Biblische Archäologie: Ein Blick nach Ägypten lohnt sich!

Bis in die 1970er Jahre waren Archäologen von der Geschichtlichkeit der biblischen Berichte über Abraham, Isaak und Jakob überzeugt. Dann schlug das Pendel vehement zurück und aus Geschichte wurden lediglich sagenhafte Geschichten – nun deutet sich ein erneuter Umschwung an.

An den meisten theologischen Universitäten wird die Dokumentenhypothese mehr oder weniger als Fakt gelehrt. Diese Hypothese besagt, dass die fünf Bücher Mose nicht von Mose und vor allem nicht zur Zeit Moses verfasst wurden, sondern von verschiedenen Redakteuren im Laufe der Zeit, angefangen ab der Regierung Davids bis nach dem Babylonischen Exil Israels (ca. 1010 bis 400 v.Chr.). Die Erzählungen über die Stammväter Israels seien daher literarische Erfindungen und die Bibel als Menschenwerk und nicht als Gottes Offenbarung anzusehen.

Diese Lehre steht auf drei Säulen: innerbiblische, religionsgeschichtliche und archäologische Argumente. Innerbiblisch werden verschiedene Erzählstile als Indizien für verschiedene Verfasser angeführt, wobei die Argumente jedoch keineswegs zwingend sind. Darüber hinaus herrscht bei der Zuordnung der Textteile zu den jeweiligen (hypothetischen) Autoren ein wahres Chaos, sodass die angewendeten Kriterien zur vermeintlichen Identifikation verschiedener Autoren offensichtlich keine fundierten Resultate hervorbringen.

Die religionsgeschichtlichen Argumente basieren auf der Idee, Israel sei zunächst ein polytheistisches Volk gewesen und habe zur Zeit des Exils eine monotheistische Revolution erlebt. Dazu hätten die Revolutionsführer den Monotheismus der Vorfahren als Rechtfertigung ihrer Ziele erfunden. Die Berichte über die monotheistischen Stammväter seien eine spätere Hinzufügung. Für eine solche Umgestaltung der Texte gibt es jedoch keine verwertbaren innerbiblischen Hinweise und somit verbleibt die Archäologie als letztes Standbein für die Dokumentenhypothese. Aber auch hier zeichnet sich ein Umbruch ab.

Bis in die 1970er Jahre sah man die archäologischen Befunde aus dem Nahen Osten noch als eine großartige Bestätigung der biblischen Berichte an und selbst der überaus kritische T. L.Thomson schrieb 1974 noch: „Selbst literaturkritische Studien … akzeptieren heute die prinzipielle Geschichtlichkeit Abrahams, Isaaks und Jakobs … “ Ab diesem Zeitpunkt schlug das Pendel allerdings um. Heute ist in der Archäologie ein Bild von den Orten und Regionen der Stammväter anerkannt, das mit dem biblischen Bericht häufig nicht in Einklang zu bringen ist. Um diese Entwicklung und auch die nun einsetzende erneute Trendwende nachvollziehen zu können, sind ein paar Worte zur vielleicht wichtigsten archäologischen Arbeit zu sagen: Dem Aufstellen einer Chronologie.

Für die Datierung der Stammväter Israels gibt zunächst die Bibel einiges an Auskunft. Ein wichtiges Element ist die Dauer des Aufenthalts der Israeliten in Ägypten, über die unter den Gelehrten jedoch keine Einigkeit besteht. Im wesentlichen kommen zwei Möglichkeiten in Frage, wobei sich die eine auf die Septuaginta stützt und die andere von den masoretischen Texten nahegelegt wird. Ohne an dieser Stelle eine ausführliche Diskussion führen zu können, wird für den weiteren Text die Lesart der Septuaginta zu Grunde gelegt. Mit dieser Variante können die Geburten Abrahams, Isaaks und Jakobs auf die Jahre 1951, 1851 und 1791 v.Chr. angesetzt werden.

Um archäologisch etwas über diese Zeit aussagen zu können, müssen die relevanten Ausgrabungsfunde datiert werden. Für Ausgrabungen in Israel muss dies über Querverbindungen zur Chronologie der ägyptischen Pharaonen geschehen, denn für diese Region existiert keine eigenständige Chronologie. Solche Querverbindungen bestehen z.B. durch zahlreiche Inschriften in Israel (u.a. beschriftete Skarabäen), die auf den damals regierenden ägyptischen Pharao hinweisen.

