Klinge eines riesigen Meißels auf den kleinen Finger und schlägt mit einem Hammer zu. Wenn es bei Leuten das Eis zu brechen hilft, scheut er sich auch nicht, auf der Kanzel sein Shirt auszuziehen und die Tätowierungen zu zeigen. Blauschwarze Karpfen und Fabelwesen bedecken Brust und Schultern des Predigers.


Neben den „ehrbaren“ Bürgern sitzen auch ganz andere vor ihm, jene, die sich in den üblichen Kirchen kaum zu Hause fühlen: Ehemalige Gangster, Prostituierte und Stripperinnen, all die kleinen Straßengauner und Drogenabhängige kommen sonntags zum Gottesdienst. „Diese Leute haben von mir gehört, und finden es ein wenig einfacher, in unsere Gemeinde zu kommen als in eine andere“, sagt Suzuki. „Ich kenne die Welt der Sünde, die voller Vergnügungen ist, aber auch voller Angst. Die Sprache der Bibel klingt in meinen Ohren sehr real.“ Seine Zuhörer sitzen andächtig vereint und lauschen seinen so unorthodoxen und so von Herzen kommenden Worten.


„Ich hatte schon einmal im Leben einen Boss, den »Oyabun« meiner Yakuza-Bande“, predigt er. „Doch dieser Boss verlangte von mir, dass ich ihm notfalls mein Leben schenke, um seines zu schützen. Nun habe ich einen besseren Boss gefunden. Der opferte das Leben seines eigenen Sohnes, um uns zu retten.“


Seine Erfahrungen helfen ihm heute bei der Arbeit. Er besucht die Insassen japanischer Gefängnisse und die spüren sehr schnell, dass er weiß, wovon er spricht. Suzuki saß selbst drei Jahre ein. Sieben ehemalige Gangster-Kollegen hat er inzwischen zur Umkehr geholfen. Gemeinsam gehen sie durch die Gefängnisse Japans, mit beachtlichem Erfolg. Hunderte von Insassen halten auch nach der Entlassung Kontakt und bitten bei Besuchen oder in Briefen um Rat. „Ich erzähle ihnen gern von meiner Vergangenheit. Es ist sehr wichtig für sie zu hören, dass sie noch einmal neu anfangen können“, meint Suzuki. Das predigt er nicht nur, sondern er lebt es ihnen auch vor.

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