Ist die Erde alt? Die Tage der Schöpfung

Ist die Erde alt? Die Tage der Schöpfung

Christen sind Kreationisten. In seinem ursprünglichsten Sinn bedeutet dieses Wort, dass sie an die Schöpfung der Welt durch Gott glauben. Doch sieht man sich die Christenheit genauer an, so fällt auf, dass ihre Auffassung bezüglich des Alters der Erde stark auseinandergeht. Es gibt diejenigen, die behaupten, die Erde sei sehr jung, etwa 6000 Jahre alt, zurückgerechnet über die Altersangaben in der Bibel bis auf die Schöpfungsgeschichte. Dann wiederum gibt es diejenigen, die sagen, dass die Welt älter sei, wahrscheinlich sogar viel älter als die Junge-Erde-Schöpfung-Fraktion vertritt. Heute wird das Wort Kreationist wohl eher für erstere Gruppe gebraucht, die an eine junge Erde glauben.

Über Genesis 1 zeigt sich die Christenheit selbst sehr uneins. Schon Philo, ein jüdischer Autor zur Zeit Jesu, schrieb darüber, dass der Schöpfungsbericht wohl eher über die Gestaltung und Anordnung der Erde Aussagen trifft als über ihre chronologische Erschaffung. In den folgenden Jahrhunderten griffen einige Philosophen die Diskussion um das Alter der Erde auf. So meinte Clement aus Alexandria beispielsweise, dass die Erde gar nicht “zeitlich” erschaffen wurde, weil Zeit erst dann geboren wurde, als die Dinge anfingen zu existieren. Andere stützen ihre Theorien zum  Alter der Erde auf Bibelverse wie 2. Petrus 3,8 (“für den Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre”) oder Psalm 90,4. Augustinus forschte ebenfalls zum Thema und gelang zu der Ansicht, dass die Bibel wohl eher Aussagen über die logische Sequenz der Tage trifft als zu ihrer Dauer. Trotzdem blieben die meisten Christen bei dem 24-Stunden-Tag, den sie aus ihrem täglichen Leben kannten: Warum sollte Gott dann eine andere Dauer gewählt haben?

Ein anderer Ansatz, um uns auch auf die beiden vorangegangenen Kapitel zu beziehen, besteht darin, dass die Intention des Autors mit berücksichtigt wird. Ist der Schöpfungsbericht als historisch chronologische Tatsache zu betrachten, oder trifft der Autor hier vielmehr theologische Aussagen über Sinnhaftigkeit und Bedeutung von Schöpfung? Die fünf Bücher Mose sind sehr wohl historische Berichte, aber kann man mit den ersten Versen der Bibel genauso verfahren wie mit dem Rest dieser Geschichtsbücher? Andererseits wäre es auch unlogisch ein Geschichtsbuch zu lesen und einige Kapitel nicht geschichtlich zu lesen. Darüberhinaus besteht die Frage, wie stark ist dieses Buch von der altertümlichen orientalischen Welt, einer völlig anderen Kultur wie der heutigen westlichen, beeinflusst? Dürfen wir die ersten Kapitel im Buch Genesis einfach geschichtlich lesen?

Auffassungen über die Schöpfungstage

Die Hauptinterpretationen über die Schöpfungstage sind hier auf einen Blick zusammengefasst:

1. Der 24-h-Tag: Die Schöpfungstage sind 7 Tage zu 24 Stunden, eine Erdenwoche, ungefähr vor sechstausend Jahren

2. Das Tages-Zeitalter: Die Tage sind chronologisch angeordnet, repräsentieren aber eine Zeitspanne, die unspezifisch lang ist.

3. Das Bezugssystem: Die Tage stellen keine chronologische, sondern eine logische Ordnung dar

Die Punkte 1 und 2 sind dem Leser wahrscheinlich klar und geläufig, zu Punkt 3 müssen wir allerdings ein paar Worte verlieren. Die Grundidee ist hier, dass innerhalb der Schöpfungsordnung eine Logik statt Chronologie zu finden ist. Ein Beispiel:

Wenn du einen Bauleiter fragst, wie er das Krankenhaus gebaut hat, dann wird er dir chronologisch antworten: “Wir haben erst einen Grundstein gelegt, dann fingen wir mit dem Keller an, setzten das Erdgeschoss darauf, bevor Etage 1 und 2 folgten.” Wenn du über dasselbe Bauwerk einen Chirurgen fragst, der ebenfalls in die Planung mit einbezogen wurde, dann antwortet dieser wie folgt: “Zunächst achteten wir darauf, dass der Operationssaal relativ zentral liegt. Dann setzten wir einen Stock drüber wegen der räumlichen Nähe den Aufwachraum und die Stationen ein Stockwerk tiefer.” Der Chirurg antwortet eher logisch als chronologisch. Trotzdem beschreibt er die Realität dieses Krankenhauses, genauso wie der Bauleiter.

Ein biblisches Beispiel gibt hier Aufschluss in Bezug auf die Schöpfung. Jesaja 45,12 sagt:

Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf ihr geschaffen. Ich bin’s, dessen Hände den Himmel ausgebreitet haben und der seinem ganzen Heer geboten hat.

