Bewegt die Erde sich? Eine Unterrichtsstunde über die Schrift

Zuallererst ist jeder Text, der geschrieben wurde, eine interpretationsgebundene Grundlage für den Leser, um die Auffassung des Autors zu erfassen. Das bedeutet in weiterem Sinne, dass jeder Text so gelesen werden muss, wie ihn der Autor verstanden haben wollte. Ein Mathematikprofessor möchte seine Formel nicht poetisch interpretiert wissen. Shakespeare möchte nicht, dass wir seine fiktiven Geschichten als faktische Historie erkennen usw. Desweiteren gibt es Unterscheidungen zwischen der Allegorie eines Textes und seiner natürlichen Bedeutung. Viele Dinge sollen als Metapher verstanden werden und nicht wörtlich, andere sind viel mehr wörtlich als metaphorisch aufzufassen. Die fundamentalen Aussagen der Schrift, wie zum Beispiel Tod und Auferstehung Christi, sollen in erster Linie natürlich, nicht allegorisch aufgefasst werden, weil sie Fakten sind. Andere Aussagen Jesu, wie z.B. “ich bin die Tür des Lebens” sind eher bildlich als wörtlich zu verstehen. So sehen wir, dass Sprache in unterschiedlichen Kontexten auch unterschiedlich verstanden werden soll, und jeder Autor etwas in einen Text hineinlegt. Diesen Sinn soll der Leser versuchen zu verstehen.

Nehmen wir beispielsweise das Wort “Erde” in 1. Mose 1, so fällt auf, dass es zunächst für den Planeten gebraucht wird, und ein wenig später schon für das trockene Land im Unterschied zu den Wassern. Beide Male ist das Wort “Erde” durchaus wörtlich zu verstehen, doch die beiden Bedeutungen sind unterschiedlich entsprechend ihrem Kontext.

So gebrauchen wir auch in unserem täglichem Gespräch viele Metaphern, die nicht wörtlich, sondern bildlich zu verstehen sind, jedoch einen natürlichen Vorgang beschreiben. Wenn wir sagen: “das Auto flog die Straße hinunter”, meinen wir durchaus einen reellen Vorgang. Auto und Straße sind auch durchaus wörtlich zu verstehen, doch das Wort fliegen ist vielmehr Metapher und Bild als wörtliche Sprache und jeder weiß, was es bedeutet. Selbst Wissenschaftler bedienen sich ständig metaphorischer Sprache. Sie beschreiben Licht als kleine Bälle (Lichtpartikel) und Energie mittels Wellen etc. Man kann, so C.S. Lewis, ohne Metaphern gar nicht auskommen, weil unser Sprachschatz für viele Dinge einfach nicht ausreicht.

Manchmal kommen sogar wörtliche und bildliche Bedeutung zusammen. Nehmen wir zum Beispiel die “Himmelfahrt” Christi, meint die Bibel sowohl wörtlich, dass Christus in den Himmel gefahren ist, und auch die bildliche Thronbesteigung Christi, ein tieferer Sinn hinter dem physikalischen Auffahren. Wir sehen also, dass das Wort “wörtlich” oft auch missverstanden werden kann, in dem Sinne, dass es unterschiedliche “Level” von wörtlicher Auslegung gibt. Wir müssen also vorsichtig mit dem Gebrauch des Wortes “wörtlich” werden.

Henri Blocher sagte einmal: “Menschliche Rede bleibt nie bei dem Nullpunkt der blanken Erzählung, die immer nur auf einfachste und direkteste Art kommuniziert, und nur die Worte in ursprünglichstem Sinn gebraucht.” Was er damit sagt ist lediglich, dass wir ständig metaphorische, allegorische Sprache gebrauchen. Wie farblos wäre unsere Welt ohne sie.

Es könnte noch viel über den Gebrauch von Sprache gesagt werden, aber das Gesagte soll an dieser Stelle reichen, um die Grundidee wie auch die Grundfrage mehr zu verstehen. Oft gehen wir, nachdem wir einen Text nicht wörtlich verstehen können, weil er so keinen Sinn macht (“ich bin das Brot des Lebens”) weiter zum nächsten Level, dem metaphorischen. Aber es gibt Momente, da ist Sprache nicht in dem Sinne so offensichtlich, nicht so einfach zu kategorisieren, wie wir uns das vorstellen. Diese Basis vom Verständnis von Schriften hilft uns vielleicht zu verstehen, ob die “die-Erde-bewegt-sich-Fraktion” wirklich Kompromisse im wörtlichen Verständnis der Bibel eingegangen sind.

Bibel und Wissenschaft

Der amerikanische Paläontologe Stephen Jay Gould von der Harvard Universität schlug einmal vor, dass Religion und Wissenschaft zu komplett unterschiedlichen Domänen gehören. Er meinte damit, dass Wissenschaft und Religion Aussagen zu ganz unterschiedlichen Fragen treffen, und damit komplett auseinandergehalten werden müssen.

Nun, mit dieser Sicht der Dinge geht man tatsächlich einigen Problemen der heutigen Zeit aus dem Weg. Allerdings gibt es dazu zwei ganz große Haken.

Erstens verstärkt diese Sichtweise den Glauben, dass Wissenschaft mit Wahrheit operiert und Religion mit Märchen. Wissenschaft würde sich so eher auf Realität beziehen, und Religion auf den Weihnachtsmann und Gott. Dieser Eindruck ist weit verbreitet und keiner, der an die Autorität und Inspiration der Bibel glaubt, kann mit dieser Aussage mitgehen.

