Wie das Internet den Menschen enteignet

Vor kurzem soll die “Wissenschaft” festgestellt haben, dass Menschen keinen freien Willen haben. Alles, jeder Denkprozess, läuft schon einige Sekunden im Gehirn ab, bevor es zum Bewusstsein gelangt. Über solche Überlegungen lacht Google. Und Facebook.

“Die Aussichten klingen beeindruckend. Marissa Mayer, Vizepräsidentin bei Google, hat gerade dem Menschen des 21. Jahrhunderts mitgeteilt, demnächst von der Maschine gedacht zu werden. Aufgrund seines bisherigen Verhaltens werde sein zukünftiges von Computern vorhergesagt.

Welche Personen kennenzulernen für jemanden sinnvoll sein könnte. Wo in fremden Städten die Restaurants liegen, die einem Google-Nutzer gefallen müssten. Was ihre Bedürfnisse sind, was in ihrem Kühlschrank fehlt und dass ein Laden dafür gerade in der Nähe liegt. Man kann gar nicht so schnell denken, wie einem etwas vorgeschlagen wird.”

Zukünftig wird bei jedem Suchwort, das du bei Google eingibst, ein Artikel von Wikipedia geschaltet, den du auch direkt mit einem “Gefällt mir” versehen kannst, um bei Facebook direkt zu melden, was dich gerade interessiert. In der Stadt, wo du dich gerade aufhälst, wird dir dann vorgschlagen, welche Dinge dich im Zusammenhang mit dem gerade vergebenen “like” gefallen könnten – Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Schauplätze. Texte, Videos, Bilder – alles so schnell wie möglich und auf dich zugschnitten.

“Sie wollen also, kurz gesagt, den Zufall abschaffen. Es soll keinen Konsum und eigentlich keinen Gedanken geben, der nicht entweder eigens auf das Individuum zugeschnitten wurde, das ihn vollzieht. Oder der nicht dem folgt, was zunächst „Weisheit der vielen“ hieß, sich inzwischen aber unter dem Titel „Schwarmintelligenz“ dem annähert, was früher unter „Mode“ bekannt war. „Das Ziel“, schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Mark Andrejevic, „ist die Erschaffung einer interaktiven Medienlandschaft mit dreifacher Funktion – Unterhaltung, Werbung und Sonde“.”

Dein Kaufverhalten wird manipuliert

Die Werbung bezahlt die Unterhaltung, weil sich künftig in Datenpaketen ausgetauscht wird, wann ein Leser / Schreiber wie und wo unterhalten wurde. So entstehen die Daten für Prognosen, um den Menschen vorhersagbar zu machen. Der Googlechef hat es so ausgedrückt:

Google wird es aufgrund vergangener Daten möglich sein, die Gegenwart voraus zu sagen.

 

Google-Chefökonom Hal Varian

Zumindest was das Kaufverhalten von Individuen angeht. So zum Beispiel sei die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt immer mehr dadurch vorhersagbar, dass immer mehr Menschen im Internet nach Arbeit suchen. Suchwörter wie “Arbeitsmarkt” oder “Job” werden registriert und danach ganze Datenbanken erstellt, um die Interessensentwicklung im Arbeitsmarkt zu beschreiben. Danach werden vermehrt zugeschnittene Jobangebote geschaltet, aber auch gesamtökonomische Studien angestellt.

“Womöglich haben sie damit recht. Das Internet ist neben dem vielen Hilfreichen, Großartigen, Anregenden, das es anbietet, zu einer fixen Idee geworden, die den Verstand vernebelt.
Es scheint nicht zu genügen, dass man es als merkwürdige Bibliothek, Spielwiese, Post oder Warenhaus benutzen kann, es muss offenbar die Zukunft selbst enthalten und alles, alles revolutionieren: die Wirtschaft und die Demokratie, das Recht und die Bildung, die Liebe und den Sinn von Individualität.”

“Schulen und Universitäten sind überflüssig

“So hat der amerikanische Informatiker David Gelernter beispielsweise behauptet, Schulen und Universitäten seien als Orte überflüssig. Denn wozu sollten viele Schüler von einem Lehrer in einer Klasse unterrichtet werden, wenn auch Einzelfernunterricht möglich ist? Wozu sollte man sich einem vorgegebenen Curriculum beugen, wenn Lernstoffe und -geschwindigkeiten frei wählbar sind? So denkt ein Technologe. In der soziokulturellen Evolution hat sich seit mehr als 2000 Jahren der Unterricht in Gruppen bewährt, aber jetzt haben wir Maschinen, die ihn entbehrlich machen?”