Bis in die 1970er Jahre sah man die sogenannte „Mittlere Bronzezeit I“ (MBZI) als die Kulturepoche Abrahams an und datierte sie auf die Zeitspanne von 2000 bis 1800 v.Chr. Später sah man sich jedoch gezwungen diese Zahlen auf 2150 bis 1950 v.Chr. zu korrigieren, womit Abraham nicht mehr in die MBZI, sondern in die nachfolgende MBZII-Epoche fiel. Problematisch war nun, dass Ausgrabungsschichten dieser Epoche zeigten, dass wichtige Städte unbesiedelt waren, wie Beerscheba, Sukkot, Ai oder die Regionen im Süden des Negev und im Süden Jordaniens. Laut Bibel sollte Abraham jedoch regen Kontakt mit diesen Orten gehabt haben. Diese und weitere Probleme entzogen der Bibel nach und nach ihren archäologischen Zuspruch.

In den letzten 15 Jahren hat sich diese Sichtweise jedoch wieder verändert. Wissenschaftler wie Peter van der Veen, Uwe Zerbst oder David Lapin sehen einige Unstimmigkeiten in der bisher anerkannten Chronologie Ägyptens und plädieren für eine Revision, die auch die Datierung von Ausgrabungsschichten in Israel verändern würde. In der Tat entsteht mit der Revision der ägyptischen Chronologie ein archäologisches Bild für die Orte (sowohl in Israel als auch in Ägypten) zur Zeit der Stammväter, das sehr gut mit dem biblischen Bericht übereinstimmt. Nach diesem Szenario hätte Abraham die meiste Zeit seines Lebens (1951 – 1776 v.Chr.) am Übergang von der sogenannten „Frühen Bronzezeit“ (FBZ) zur MBZI gelebt und ungefähr die letzten 25 Jahre die MBZ IIA erlebt. Und für diese Epoche sind Siedlungsspuren für so gut wie alle relevanten Städte und Gebiete der Stammväter belegt. Beispielsweise zeigen Ausgrabungen im Negev, dass es während des FBZ/MBZI- Übergangs eine rege Besiedlung gab, die jedoch gegen Ende dieser Periode ebenfalls ein Ende fand. Passend dazu berichtet die Bibel, dass auch Abraham gegen Ende dieser Übergangszeit in den Norden zog, wo er bei Hebron schließlich starb. Hebron bildet das nächste stimmige Szenario. Es wird im Zusammenhang mit dem Begräbnis von Abrahams Frau Sara in der Bibel als Stadtanlage mit einem Tor beschrieben. Saras Tod fiel in etwa in die MBZ IIA, für die sowohl Besiedlungsspuren als auch Hinweise auf ein Stadttor mit Stadtmauern vorhanden sind. Ebenso lässt sich für Jerusalem festhalten, dessen Fürst Melchisedek mit Abraham zusammentraf, dass es zu dieser Zeit sowohl Siedlungsspuren, als auch Hinweise auf zwei dort gleichzeitig herrschende Fürsten (aus den sogenannten „frühen Ächtungstexten“ Ägyptens) gibt. Jerusalem war aber vielleicht keine klar abgegrenzte Stadt, sondern vielmehr ein Landstrich, der saisonal von Halbnomaden besiedelt wurde.

Van der Veen und Zerbst gehen auf diese Weise alle Städte durch, die der Bibel zufolge mit Abraham, Isaak oder Jakob in Verbindung stehen und vergleichen den biblischen Bericht mit den archäologischen Erkenntnissen. Die Ergebnisse, die sie mit der revidierten Chronologie erhalten, beschreiben sie so: „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der archäologische Befund ungeachtet mancher Unsicherheiten keineswegs dem biblischen Text widerspricht … Eher das Gegenteil ist der Fall.“ Insbesondere die „Verschiebung des Siedlungsraumes der Stammväter vom Negev nach Norden“ entspreche sehr gut der Beobachtung, dass das Südland nur während des FBZ/MBZ I Übergangs vergleichsweise dicht besiedelt war, und dass „während der urbanen Bronzezeit IIA eine Rückwanderung in die zuvor verlassenen Städte weiter nördlich stattfand.“

