Wie die Gesellschaft unsere Menschen formt

Sündenbock Hoeneß – ein Mensch, ein Moralapostel, der zeigende Finger der Nation. Wer hoch pokert, kann auch viel verlieren. So viele Menschen jetzt auf ihn zeigen, so viele werden genauso tief fallen, denn die Debatte um seine Steuerhinterziehung dient nur unserer verlogenen Selbstrechtfertigung.

Herr Hoeneß hat wohl Steuern in Millionenhöhe hinterzogen. Das hat er mit einer Selbstanzeige eingeräumt. Nun fallen viele Menschen, auch solche, die nicht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft München II sind, über ihn her.

99 Prozent der Menschen, die nun über Herrn Hoeneß herfallen, haben gar nicht die Möglichkeit, Steuern in Millionenhöhe zu hinterziehen. Sie haben nur die Möglichkeit, im Nahverkehr schwarz zu fahren, Kugelschreiber aus dem Büro mitzunehmen oder sich nach einem privaten Mittagessen eine Bewirtungsquittung ausstellen zu lassen, wo sie dann reinschreiben „Besprechung zum Projekt X“, obwohl sie bloß über Herrn Hoeneß gesprochen haben. Diese Menschen haben nicht die Chance, eine Nation zu belügen, sondern nur ihre Kinder. Deshalb lässt Günther Jauch sie in Ruhe.

Wer viel leistet und viel verdient, der muss auch viel zurückgeben. Völlig klar. Die moralischen Ansprüche sollten aber nicht exponentiell steigen. Das Motiv, sich Vorteile zu verschaffen, trifft jeden Menschen gleicherweise, nur in anderen Kategorien. Und so fällt das Fazit dieser ganzen Debatte eher schlecht für das deutche Volksherz aus: Wir betrügen unterschiedlich und in anderen Kategorien, doch bezogen auf unsere unterschiedlichen Standards sind wir doch alle gleich. Wir sind Betrüger, Lügner und Hinterzieher.

Wer würde nicht zugeben, dass er schonmal einen Stream für das Fußballerlebnis geschlatet hat, der zufälligerweise einen Server aus Russland oder Rumänien nutzt? Sind diese Menschen dem lieben Hoeneß moralisch überlegen? Wieviele Menschen schummeln denn etwas, wenn es um die Steuererklärung am Ende des Jahres geht? Wieviele von uns kennen einen Chef, der sogar dazu auffordert oder sich drüber wundert, wenn man dies nicht tut? Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

Jenny Elvers-Elbertzhagen trank mehr, als ihr gut tat. Doch wer lebt abstinent? Muss man sich darum ergötzen an ihrem Untergang? Radelnde Profis halfen ihrer Leistung mit Pharmazeutika nach. Doch wer tunt sich nicht im täglichen Arbeitskampf? Uli Hoeneß betrog das Finanzamt. Doch wer verhält sich im Auge des Fiskus‘ immer buchstabengetreu? Und was ist ein Geständnisempfänger wert, der solche Geständnisse ausplaudert? Wer wollte hier sein Mütchen kühlen? Indem das jeweilige Vergehen ins Gigantische aufgeblasen und mit einem Abscheu oder Schauder kommentiert wird, als hätten die betroffenen Personen zum Angriffskrieg gerüstet, verzwergen sich die eigenen Abgründe ins Lächerliche. Und das wiederum ist das Geschäftsprinzip unserer Quoten- und Erregungsindustrie: Dem Betrachter, also dem Konsumenten, soll das Gefühl vermittelt werden, er selbst sei schwer in Ordnung. Mediale Kundenbindung funktioniert nach dem Gesetz von Zuckerbrot und Peitsche: Zuckerbrot für dich, der du zuschaust, Peitsche für den, den wir dir frei Haus liefern. Es ist eine äußerst effektive Kumpanei.

Die scheinheilige Bereitschaft, einen öffentlichen Geständniszwang zu errichten, um das eigene gute Gefühl zu stabilisieren, ist ein schlimmer Tausch. Moral wird so zu einer Sache nur für die anderen und erst im Moment ihres Verschwindens. Doch so leben wir und so sind wir. Es ist äußerst eindrücklich, wie Hoeneß im Moment des eigenen Scheiterns behandelt wird. Ich bin mir sicher, er ist derjenige, der sich im Moment am meisten hasst und sich fragt, warum er bloß so hoch gepokert hat, warum er bloß so gespielt hat mit seinem Geld, und seien wir ehrlich: Das wäre die adäquate Antwort für jeden Einzelnen von uns. Wir müssen uns Gedanken machen, wo unsere Schummelei (die zwar nicht die Größenordnung des Hoeneß erreicht, aber dennoch seine moralischen Ansprüche) nicht doch unser Gewissen belastet.

Die Bibel gibt uns einen guten Maßstab, mit dem wir richten und gerichtet werden: Es ist Gottes Aufgabe, uns zu bewerten. Nicht wir sollen Hoeneß zerreißen, sondern er selbst muss sich vor Gott verantworten. Wer diesen Grundsatz befolgt, wird sich schnell gewahr, dass dieses Prinzip nicht nur für Hoeneß gilt, sondern für jeden von uns. In Matthäus 7, 1ff sagt Jesus:

“Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.”

So sollten wir alle aufpassen, welchen moralischen Maßstab wir derzeit an die Eliten anlegen. Denn derselbe Maßstab wird an uns angelegt. Und da wir nicht mit Millionen betrügen können, dürfen wir uns ausmalen, welche Dinge Gott zum Vorschein bringen wird: Es sind die kleinen Dinge, in denen wir betrogen haben, es sind die Dinge, die unserem Lebensstandard gerecht werden oder unseren Lebensumständen. Deswegen frage ich dich zum Schluss: Kannst du Rechenschaft ablegen für dein eigenes Leben? Trittst du vor Gott mit einem reinen Gewissen? Wenn nicht, dann hast du heute die Möglichkeit zu ihm umzukehren. Er vergibt, wenn wir uns vergeben lassen wollen. Selbst dem Uli.