Und der zweite Haken besteht darin, dass wir Wissenschaft schon deswegen nicht von der Bibel trennen dürfen, weil sie Aussagen dazu trifft. Und das sind nicht unwichtige Aussagen, wie zum Beispiel dem Anfang von Leben und Universum. Diese sind wiederum bedeutsam für die physikalische Erschaffung des Menschen wie auch den philosophischen Sinn dahinter. Deswegen kann man Bibel und Wissenschaft nicht einfach trennen.

Es ist sogar vielmehr so, dass Gott Wissenschaft möchte. Er fordert uns auf, ihn mit unserem Verstand zu lieben. Er beauftragte uns, den Tieren Namen zu geben, was ein wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft ist (sogenannte Taxonomie). Er liebt den fragenden, offenen Geist.

Trotzdem ist vor allem der Schöpfungsbericht nicht in wissenschaftlicher Sprache geschrieben worden, was mit dem Sinn des Textes zu tun hat. Gott möchte, dass alle Menschen Zugang zu seiner Botschaft haben, deswegen hat verklausulierter Text wenig zu suchen in seiner Botschaft. Sie ist schlicht und einfach, verständlich für jedermann. Das ist auch gerade die Genialität, die die Bibel ausmacht: Es gibt hochgestochene Wissenschaftler, die an ihr zu beißen haben, und trotzdem findet auch der einfachste Geist in ihr das, was er braucht. Sie ist allzugänglich, universal orientiert und das liebt Gott. Wir brauchen keine Eliten, um sie auslegen zu können. Wir dürfen sie einfach nur lesen.

Sie beschreibt phänomenal einfach die Erscheinungen, die jeder sehen kann. So beschreibt sie, wie die Sonne aufgeht und wieder untergeht, so wie das Wissenschaftler auch tun, obwohl jeder weiß, dass sie nur aufgrund der Drehung der Erde aufzugehen scheint und sich letztlich gar nicht bewegt.

Nachdem wir das Alles nun gesagt haben, müssen wir den Schlüsselakt des Ganzen betonen. Die Bibel, auch wenn sie kein wissenschaftliches Buch ist, sagt präzise Wahrheiten über dieselbe objektive Realität aus wie die Wissenschaft, weil es Gottes offenbartes Wort ist. Im Speziellen über den Anfang und Sinn der Welt und der Menschheit. Deswegen müssen wir versuchen, diese Wahrheit richtig zu verstehen.

In diesem Sinne können wir auch verstehen, was die Bibel mit “Säulen der Erde” und den “Grundfesten” meint. Es sind weniger auf Stein gemeißelte oder in Stahl gegossene Säulen als viel mehr ihr metaphorischer Sinn, der hinter ihrer Auslegung liegt. Trotzdem kann man auch an dieser Stelle wieder betonen, das hinter den Metaphern Realitäten ausgedrückt werden sollen. Gott, der Schöpfer, hat gewisse reale Stabilitäten in das planetarische System des Universums gebaut, die das Fortbestehen für uns garantieren und ihren Zweck erfüllen. Die Wissenschaft hat uns gezeigt, dass die Erde über sehr lange Zeiten hinweg stabil in ihrem Orbit um die Welt reist und dort gewissen Gesetzen folgt. Ihr Orbit hängt ab vom Mond, der Gravitation, sogar zum Jupiter besteht Relation, welcher auch dabei hilft andere Planeten in ihrer Umlaufbahn zu halten. Die Stabilität der Erde ist also sehr real. Es ist eine wörtliche Stabilität, auch wenn das Wort Stabilität nicht wörtlich verstanden werden kann im Bezug auf “bewegungslos.”

Und es geht sogar noch weiter: Metaphorisch gesehen muss die Erde nicht der physikalische Mittelpunkt des Universums sein, wenn er doch der Mittelpunkt von Gottes Aufmerksamkeit im Universum ist. Damit werden wir dem wissenschaftlichen wie auch dem biblischen Text vollends gerecht ohne die  Autorität der Bibel zu untergraben. Das ist der wichtige Punkt. Die Schrift hat die volle Autorität.

Die Geschichte von Galileo sollte uns lehren, dass wir demütig genug sein müssen um zu unterscheiden zwischen dem, was die Bibel sagt und unserer Interpretation. Der biblische Text über die Erde und die Sonne war viel filigraner als alle Theologen der damaligen Zeit sich vorstellen konnten. Die Bibel konnte so verstanden werden, dass sie eben fest steht. Aber sie musste nicht so verstanden werden.

Eine andere Lektion ist die, dass Galilei als ein bibelgläubiger Mann derjenige war, der die Welt und ein besseres – man kann auch sagen ein wissenschaftlicheres – Verständnis der Bibel voranbrachte, gegen den Widerstand säkularer Philosophen. Er tat es nicht einfach nur gegen einige Kirchenleute, sondern vorwiegend gegen den obskuren Widerstand von überzeugten Jüngern von Aristoteles, die sie damals alle waren. Alle Philosophen und Wissenschaftler der heutigen Zeit sollten dieselbe Demut besitzen, dass im Licht von Fakten Dinge auch von Menschen auf- und erklärt werden können, die an Gott glauben!