Auch über die Berichte von Josef in Ägypten und der anschließenden Übersiedlung seiner Familie, die sich in Ägypten zum Volk Israel entwickelte, können die Wissenschaftler bekräftigende Funde vorweisen. Von einigen Bibelkritikern wird der ägyptische Name Zafnat-Paneach, den Josef nach seiner Berufung durch den Pharao erhielt, als Indiz für eine späte Abfassung der Texte gesehen. Dazu muss dieser hebraisierte Ausdruck zurück ins Ägyptische übersetzt werden, um dann anhand von Dokumentenfunden festzustellen, wann dieser Name im Umlauf war. Bei dieser Übersetzung herrscht allerdings keine Einigkeit und so existiert neben der spät gebräuchlichen (zw. 664 und 331 v.Chr.) Namensform eine ebenso plausible Form, die in der Zeit Josefs gut belegt ist. Bei dieser Namensform wird „Paneach“ im Ägyptischen zu „Ipi-Anch“, wobei die erste Silbe („Ipi“) häufig als Kurzname für „Ipi-Anch“ belegt ist.

Josef diente zunächst wohl dem archäologisch bekannten Pharao Amenemhet III. (er regierte der Revision zufolge von 1679-1633 v.Chr.). Mittlerweile liegen Studien zur Bürokratie Ägyptens während der Zeit Amenemhets III. vor und sie legen nahe, dass die beschriebenen Tätigkeiten Josefs dem damals existierenden Amt des Obervermögensverwalters entsprachen. Bemerkenswert ist ein gut möglicher Hinweis auf Josef: Auf einem Skarabäus, der sich im Ashmolean Museum in Oxford befindet, ist von einem „Vermögensverwalter der Kornspeicher“ namens „Ipi“ (möglicherweise Kurzform für „Ipi-Anch“, den ägyptischen Namen Josefs!) die Rede. Die zeitliche Einordnung ist nicht völlig sicher, stilistische Merkmale deuten aber auf die späte 12. oder die frühe 13. Dynastie Ägyptens hin. Nach der revidierten Chronologie endete die 12. Dynastie 1620 und so ist es gut möglich, dass dieser Fund einst dem biblischen Josef gehörte.

Genau so stimmig stellt sich die archäologische Situation in Tell El-Daba dar, was mit dem biblischen Land Goschen identifiziert wird, in dem sich die Familie Josefs angesiedelt hat. Hier finden sich Hinweise auf eine von stark ägyptisierten Israeliten bewohnte Siedlung, die während oder kurz nach der Regierungszeit Amenemhets III. entstanden ist. Ihre Bewohner waren stark militarisiert und wurden von den Ägyptern zur Grenzverteidigung eingesetzt. Das klingt zunächst nicht nach der Schafhüterfamilie Josefs, jedoch waren auch die Stammväter militärisch bewandert. Man denke vor allem an Abraham, der zu Lots Rettung eilt oder an Simeon und Levi, die die Schändung ihrer Schwester Dina rächen. Auch der biblische Bericht über den Umbruch in Ägypten von einer Duldung der Israeliten bis hin zu deren Unterdrückung lässt sich in Tell el-Daba archäologisch nachvollziehen. Van der Veen und Zerbst schreiben „Die politische Wende, bei der die lokale Autorität der Asiaten in Tell el-Daba erheblich eingedämmt wurde, wird konventionell in die Zeit des politisch starken ägyptischen Pharao Sobekhotep III. … datiert“.

Vor dem Hintergrund von van der Veens und Zerbst Arbeit sind auch häufig vorgebrachte Argumente gegen eine frühe Abfassung der Mosebücher obsolet geworden, wie die Erwähnung der Hethiter, Aramäer und Philister, die allesamt erst weit nach der Zeit der Stammväter nach Palästina gekommen seien sollen oder die Erwähnung von Kamelen als Lasttiere, die erst um 1100 v.Chr. domestiziert worden seien. Die Archäologie hat zwar keine direkten Hinweise auf die Stammväter, „die Vorstellung, die biblischen Berichte über ihre Zeit widersprächen dem archäologischen Befunden, ist aber zumindest vor dem Hintergrund des derzeitigen Wissens schlicht falsch“, urteilen van der Veen und Zerbst.

Quelle:
Volk ohne Ahnen? Auf den Spuren der Erzväter und des frühen Israel, SCM-Verlag, 2013

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Dieser Artikel ist im Factum Magazin 7/13 erschienen.