Das berühmteste Weihnachtslied der Welt soll auch wirklich erst am Heiligen Abend gesungen werden.

“Der öffentliche Raum wird geflutet mit vermeintlich festlicher Weihnachtsmusik. Schon seit Mitte Oktober geht das so, da war der Heilige Abend beim besten Willen noch nicht einmal ansatzweise am Horizont zu sehen. Aber zu hören.

Überall wird der arglose, unschuldige Passant mit Weihnachtsmusik bombardiert: in Supermärkten und Kaufhäusern, in Shops und Boutiquen, in Restaurants und Cafés und selbstverständlich in Fahrstühlen. Die sind berüchtigt für Zwangsmelodien in Endlosschleife, die Angelsachsen haben dafür extra ein eigenes Wort erfunden: „elevator music“, Fahrstuhlmusik eben.
Und schon weit vor der Adventszeit wird der geplagte moderne Mensch mit den üblichen, bei der GEMA-Gebühr günstigen und daher schlecht gespielten instrumentalen Cover-Versionen irgendwelcher Hits traktiert, also eben mit Adventsgedudel.

Fahrstuhlmusik soll grenzwertig klaustrophobische Benutzer beruhigen. Wer ihr ausgesetzt ist, wird allerdings die Vermutung nicht los, dass das niemanden beruhigt, sondern höchstens aggressiv macht. Supermärkte erhoffen sich von der Beschallung einen erhöhten Kaufreflex ihrer Kunden. Wer nicht komplett taub oder abgestumpft ist (oder beides), bei dem löst es in Wahrheit einen ganz anderen Reflex aus: den Fluchtreflex.

Physisch schmerzhaft wird die Sache, wenn irgendwann im Spätherbst im Supermarkt die ersten Schoko-Nikoläuse in den Regalen stehen, neben den ersten Lebkuchen und Dominosteinen, und dazu dann eine erbärmliche Kopie von „Santa Claus is coming to town“ ertönt. Nicht selten sitzen zur selben Zeit noch Menschen an den Tischen in den Straßencafés. Draußen, versteht sich.

Auch bei nasskalten fünf Grad und Sprühregen im Gedränge der Fußgängerzone entsteht festliche Stimmung ganz sicher nicht dadurch, dass Bing Crosby schmalzig von einer weißen Weihnacht träumt oder Mariah Carey einem „All I want for Christmas is you“ in den Gehörgang trötet.

Was ist bloß los mit unserer verfetteten Konsumgesellschaft, dass wir noch nicht einmal mehr feste Daten im Kalender abwarten können? Ich sag’s ja nicht gerne, aber der Moslem ist in dieser Hinsicht eindeutig disziplinierter. Niemand, der auf den Koran schwört, käme auch nur im Traum auf den Gedanken, schon Wochen vor Beginn des Ramadan zu fasten.

Den Gedanken zu Ende gedacht hat jetzt ein gewisser Josef Bruckmoser. Der Mann ist Österreicher, doch bevor wir uns unseren ablehnenden Vorurteilen hingeben, weil Deutschland mit aus Österreich importierten Ideen nur so mittelgute Erfahrungen gemacht hat, sollten wir ihn anhören.

Im Kölner Domradio hat Herr Bruckmoser nämlich vorgeschlagen, dass das Lied „Stille Nacht“ wirklich nur am Heiligen Abend gesungen und auch gespielt wird.

„Stille Nacht“ ist das erfolgreichste Weihnachtslied der Welt. Die UNESCO hat es im Jahr 2011 zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Herr Bruckmoser ist Zweiter Vorsitzender der „Stille Nacht Gesellschaft“. Die hat ihren Sitz im kleinen Örtchen Oberndorf, keine 15 Kilometer von Salzburg entfernt. Dort haben am 24. Dezember 1818 der Komponist Franz Xaver Gruber und der Dichter Joseph Mohr das Lied erstmals vor Publikum vorgetragen: in der Schifferkirche von St. Nikola. Die ist irgendwann eingestürzt, an ihrer Stelle steht heute die Stille-Nacht-Kapelle.

Das Lied, das der Kapelle ihren Namen gab, ist ein echter Welthit. In sage und schreibe mehr als 320 Sprachen und Dialekte ist es übertragen worden. Der schon erwähnte Bing Crosby spielte 1934 die englischsprachige Version („Silent Night“) ein und machte dadurch das deutsche Volkslied international bekannt.

„Stille Nacht“ hat im Wortsinn Geschichte gemacht: Beim historischen „Weihnachtsfrieden“ 1914, mitten im Ersten Weltkrieg, stellten deutsche und britische Soldaten am Heiligen Abend für eine Nacht das Kämpfen ein und sangen das Lied gemeinsam. Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, trällerten US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill im Garten des Weißen Hauses das Lied gemeinsam vor der Weltöffentlichkeit.

Dieses Lied hat es einfach nicht verdient, als verkaufsfördernder Ohrenschmalz missbraucht zu werden.”

Von Alexander Heiden/TE

Kommentar

  1. Martin Koch

    … Weil es ja genau diese schöne und herrliche Weihnachts (Heiligabend!)-nacht ja beschreibt und anschaulich macht! Am 24. Dezember Abend sollte ja jeglicher Rummel vorbei sein und die Familie zusammen sein und die schöne Andacht halten und nach der Bescherung in die Christmette gehen. So bin ich aufgewachsen und halte es genauso heute. Die jungen Leute tun mir leid, die nicht so aufgewachsen sind!

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