Die Interpretation des Schöpfungstextes

Wenn wir jetzt alle textlichen Details herausgekehrt haben – wie sollen wir sie interpretieren? Zunächst einmal können wir die Schöpfung in zwei unterschiedliche Akte unterteilen. Akt eins ist der initiale Schöpfungsakt (Verse 1 u. 2), Akt zwei sind die Tage eins bis sechs. Das wird daran deutlich, dass jeder sechs Tage mit der Phrase eingeleitet wird “Und Gott sagte” und aufhören mit “und es ward Abend und es ward Morgen, der  xte Tag.” Tag eins beginnt also im dritten Vers, nicht in Vers eins. Daran sehen wir schon, dass der Beginn der Schöpfung nicht mit dem Beginn des ersten Tages zusammenlag, wie das häufig angenommen wird. Das bedeutet aber noch mehr: Die Frage nach dem Alter der Erde lässt sich nicht mit der Dauer der Tage beantworten. Man könnte also annehmen, dass die Tage der Schöpfung zwar 24 Stunden gedauert haben UND dass die Erde ein sehr alter Kontinent ist.

Wir sehen, dass die Situation langsam ähnlich wird zu der von vor 500 Jahren, als es um die drehende Erde ging. Die Schrift kann interpretiert werden dahingehend, dass man die Erde für jung hält, sie muss es aber nicht. Es ist nicht die einzige mögliche Interpretation.

Nun zu den Tagen selbst: Wenn wir sie einfach so auflisten würden wie eine ganz normale Alltagswoche heute, dann würden wir sicherlich jedem Tag einen bestimmten Artikel geben. Doch die Bibel tut das nicht. Es scheint irgendetwas besonders zu sein an den Tagen sechs und sieben. Es sind die Tage des Höhepunkts, als die Krönung der Schöpfung, der Mensch, gebildet wird. Der siebte Tag deutet schon jetzt auf die Ewigkeit, er hat keine Tagesrhythmik mehr, sondern ist der Frieden, der übrig bleibt.

Dieses grammatische Detail lenkt unsere Blicke auch darauf, dass dieser Text vielleicht viel durchdachter und anspruchsvoller ist, als die meisten von uns erwarten. Es ist zu einfach, diesen Text auf eine bestimmte Interpretation herunter zu brechen, etwa dass er rein Bezugssystem ist, oder nur ein 24-h-Tagesakt. Er ist vielmehr eine Mischung. Vieles spricht dafür, dass der Autor (Gott) den Menschen mehr mitteilen möchte, als reine chronologische Kreation. Beispielsweise arbeitet er mittels Einschüben (Parenthesen), die jeden Tag ergänzen. Im Neuen Testament wird das öfter benutzt, zum Beispiel in Apostelgeschichte 1,15: “Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüder (es waren etwa 120 beisammen) und sagte…” Diese Einschübe, die oft von späteren Übersetzern eingefügt wurden, finden wir auch im Schöpfungsbericht. Das macht die ganze Sache interessant für uns, denn sie könnten darauf hindeuten, dass allein der Sprechakt Gottes “und er sprach: Es werde Licht. Und es ward Abend und es ward Morgen, der erste Tag.” bereits als Schöpfungsakt betrachtet werden kann. Das, was dazu gesagt ist, der Einschub, ist letztlich dann eine Periode von Zeit, in der sich die Neuschöpfung (hier Licht) organisierte. Hier in dem Fall wäre es der Einschub: “Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.” Übrigens passt diese Interpretation sehr gut zu fossilen Funden, die offenbaren, dass es nie eine schleichende Entwicklung (progressive Evolution) gab, sondern vielmehr ein immer wieder plötzlicher Eintritt in ein neues Level komplexer Organisation.

Vielleicht wird der ein oder andere Einhaken und sagen: “Das, was wir hier machen, ist letztlich nur versuchen, die christliche Auffassung über die Entstehung der Welt für die Evolutionstheorie zu verbiegen und sie ihr dienstbar zu machen. Ich (John Lennox) möchte an dieser Stelle betonen, dass ich hier bisher nicht wissenschaftliche Aussagen getroffen habe, sondern lediglich versuche, den Text zu verstehen, so wie er im Hebräischen geschrieben steht. Das hat wenig mit Theologie und noch weniger mit Wissenschaft zu tun. Ich versuche nur den Leser zu sensibilisieren dafür, dass wir uns keine Gefallen tun, wenn wir die Schrift einfach nur chronologisch lesen und letztlich die grammatischen, textlichen, aber auch metaphorischen Implikationen des Textes außen vor lassen. Das hat in der Vergangenheit schon einmal dazu geführt, dass Texte der Bibel falsch verstanden wurden, damals ging es um die Bewegung der Erde. Auch Vertreter für die “junge Erde” müssen sich einer Auslegung öffnen, die weder die Autorität und den Vorrang der Schrift anzweifelt, aber gleichzeitig auch das heute größere Wissen über unser Universum berücksichtigt.