24. April 1915. Völkermord an den Armeniern. Todesfälle: 1.500.000

„Wer spricht heute noch von den Armeniern?“, spottete Hitler als er gebeten wurde, die Juden zu verschonen. Fast scheint es, als sollte Hitler recht behalten. Aber nur fast. Kleiner Geschichtsunterricht für Herrn Erdogan:

Es war Ostern 1915. Die Führer des Osmanischen Reiches, eines überlebten Vielvölkerstaates, wollten die Wirren des Ersten Weltkrieges nutzen, um einen länger gehegten Plan in die Tat umzusetzen. An die Stelle eines „islamischen“ Großreiches sollte der völkische Nationalstaat treten. Für die christlichen Einwohner, immerhin ein Fünftel der Bevölkerung, war darin kein Platz vorgesehen. Ihre bloße Anwesenheit störte die Träume vom „ethnisch homogenen Nationalstaat.“

Bereits im Februar 1915 wurden alle armenischen Soldaten aus der osmanischen Armee genommen und zur Zwangsarbeit verschickt. Ende März begannen die planmäßig vorbereiteten Deportationen aller Armenier aus dem ganzen Reich. Offiziell sollten die Armenier umgesiedelt werden. Doch in den Köpfen der Planer war der millionenfache Völkermord eine ausgemachte Sache, die sie kühl durchzuführen hofften. Hauptverantwortlich waren der Kriegsminister Enver Pascha und der Innenminister Talaat Pascha. Tatkräftige Unterstützung erhielten die Mörder von den deutschen Generalen Colmar von der Goltz und Fritz Bronsart von Schellendorf, die die Armee der verbündeten Türkei führten.

Eine Spezialeinheit, die „Teskilat-i Mahsusa“, die sich aus Kurden und Kriminellen zusammensetzte, begleitete die Kolonnen der Armenier auf ihren Todesmärschen. Unterwegs waren die hilflosen Menschen Freiwild für jedermann. Wer immer wollte, konnte sich an den armen, verängstigten Menschen bereichern, sie schikanieren oder töten. Sie wurden beraubt, gequält und erschlagen. Frauen und Kinder vergewaltigt oder als Sklaven geraubt. Ein Telegramm an fragende Beamte, was mit den Deportierten geschehen soll, gibt als Antwort: „Das Ziel der Deportationen ist das Nichts.“ Ein Ziel zur Neuansiedlung war nie vorgesehen.

Die Massaker an den Armeniern beschreibt ein türkisches (!) Kriegsgericht von 1919 so: „Durch die Kolonnenwächter, die sie aus einer Reihe von moralisch niederträchtigen Personen, Wiederholungstätern sowie Angehörigen der Gendarmerie … zusammengestellt hatten, ließen sie die Armenier, die der Verteidigungsmöglichkeiten beraubt waren, zwecks Umsiedlung in Bewegung setzen. Als sie sich aus der Stadt entfernt hatten, ließen sie an Plätzen, die … vor Blicken ziemlich geschützt waren, die Männer und Frauen voneinander trennen. Nachdem daraufhin ihre Sachen durch Räuberbanden geplündert worden waren … ließen sie die Männer durch verschiedene Grausamkeiten ermorden und vernichten. Die hilflosen Frauen brachte man an andere Plätze, wo man auch ihnen den Schmuck und das Bargeld und den meisten von ihnen die Kleidung und sonstige Gegenstände abnahm, … und vergewaltigte viele von ihnen. Danach ließen sie sie … in entfernte Gebiete in Bewegung setzen, wobei man sie zu Fuß monatelang marschieren ließ, so dass sie völlig erschöpft waren und viele von ihnen vor Hunger, Durst und durch die Strapazen des Marsches starben.“

Neben Erschießungen und Hinrichtungen traten Hunger, Durst und Seuchen. Wer die Todesmärsche dennoch überlebte, wurde am Ende in die mesopotamische Wüste getrieben. Dort ließ man sie so lange im Kreis herumwandern, bis etwa eine Million von ihnen den Tod fanden. Der Schriftsteller Franz Werfel, der den Armeniern ein literarisches Denkmal setzte, nannte die Todeskarawanen „wandernde Konzentrationslager“. Beamte und Soldaten, die sich dem Vernichtungsbefehl widersetzten, wurden entlassen oder getötet, Zivilisten, die Armenier versteckten hängte, man oft an Ort und Stelle auf.

