Das ethische Dilemma der Evolutionstheorie

Moralische Folgen eines evolutionistischen Menschenbildes

Der Neue Atheismus versucht den Glauben an Gott abzuschaffen und durch eine evolutionistische Weltsicht zu ersetzen. Die Folgen für die Ethik werden allerdings nicht in dem Masse thematisiert, wie die Theorie selbst, sodass zwei wichtige Fragen in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert sind: Wie sollen ethische Normen und Werte ohne den Glauben an eine höhere wertgebende Instanz begründet oder bewahrt werden? Und auf welcher Basis kann ein Mensch, der keinen Geist habe, sondern nur Materie sei, für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen werden?

Die Antwort auf die erste Frage lautet aus atheistischer Sicht meist, dass dies von ganz alleine geschehe, denn Atheisten wie Theisten wiesen ähnliche Moralvorstellungen auf. Ein Gottesglaube sei nicht nötig, um ein Moralempfinden hervorzubringen. Moral wäre damit eine inhärente Eigenschaft von Menschen, die sich in Gemeinschaft mit anderen Menschen befinden.

Damit ist bereits ein moralischer Ausgangszustand vorhanden, auf dem eine Gesellschaft aufgebaut werden kann. Dieser Punkt wird zumindest von der christlichen Lehre nicht bestritten. Die Ansichten gehen allerdings auseinander, wenn es um das beständige Funktionieren der Gesellschaft und die Aufrechterhaltung moralischer Werte geht.

Vor allem Philosophen und auch manche Politiker, die sich berufsmässig stark mit dem Funktionieren eines Staates beschäftigen müssen, sehen als moralisches Dilemma des evolutionistischen Weltbilds den Aspekt, dass Gott als Schöpfer und Geber einer verbindlichen Moral nicht existiert. Moral könne entsprechend des evolutionistischen Weltbilds nicht von oben (von Gott) nach unten (zu den Menschen) begründet werden. Daher bleibt nur die andere Richtung, von unten (aus der Natur) nach oben (zur Verbindlichkeit). Aber aus einem Ist-Zustand ohne Moralgeber, bei dem Menschen als hochentwickelte Biomaschinen angesehen werden, konnte bisher niemand einen (moralischen) Soll-Zustand herleiten. Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass die Schwierigkeit nicht darin besteht, eine Moralvorstellung überhaupt erst zu entwickeln, sondern zu erklären, weshalb sie verbindlich ist.

Auch die evolutionistische Sicht auf den Menschen und seinen Geist ist mit einer verbindlichen Moral schwer oder vielleicht auch gar nicht in Einklang zu bringen. Eine zwangsläufige Folge des von den Neuen Atheisten entwickelten Menschenbildes ist die Vorstellung, dass der Mensch ein Produkt aus Materie sei, das allein durch einen langen Prozess von Zufallsmutationen und Selektion entstanden sei. Diese Vorstellung wird auch als Materialismus bezeichnet. Das, was man möglicherweise intuitiv als „Persönlichkeit“ oder „planenden Geist“ beschreiben würde, sei daher lediglich ein Auswuchs eines Zufallsprozesses, der von der Biochemie des Körpers erzeugt wird. In anderen Worten: Der Geist eines Menschen ist nach dieser Vorstellung lediglich eine biochemische Illusion. Das Gleiche gilt folglich für andere immaterielle Dinge, wie das Moralempfinden.

Das folgende Beispiel illustriert die Schwierigkeit einer auf Materialismus beruhenden Ethik: Wenn ein Erdbeben Sachschaden verursacht, würde Niemand das Erdbeben auf Schadenersatz verklagen. Warum eigentlich nicht? Weil es keine Person ist, der man einen planenden Geist zuschreiben könnte, sondern es sich um eine ungeplante Folge eines Zusammenspiels verschiedener Naturgesetze handelt. Nach einer rein materialistischen Weltsicht wäre der Mensch aber genau dasselbe.

Wir leben heute im allgemeinen Konsens darüber, dass moralische Gebote für das Verhalten der Materie nicht relevant sind. Wenn jedoch das menschliche Moralempfinden letztlich auch nur auf rein materielle Prozesse zurückzuführen ist, wird damit die Verbindlichkeit unterhöhlt, die intuitiv mit einem moralischen „du sollst“ gekoppelt ist.

Treffend lässt sich dies mit den Worten des russischen Schriftstellers Dostojewski zusammenfassen: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“.

Diese Aspekte der Evolutionstheorie werden, wie eingangs bereits erwähnt, nicht in so grossem Masse öffentlich thematisiert, wie die Theorie selbst. Ein Beispiel dafür, dass die beschriebenen Folgen für die Moral trotztdem langsam Einzug in die westliche Gesellschaft halten, ist die weiter zunehmende Salonfähigkeit von Abtreibungen in deren Windschatten bereits der Ruf nach postnataler Abtreibung an die Ohren der Öffentlichkeit gedrungen ist.

Die Argumentation hier ist sehr aufschlussreich. Befürworter dieser Forderung sprechen davon, dass ein Neugeborenes über keine Fähigkeiten verfüge, die ein moralisches Recht auf Leben rechtfertigten. Das blosse Menschsein sei kein Grund, jemandem das Recht auf Leben zuzusprechen. Ohne übergeordnete Prinzipien ist eine Orientierung in Moralfragen wahrscheinlich nicht möglich und daher sind gewisse Fähigkeiten, vielleicht kann man sagen, der Nutzen für die Gesellschaft an Gottes Stelle getreten.

Quellen:

John Lennox, Hat die Wissenschaft Gott begraben?, SCM-Verlag, 2009

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Dieser Beitrag ist im Factum-Magazin 5/12 erschienen.