Der Mythos von säkularer Neutralität

Christen werden oft damit stigmatisiert, dass sie einer irrationalen Voreingenommenheit unterworfen sind. Sie müssten moralisch anders denken, weil sie von einer Autorität Dinge auferlegt bekommen, die sie nie selbst überdacht oder überprüft hätten. Moralische Befangenheit sei ihr großes Handicap, das selbst auf wissenschaftlicher Ebene als ein großes Hindernis hinsichtlich Fortschritt und Entwicklung gilt. 

Einige Moralisten fordern sogar die völlige Loslösung von moralischer Befangenheit in wissenschaftlicher Praxis, so zum Beispiel auf dem Gebiet eines Arztes. Sie hätten es gerne, dass Doktoren ihr eigenes Gewissen hinten anstellen und bedingungslos Gehorsam leisten, wenn wir zum Beispiel über Abtreibung reden oder über Euthanasie. Der Ethiker Julian Savalescu schreibt zum Beispiel:

Das Gewissen eines Arztes sollte in seinem praktischen Leben, verschrieben der modernen Medizin, eigentlich gar keine Rolle spielen. Das, was richtig und gut für den Patienten ist, wird durch das Gesetz des Staates vorgegeben – und eben durch die Wünsche des Patienten. Wenn Ärzte in den Konflikt kommen, der sie in die Indifferenz zwischen Patient und seinem Wunschdenken bringt, sollte dieser Mensch einfach kein Arzt sein. 

 

(Savulescu J. ‘Conscientious objection in medicine’ BMJ.2006;332:294-297)

Diese Sichtweise wird immer verbreiteter. Moral sollte öffentlich keine Rolle spielen, sondern wird in den Hintergrund gedrängt und ist vielmehr Wunschdenken. Ich werde versuchen, in diesem Artikel drei Behauptungen zu widerlegen: Medizin ist eine neutrale Wissenschaft; Glaubensmenschen sind voreingenommener; der christliche Glaube eines Mediziners schadet Patienten. Ob meiner Berufswahl rede ich hier zwar über die Medizin, doch der Gedanke von säkularer Neutralität kann genauso auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen werden, wie Familie, Politik oder auch Sexualität.

1. Klinische Medizin ist nicht ein Ding von moralischer Neutralität

Werte sind unvermeidbar in der praktischen Medizin. Jeder Arzt trifft täglich Entscheidungen aus seinem Wertemaßstab heraus. Es wäre sogar falsch, das nicht zu tun. Gute Ärzte tun nicht immer das, was ein Patient wünscht, sondern oftmals gerade das Gegenteil. Wir sind keine medizinischen Maschinen, wie uns die folgenden Beispiele zeigen:

Stell dir einmal vor du diagnostizierst einer alten Dame Brustkrebs. Die Familie bittet dich sie nicht von der Diagnose in Kenntnis zu setzen, weil es sie zu sehr aufregen würde. Kein medizinisches Wissen bringt dich weiter in der Entscheidungsfindung, ob du das nun tun sollst oder nicht. Du musst auf moralischen Prinzipien basierend entscheiden. Und auf Basis deines Gewissens. Hier ist “die Wahrheit sagen” ein zwingendes Prinzip.

Ein Arzt erzählte mir einmal, dass er für eine künstliche Befruchtung konsultiert wurde. Just die nächste Woche kam selbige Patienten und verlangte die Abtreibung. Warum der Wandel? Es stellte sich heraus, dass sie von ihrem Partner gezwungen wurde, das Kind wieder abzutreiben, der sich gegen das Kind entschied. Auch wenn hier Wissenschaft einbezogen ist, sie schützt den Arzt nicht vor einer moralischen Entscheidung, die er jetzt treffen muss.

Nehmen wir an ein neurotisch veranlagter Patient mit geringem Selbstbewusstsein bittet dich um eine plastische Chirurgie. Soll der Arzt einfach tun, was er sagt, wenn doch die Bitte aus der Krankheit resultiert? Trotzdem schreiben viele unserer sogenannten Wissenschaftler, dass Medizin und Moral zwei völlig unterschiedliche Welten sind. Ich habe diese Erfahrung nie gemacht und es gibt keinen Arzt, der Moral von seinem Leben trennen kann. Auch auf Gebieten wie Abtreibung oder selbst Chirurgie. Es gibt hier keine säkulare Neutralität, denn wir sind auf Moral angewiesen.

Aufklärerisches Denken

Warum denkt die Welt so? Warum wird Moral nicht als Wahrheit akzeptiert oder eine außerhalb der wissenschaftlichen Arbeit geltende Wirklichkeit? Die Antwort liegt wohl darin, dass die Aufklärung uns lehrte, dass allein Vernunft Wahrheit gebiert. Sie trennte die wissenschaftliche, “reale” Welt von allem unwissenschaftlichen, nicht empirischem Denken. Auch heute denken viele Menschen, vorwiegend die dem Naturalismus zugehörigen, dass es keine absolute Moral gibt. Doch Wahrheit kommt nicht aus dem Denken des Menschen, wie die Bibel sagt, sondern von außerhalb, von Gott. Wir haben gesehen, dass moralische Entscheidungen, vor allem auf dem Gebiet der Medizin unumgänglich sind. Jetzt zur zweiten Frage: Hat ein Atheist keine moralischen Werte?

