Wie kann ein guter Gott Leid zulassen?

„Sofern das Böse in der Welt zu Gott gehört, ist er nicht gut, läuft es aber seinem Plan zuwider, ist er nicht allmächtig. Er kann nicht zugleich allmächtig und gut sein.“


(David Hume, Philosoph)




Der schottische Denker der Aufklärung brachte mit diesem Statement auf den Punkt, was viele Menschen von einem Glauben an Gott abhält. Für die einen ist es ein schwerwiegendes philosophisches Problem, das gegen die Existenz Gottes spricht. Für andere wiederum ist es eine zutiefst persönliches Angelegenheit, weil sie selbst unfassbares Leid erlebt haben.


Der Philosoph J.L. Mackie behauptete, Gott könne nicht existieren, da es so viel sinnloses Leid gibt. Andere Philosophen haben in diesem Denken einen Fehler entdeckt. Er basiert nämlich auf der Prämisse, dass, wenn Leid mir sinnlos erscheint, es automatisch sinnlos ist. Was aussieht wie hartnäckige Skepsis ist also in Wirklichkeit ein blinder Glaube in die eigenen kognitiven Fähigkeiten nach dem Motto „Wenn unsere Gehirne keine Antworten auf das Leid finden, dann gibt es keine. Punkt.“ Illustriert wurde die fehlerhafte Argumentation von dem Philosophen Alvin Plantinga. Er sagte, wenn du zu Hause in deiner Hundehütte deinen Bernhardiner suchst und keinen siehst, dann ist es vernünftig anzunehmen, dass er nicht da ist. Wenn du dagegen in deiner Hundehütte nach einem winzigen Lebewesen wie einem Bakterium suchst und keines findest, ist es nicht vernünftig anzunehmen, es sei nicht da, denn es ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Viele gehen davon aus, die Antworten auf das Leid sind wie Bernhardiner, aber warum sollte das so sein?


Auch die Erfahrung spricht gegen sinnloses Leid. Eine der faszinierendsten Erzählungen der Bibel ist die Geschichte von Josef im ersten Buch Mose. Josef war ein arroganter junger Mann, der von seinen Brüdern als Sklave nach Ägpten verkauft wurde. Dort verbrachte er ein miserables Leben in Gefangenschaft. Dennoch wurde sein Charakter dadurch so geformt, dass er danach zum Premierminister der damaligen Weltmacht Ägypten wurde und sich für Versöhnung und soziale Gerechtigkeit einsetzte. Viele Menschen können sich mit dem Leben Josefs identifizieren. Obwohl niemand für das Leid dankbar ist, habe ich schon einige Menschen getroffen, die im Nachhinein sagen, sie sind dankbar für eine persönliche Veränderung in dieser schwierigen Zeit. Warum könnte es nicht sein, dass es von Gottes Perspektive aus gute Gründe für Leid gibt?


Nichtsdestotrotz bleibt Leid ein Problem, auch für jemanden, der an Gott glaubt. Es ist jedoch vielleicht ein noch größeres Problem für den, der nicht glaubt. Der einflussreiche Literaturwissenschaftler C.S. Lewis lehnte Gott ab, weil das Leben so brutal ist, bis er realisierte, dass er mit einer atheistischen Weltanschauung vor noch mehr Probleme gestellt wurde. Er glaubte nicht an Gott, weil das Universum kalt und ungerecht war. Aber woher hatte er überhaupt den Maßstab für so ein Urteil? Woher kam die Idee, dass unsere Welt brutal oder ungerecht ist? Die Erklärungen des Atheismus waren ihm schließlich zu simpel.


Lewis erkannte, wie seine Argumente gegen Gott auf einem Sinn von Gerechtigkeit basiert waren. Doch woher kann man diesen Sinn ableiten? Die Natur funktioniert nach dem Mechanismus von natürlicher Auslese mit Tod, Zerstörung und Gewalt. Wer nicht an Gott glaubt, hat keine gute Basis, sich über Ungerechtigkeit zu beschweren. Wenn du dir sicher bist, dass diese Welt ungerecht ist, dann gehst du von einem übernatürlichen Standard aus, von dem aus du dein Urteil fällst. Eine Weltanschauung, die Gott ausklammert hat keine Grundlage moralische Bedenken anzumelden. Wenn du dagegen sagst, es gibt schreckliches Leid, das nicht nur irgendeine Illusion ist, dann hast du ein gutes Argument für die Realität Gottes.


