Bewegt die Erde sich? Eine Unterrichtsstunde in Geschichte

Dieses Buch von John Lennox behandelt eine Kontroverse – eine Debatte, in deren Namen schon getötet wurde. Schon allein deswegen ist sie mit Respekt zu betrachten. Zugrunde liegt ihr eine Diskussion, die ihren Anfang schon vor Luther, zu Zeiten von Aristoteles, später Copernicus und dann Galilei nahm.

Copernicus schlug im Jahre 1543 der Welt das heliozentrische Weltbild vor: Die Sonne befindet sich im Zentrum des Universums und die Erde dreht sich um sie. Seine wissenschaftliche Arbeit schlug mit großer Brisanz in die damalige Welt ein, denn sie schlug der tonangebenden Institution Kirche, die in der damaligen Welt alles dominierte, ins Gesicht. Die Bibel sagte etwas anderes. Sie befürworteten das Weltbild des Aristoteles, der schon im 4. Jahrhundert vor Christus sagte, dass die Erde fix steht und sich alles um sie dreht. Über Thomas von Aquin (1225 – 1274) beeinflusste dieser griechische Philosoph die katholische Kirche in außerordentlichem Maße, denn sein Weltbild passte zu dem, was die Bibel sagte:

Es fürchte ihn alle Welt. Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. 1. Chroniker 16,30

Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt.  Psalm 93,1

der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich. Psalm 104,5

Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt. 1. Samuel 2,8

Die Bibel sagte sogar nicht nur, dass die Erde fest steht. Es scheint sogar, dass sie meint, dass die Sonne sich dreht:

Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn. Sie geht auf an einem Ende des Himmels / und läuft um bis wieder an sein Ende, und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen. Psalm 19,5-7

Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. Prediger 1,5

Es war also nicht erstaunlich, dass Copernicus mit seiner Sicht der Dinge auf erheblichen Widerstand der katholischen wie prostentantischen Welt stieß. Luther sagte über ihn:

“Das ist wie die Dinge also heute stehen: wenn ein Mann wünscht klug zu sein, dann muss er etwas Spezielles erfinden, und der Weg um dies zu tun, muss der Beste sein! Dieser Dummkopf will die ganze Kunst der Astronomie auf den Kopf stellen. Wie auch immer, die Heilige Schrift sagt uns, dass Josua der Sonne sagte, dass sie still stehe und nicht der Erde.”

Der ganze Konflikt spitzte sich immer weiter zu, bis der berühmte Galileo Galilei sein astronomisches Werk über den Lauf der Erde veröffentlichte. Er forderte das gesamte Weltbild der damaligen kulturellen Elite dermaßen heraus, dass er am Ende widerrief, nicht ohne seinen Inquisitoren zuzumurmeln: “Aber sie bewegt sich doch.”

Viele Historiker der Wissenschaften schließen, dass die Galileo-Affäre den einfachen Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft nur bestätigt. Es bedurfte einiger Jahre, dass das heliozentrische Weltbild etabliert wurde. Heute gibt es keinen Menschen mehr, der dieses Weltbild ablehnt, auch kein Mann der Kirche.

Deswegen müssen wir uns einer sehr wichtigen Frage stellen: Warum akzeptieren Christen diese “neue” Interpretation? Warum bestehen sie nicht auf dem “wörtlichen” Verständnis von den “Säulen der Erde?” Warum ist das christliche Lager heute nicht getrennt in die “stehende Erde-Anhängern” und die “sich-bewegende-Erde-Anhängern”? Sind die Christen alle einen Kompromiss eingegangen und haben sie ihre Heilige Schrift der Wissenschaft dienstbar gemacht?