2. Jeder hat moralische, unumstößliche Werte 

Atheisten sind genauso wie gläubige Menschen voreingenommen durch Moral. Es ist ein Gesetz, das in die Herzen der Menschen eingeschrieben ist. John Pattrick (University of Ottawa) sagte einmal, er würde seine Studenten nur moralisch uund total neutral unterrichten. Sogar unsere Lehrbücher verlangen das von unseren Professoren. Doch ein klein wenig Reflexion leuchtet schon ein, um zu wissen, dass jeder aus einem Weltbild heraus, und damit mit Werten, agiert.

Jeder Mensch hat ein Weltbild – geprägt durch Annahmen, durch vorausgehende Wahrheiten, anhand derer er die Welt interpretiert – auf denen er sein moralisches Denken aufbaut, selbst wenn wir das nicht einmal realisieren. Jeder beantwortet für sich Fragen wie:

- Was können wir wissen, und wenn, wie können wir es wissen? (Epistemologie)

- Was ist der Zweck des Lebens? (Teleologie)

- Aus welchen Dingen besteht ein “gutes” Leben? (Ethik)

- Was ist falsch mit dem Menschen, und wie können wir ihm helfen? (Politik und Glaube)

- Woher kommt der Mensch und wer ist er? (Anthropologie)

- Was passiert nach dem Leben? (Eschatologie)

Die Antworten, die jeder auf diese Fragen findet, bestimmen unsere Art zu denken und letztlich auch Wissenschaft zu betreiben. Die Schlussfolgerungen, die jeder Evolutionist daraus zieht, sehen wie folgt aus. Sie sind genauso Wertgeladen und nicht neutral wie die Schlussfolgerungen aus einem christlichen Weltbild heraus:

1. Alle Menschen sollten gleich behandelt und als gleichwertig gesehen werden, auch wenn die Evolution uns nicht gleich gemacht hat.

2. Ein Baby im Mutterleib kann als Krankheit angesehen werden, wenn es das Leben der Mutter gefährdet und muss demnach “behandelt” werden.

3. Es gibt keine objektive Wahrheit wie wahr oder falsch, weil es keine superiore Autorität über dem Menschen gibt.

4. Wenn Gott existiert, dann sollte er sich beweisen, und zwar so, dass wir das wissenschaftlich erfassen können.

Das sind Werte einer säkularen Welt, die genauso wenig neutral sind wie die eines Christen. Trotzdem nutzen sie den Wertemaßstab von Christen, um ihr Weltbild zu verschönigen, wie zum Beispiel die Gleichheit aller Menschen. Die Evolution gibt das gar nicht her.

3. Glauben schadet anderen Menschen

Diese Ansicht ist weit verbreitet. Glauben wird oft gleichgestellt mit Diskrimination, sofern man ihn öffentlich bekennt. Doch letztlich ist der Glaube davon abhängig, dass wir Menschen so behandeln wie Jesus das getan hat. Er hat sie gesehen als moralische Wesen, die Entscheidungen treffen und damit Auswirkung haben auf ihr jetziges Leben wie auch das Leben danach. Sie hatten für ihn unglaublichen Wert. Er tat dies zwar auch durch Konfrontation, doch immer mit dem Blick Gutes für den “Patienten” zu erwirken. 

Doch was sollen wir tun, wenn die Gesellschaft oder sogar der Staat uns drängt Dinge zu tun, die gegen unsere Moral und das Gewissen sprechen? Hier seien nur Abtreibung, Akzeptanz von sexueller Unmoral, von familiärer Entfremdung oder auch wissenschaftliche Dinge wie PID etc genannt… Die Bibel drängt dazu, dass wir den Schwachen aufhelfen und den Ungeschützten zu leben verhelfen (lies dazu Sprüche 24,10-12). Zwar sagt Paulus auch, dass wir den Obrigkeiten untertan sein sollen, doch letztlich gilt die Aussage von Petrus, der vor Obrigkeiten sagte, dass der Gehorsam gegenüber Gott größer sein muss als der gegenüber Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Unser Gewissen und Moral sollte nicht als dreckiges Wort in der Medizin, Wissenschaft allgemein oder unserer Gesellschaft gelten. Denn immer, wenn Menschen nach ihrem Gewissen handelten, taten sie es gut, denn dieses Gewissen ist uns von Gott gegeben. Niemand kann moralische Entscheidungen übergehen oder umgehen, auch der Atheist trifft  Entscheidungen für Werte und Moral. Solange wir dem Beispiel von Jesus folgen, Wahrheit  und Liebe für die Welt, sind wir auf der sicheren Seite, nämlich auf seiner. Säkulare Neutralität ist ein Mythos.

inspired by: www.bethinking.org/truth-…of-secular-neutrality.htm