Das Problem des Leids und der Ungerechtigkeit ist für jeden Mensch ein Problem. Es ist ein mindestens genauso großes Problem für Unglauben gegenüber Gott wie für Glauben. Es ist demnach ein Fehler, wenn auch ein verständlicher, anzunehmen, wenn man den Glauben an Gott aufgibt, dann mache es das Problem des Leids einfacher zu lösen.


Mancher wird jetzt vielleicht sagen: „Na und! Diese philosophische Diskussion ist mir egal! Ich bin immer noch wütend. Es spricht den christlichen Gott nicht frei von der Verantwortung für das Leid auf der Welt!“ Die Antwort des christlichen Glaubens ist, dass Gott auf die Erde kam um sich bewusst menschlichem Leid auszusetzen. In Jesus Christus durchlitt Gott die tiefsten Tiefen des Schmerzes. Obwohl der christliche Glaube nicht auf jedes Schicksal eine Antwort parat hat, so liefert sie doch feste Grundlagen um Leid mit Hoffnung und Mut zu begegnen, anstatt in Verbitterung und Verzweiflung zu enden.

Kommentare

  1. ali

    Leo Tolstoi:
    Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und
    dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber
    nicht, dass dein Unglaube daher rühre, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den
    Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt es daher, dass in deinem Glauben
    etwas verkehrt war, und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst.
    Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen
    Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist

  2. Professor Pappendeckel

    Gott ist nicht wissbar

    Halt! Das Bakterium ist zwar mit dem bloßen menschlichen Auge nicht sichtbar, aber mittels entsprechender Geräte durchaus, daher empirisch nachweisbar. Und durch die ebenfalls empirische Erforschung derer Betätigungsfelder, ist es in der Tat vernünftig, anzunehmen, es seien gerade Bakterien in meiner Wohnung. Erstens handelt es sich bei Bakterien jedoch um eine Vielzahl von Lebewesen, die substantiell voneinander getrennt sind und deren substantielle Trennung sich nicht nur empirisch nachweisen lässt, sondern a priori fest steht, d.h., ich muss nicht erst ein Mikroskop zur Hand nehmen, um sagen zu können, dass die Bakterien, die sich in meiner Wohnung befinden, eine Vielzahl verschiedener Bakterien ist. Das verhält sich, wenn ich das richtig verstanden habe, mit dem, was der christliche Gott darstellen soll, etwas anders.
    Zweitens ist der Gott, wie er von Christen vorgestellt wird, sicher kein nachweisbares Wesen. Weder empirisch durch wissenschaftliche Gerätschaften noch a priori durch Argumente. Darauf kann nun gerne erwidert werden: „Gott hat eine Macht, die über unser menschliches Erkenntnisvermögen hinausgeht.“ – wie aber, frage ich, kann etwas für einen Menschen erkennbar sein, das über seine Erkenntniskraft hinausgeht? Die bloße Feststellung, dass unsere Erkenntniskraft begrenzt ist, lässt uns genau dort, wo wir sind. Erkenntnislos über Dinge, die wir nicht erkennen können. Gott soll so eine Entität sein, also ist auch die bloße Existenz eines wie auch immer gearteten Gottes nicht wissbar. Deshalb heißt es ja „Glaube“! Dass Glaube Berge versetzen kann usw. will ich damit nicht in Frage stellen, ebenso halte ich Gott ebensowenig für widerlegbar wie für beweisbar. Aber auch und gerade Christen, die sich die Demut gerne auf die Stirn schreiben, sollten die Kirche im Dorf lassen und nicht anderen Leuten „Wissen“ verkaufen, unter welchem Deckmantel auch immer, das keines ist!

    Beste Grüße

    Professor Pappendeckel

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