Entweder ist dieses Internet eine Befreiung, ein wahrer Fortschritt: hin zu mehr Effizienz, Freiheit, politische Transparenz und Selbstbestimmung, oder es ist die gnadenlose Entrechtung des Individuums, ein Gefängnis, aus dem du vielleicht nie wieder herauskommst. Ein “Kontrollregime”, das den Menschen knechtet? Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist in vollem Gange, Kinder wachsen ohne das Instrument Internet nicht mehr auf. Sie werden hineingeboren in dieses Datenpaket.

Die paradoxen Versprechungen der digitalen Revolution

Das Internet weckte Erwartungen, ähnlich der Erwartungen an den Buchdruck. Eine mediale Revolution in den Diensten der Menschheit. Bei Fotographie und Film dachte man dasselbe, es war die Revolution der neuen Wahrnehmung von der Wirklichkeit. Immer hat die mediale Neuerung zu großer Erwartungshaltung geführt.

“Von den artverwandten Erwartungen, das Internet sei ein Instrument der Vielfalt dezentraler und von Autoritäten freier Kommunikation, gilt dasselbe. Es stimmt und ist falsch zugleich, denn neben der Vielfalt hat es nicht nur die Einfalt derer gebracht, die glauben, Facebook sei ein Hilfsmittel von Demokratiebewegungen, ohne damit zugleich auch eines von Geheimdiensten sein zu können. Oder die sich vorstellen können, dass durch Livestreams von Parteitagen die Demokratie liquider würde, anstatt die Funktion von Hinterbühnen für die Gesichtswahrung in Entscheidungsprozessen zu erkennen.”

Gegen diese positive Darstellung des Internets spricht auch der Monopolisierungsprozess innerhalb des Netztes. Google, Facebook, Amazon, vielleicht noch Twitter, mehr gibt es nicht in den weiten der digitalen Landschaft. Sie verstehen es auch hervorragend, sich als Teil der sozialen Kultur zu verkaufen, nicht als dreckige Datenkraken. Sie werden eher positiv als negativ wahrgenommen, eher Vereinfachung als Gefahr.

“Doch was das Internet angeht, sind sie vor allem in Fragen der Privatheit nicht neutral. Wer immer sich auf einer Internetseite befindet, auf der sich der Facebook-Schalter „Gefällt mir“ befindet, sendet diese Information an Facebook, ganz gleich, ob der Schalter gedrückt wird oder die betreffende Person überhaupt Facebook-Mitglied ist. Dieser umfassende Bewegungsmelder umgeht damit sogar die ellenlangen „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die Facebook für die Nutzung seines Netzwerks geschrieben hat und ständig ändert. Man hat noch mit niemandem einen Vertrag über irgendetwas abgeschlossen, aber schon werden Daten über einen an Facebook übermittelt. Jede Überwachungskamera auf öffentlichen Plätzen erscheint harmloser.”

Der Mensch verhält sich fatalistisch im Umgang mit Medien

Wir sind mittlerweile dermaßen vertrauensvoll in die neuen Medien, dass wir nicht mehr merken, wie sie uns enteignen – von Privatsphäre, von Intimität und auch persönlichem Kaufverhalten. Das neue Weltbild ist geprägt von der Freude am Kommunizieren, unvoreingenommen und positivistisch im Umgang mit undurchschaubaren Strukturen. Sind wir bereits die Menschen, die sich selbst verkaufen, getrieben von den “Machern” des Internets?

“Die neue elektronische Öffentlichkeit kennt bisher keine Antwort auf die Frage, wie gesellschaftlich der Sinn für Unpersönliches anstatt für Geschmacksfragen, für Reserven anstatt für Engagements, für stabile Begriffe anstatt für fluktuierende Informationen und für gute Fragen anstatt für treffende Suchergebnisse wach gehalten werden kann. Verwegen ist jedenfalls die Hoffnung, dass jene Antwort irgendwo im weltweiten Netz darauf wartet, mit einem Klick aufgerufen zu werden.”

“Seid nüchtern, wacht! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.”

 

1 Petrus 5,8

Zitate aus dem interessanten und ausführlichen Essay von Jürgen Kaube auf Cicero.de:

www.cicero.de/salon/wie-d…art-im-netz/49509?seite=1