„Umsiedlung“ – hieß die Aktion offiziell, die im April 1915 im Osmanischen Reich begann. Die Armenier galten als Freunde und Sympathisanten der Russen, mit denen sich die Türkei im Krieg befand. Was lag da näher, als die angebliche Gefahr (die Armenier als „Russenfreunde“) in entlegene Gebiete des Riesenreiches zu verschleppen?

Doch was „Umsiedlung“ genannt wurde, war nichts anderes als der geplante Mord an einem Volk, einer Kultur, einem Glauben. Ein Augenzeuge der Bluttaten, der deutsche Sanitätsoffizier Armin T. Wegner, beschrieb das Schicksal der armenischen Christen in drastischer Weise: „Von Kurden erschlagen, von Gendarmen beraubt, erschossen, erhängt, vergiftet, erdolcht, erdrosselt, von Seuchen verzehrt, ertränkt, erfroren, verdurstet, verhungert, verfault, von Schakalen angefressen. Kinder weinten sich in den Tod, Männer zerschmetterten sich an Felsen, Mütter warfen ihre Kleinen in die Brunnen, Schwangere stürzten sich mit Gesang in den Euphrat. Alle Tode der Erde, die Tode aller Jahrhunderte starben sie.“

Nichts wurde von den Planern und Tätern ausgelassen, um die „Armenierfrage“ ein für allemal zu lösen. Bereits 20 Jahre zuvor versuchte der brutale Sultan Abdul Hamid die Armenier zu massakrieren. Zwischen 1894 und 1897 ermordeten türkische Soldaten mindestens 312.000 Armenier. Allein in der Provinz Kilikien zerstörte man 2.500 Dörfer und 500 Kirchen. Durch die Interventionen von Russland und Großbritannien konnte das Morden verhindert werden. Jetzt, im Ersten Weltkrieg, scherte man sich nicht mehr um die Meinung des Auslandes, das jetzt sowieso der Feind war. Einzig der deutsche Bündnispartner setzte kurzfristig einen matten Widerstand entgegen, beugte sich aber der „Realpolitik“: das Kriegsbündnis musste um jeden Preis erhalten werden. Beinahe wäre der teuflische Plan aufgegangen und ein Volk vollständig zerstört worden. Doch auf abenteuerlichen Wegen gelang vielen die Flucht oder sie überlebten durch muslimische Nachbarn und Soldaten, die sich ein Gewissen bewahrt hatten. Dennoch wurden etwa 1,5 Millionen Armenier ermordet. Sozusagen „nebenbei“ versuchte die Türkische Regierung auch die christlichen Aramäer mit zu morden.

Sowohl staatliche wie auch religiöse Führer stellten die gewünschte moralische Rechtfertigung für das Morden. Der Sultan-Kalif sprach als geistliches Oberhaupt alle Muslime frei, die sich an Exzessen beteiligt hatten. Innenminister Talaat verhinderte die gerichtliche Verfolgung von Mord und Vertreibung, da alle Täter „Der von der Regierung befolgten Zwecks dienten.“

Die Türkei widersetzt sich bis heute vehement dem Urteil, an den Armeniern sei der erste organisierte und von einem Staat ausgeführte Völkermord des 20. Jahrhunderts geschehen. Wann immer ein Staat oder eine Organisation das Wort Völkermord im Zusammenhang der Geschehnisse von 1915 benutzt, reagiert die türkische Regierung „als sei ihr der Krieg erklärt worden“, urteilt der Historiker Wolfgang Benz. In Frankreich wurde der Völkermord an den Armeniern 2001 vom Parlament anerkannt. Daraufhin zog die Türkei ihren Botschafter ab, rief zum Boykott französischer Waren auf, stornierte Wirtschaftsaufträge an französische Firmen. Gegen französische Touristen wurde Stimmung gemacht. Als Brandenburg im Unterrichtsplan den „Genozid an der armenischen Bevölkerung“ einbrachte, wurde der türkische Generalkonsul sofort aktiv. Nach langem Gezerre wurde das Thema in den Schulbüchern beibehalten, flankiert von den Morden in Ruanda und Kambodscha.