Würde irgendwer auf die Idee kommen, dass Gott hier meint, er hat erst die Erde, dann die Menschen, und dann den Himmel geschaffen? Mit Sicherheit nicht. Diese semipoetische Aussage hat nichts mit Chronologie zu tun.

Johann Gottfried von Herder entwickelte das Bezugssystem weiter. Er schrieb, dass die Tage der Schöpfung jeweils in Triaden (3er-Päckchen) angeordnet sind und sich jeweils entsprechen. So ergeben die Tage 1-3 die strukturelle Grundlage für das, was er dann an den Tagen 4-6 dort hineinschafft.

Tag Formierung Füllung Tag
1 Licht Himmelskörper 4
2 Himmel / See Flügel-/Wassertiere 5
3 Trockenes Land, Vegetation Landtiere / Mensch 6

Wir sehen hier seine Intention uns klar zu machen, dass jeder Tag seine Entsprechung in der zweiten Schöpfungswoche hat. Eine interessante Parallele.

Welche ist die richtige Sicht? Eine Textanalyse

Was sollen wir nun von diesen verschiedenen Perspektiven auf die Schöpfung halten? Zunächst muss gesagt werden, dass sie alle verschiedene Interpretationen desselben Textes sind. Und Interpretationen bleiben Auslegungen. Wir müssen also genauer hinsehen, was der Text wirklich sagt. Oft sind Interpretationen beeinflusst von vorgefertigten Meinungen, die wir an dieser Stelle ausschließen wollen. Betrachten wir also den Text genauer.

1. Der Text beginnt mit der nüchternen Aussage, dass lediglich Himmel und Erde geschaffen wurden (1. Mose 1,1-2)

2. Es folgen sechs Tage von Gottes organisatorischer Kreativität und findet ihren Höhepunkt in der Erschaffung des Menschen in seinem Bild (1. Mose 1,3-2,1)

3. Der siebte Tag, an dem Gott ruhte – Sabbath: 1. Mose 2,2-3

Alles, was aus der bloßen Lektüre ins Auge sticht, deutet darauf hin, dass Gott aus der Leere etwas schafft, was bewohnt werden kann und genau diesen Zweck erfüllen soll. Deswegen bewertet Gott auch jeden Tag einzeln als gelungenes Werk, weil jede geschaffene Gestalt diesem Zweck diente.

Heute lehnen wir unsere Wochentage an die Schöpfungstage an. Die Bibel charakterisiert Gott als schaffendes Wesen, der ebenfalls innerhalb einer Woche sechs Tage arbeitete und am siebten ruhte. So befiehlt er auch den Menschen, denselben Rhythmus einzuhalten (2. Mose 20,8-11). Der, der nicht nötig hat zu ruhen, legt die Arbeit an einem Tag nieder. Seine Wochentage sind trotzdem nicht unsere, denn sie waren einmalig, während sind unsere immer und immer wiederholen.

Die Bedeutung des Wortes Tag in 1. Mose 1,1-2,4

1. Das Wort Tag wird in der Bibel zuallererst im 5ten Vers des ersten Kapitels erwähnt, als Gott den Tag zu der Nacht abgrenzt. Hier ist also der Tag keine Stundenangabe, sondern lediglich die Abgrenzung zur Dunkelheit. Man könnte es eher mit Tageszeit übersetzen.

2. Das zweite Mal erscheint uns das Wort in demselben Vers, allerdings mit anderen Bedeutung. “Es wurde Abend, es wurde Morgen, der erste Tag.” Hier bezieht sich das Wort Tag schon viel eher auf die 24-h-Bedeutung, so wie wir ihn heute verstehen.

3. Die nächste Bedeutung finden wir am siebten Tag, dem Sabbath, als Gott ruhte. Hier wird “Abend und Morgen” nicht mehr erwähnt wie bei den ersten sechs Tagen. Warum? Dieser Tag scheint aus den ersten sechs völlig heraus zu fallen, ein speziell geheiligter Tag (wie er auch später genannt wird). Seine Kreativität kommt hier zum Ende, und bis heute ist er von dem Schöpfungsakt am Ruhen. Der siebte Tag zieht sich also viel mehr bis in die heutige Zeit, eine lange Periode.

4. Auch in Kapitel 2,4 taucht das Wort Tag wieder auf (in dt. Übersetzung heißt es: “als Gott die Erde schuf”). Es deutet hier auch auf eine lange Zeit, wie etwa ein Mann, der sagt: Zu meinen Tagen war ich noch sportlich.

Wir sehen, allein das Wort Tag ist sehr divers gebraucht in den ersten Versen der Bibel. Die Bedeutungen sind uns alle gebräuchlich, man könnte sie wörtlich verstehen. Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist, dass jeder Tag in unseren Übersetzungen mit einem bestimmten Artikel benannt wird: …der erste Tag… der zweite Tag… usw. Dies ist im Hebräischen Urtext allerdings nicht der Fall. Dort werden nur die Tage sechs und sieben mit “Der sechste Tag” und “Der siebete Tag” beschrieben. Die Artikel könnten also eher so übersetzt werden: “Tag eins…Tag zwei…Tag drei…usw.” und dann “der sechste Tag” und “der siebte Tag”.