Noch 1987 verlangte das Europäische Parlament die Anerkennung des Völkermordes durch die Türkei, bevor über einen Beitritt des Landes zur EU geredet werden könnte. Doch 2001 wurde diese Forderung gestrichen.

Als die Unionsfraktion im Februar 2005 forderte, der Bundestag solle der armenischen Opfer gedenken, warnte der türkische Botschafter, dies könne die in Deutschland lebenden Türken beleidigen. Offensichtlich spielte der Botschafter mit der Angst vor vier Millionen hier lebender Türken. Zuvor hatte der Botschaft im Jahr 2002 mit dem Marsch 100.000 Türken nach Potsdam gedroht, als ein Lepsius-Haus eingeweiht werden sollte. Pfarrer Johannes Lepsius gehörte zu den ersten, die den Völkermord an den Armeniern öffentlich machte und dafür schwer gescholten wurde. Dabei hatte die CDU/CSU-Fraktion bewusst das heikle Wort „Völkermord“ vermieden. Der Schriftsteller Orhan Pamuk war weniger sensibel. Er nannte die Vorgänge beim Namen. Seither wird in der türkischen Presse eine Hetzkampagne gegen ihn geführt, und er muss um sein Leben fürchten.

„Wird das, was geschehen ist, nämlich die fast gänzliche Vernichtung des armenischen Volkes auf anatolischem Territorium, harmloser, wenn man es Massaker nennt, statt Völkermord?“ fragt der türkische Schriftsteller Zafer Senocak.

Von türkischer Seite wird auch versucht, die Armenier zu Tätern und die Türken zu Opfern zu machen. Der Massenmord an den Armeniern seien lediglich „kriegsbedingte Folgeerscheinungen“ in einem Kampf der Türken um ihre Existenz gewesen. In der Ära des kalten Krieges konnte der wichtige NATO-Partner Türkei darauf vertrauen, dass ihm diese Geschichtsklitterung großzügig übersehen wurde. „Die Armenier in aller Welt leben noch immer unter einem dreifachen Trauma – erstens dem Trauma des Erlittenen, zweitens der Leugnung des Verbrechens durch die Täter und drittens des Nichtwahrhaben-Wollens des Genozids durch große Teile der Außenwelt.“, urteilt der Orientexperte Gerd Stricker (Zürich).

Im Jahr 301 wurde das Christentum in Armenien zur Staatsreligion erhoben. Fast einhundert Jahre bevor das große Rom diesen Schritt vollzog. Deshalb bezeichnet man Armenien auch als „ältesten christlichen Staat.“ Zwischen den jeweiligen Großmächten gelegen, kannte Armenien nur kurze Phasen der Unabhängigkeit. Im 14. Jahrhundert lebten die Armenier unter türkischer, iranischer und russischer Herrschaft, die sich ihr Land aufteilten.

Im muslimisch geprägten Osmanischen Reich genossen die christlichen Armenier zunächst einen guten Ruf. Sie trugen als Händler, Handwerker und Politiker zur Blüte des Reiches bei. Mitte des 19. Jahrhunderts, in der abzeichnenden Krise des Osmanischen Reiches, waren die Armenier die gesuchten Sündenböcke für den Niedergang einstiger türkischer Herrschaft. Den Armeniern erwuchsen zwei mächtige Gegner: ein zunehmend radikaler werdender Islam und ein militanter türkischer Nationalismus. Für die Muslime waren die Armenier ungläubige Christen, denen ein islamischer Staat nicht trauen durfte. Den Nationalisten galten die Armenier als „national unzuverlässig“. Sie misstrauten den Armeniern und unterstellten ihnen, eine fünfte Kolonne ausländischer Kolonialmächte zu sein. Pläne, die Armenier zu vertreiben und in ihren Gebieten türkische Muslime neu anzusiedeln, gab es bereits vor dem 1. Weltkrieg. Aber erst dieser Weltbrand ermöglichte die Durchführung eines Völkermordes ohne internationales Aufsehen. Hilfsaktion Märtyrerkirche e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.