Star-Psychiater warnt vor neuer Psycho-Bibel.

Im Mai ist die Bibel der Psychiatrie in neuer Auflage erschienen. Der Mann, der die noch gültige Version verantwortet hat, reist zurzeit durch die Welt – um vor dem neuen Handbuch der psychischen Erkrankungen zu warnen.

Allen Frances gilt als einer der einflussreichsten Psychiater weltweit. Der Name des inzwischen emeritierten US-amerikanischen Professors ist eng verwoben mit der „Bibel der Psychiatrie“, dem „Diagnostischen Handbuch Psychischer Störungen“ (DSM). Es enthält alle wissenschaftlich anerkannten psychischen Erkrankungen – oder sollte es zumindest. Denn Frances, der selbst bei der dritten Version als Autor mitwirkte und bei der vierten sogar den Vorsitz innehatte, warnt in seinem neuen Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ vor der im Mai erschienen fünften Version des „DSM“.
Welt am Sonntag: Herr Frances, was ist so schlimm am neuen „DSM-5″?
Allen Frances: Ich befürchte, dass das „DSM-5″ viele Türen aufstoßen wird, die man später nicht mehr schließen kann. Ein konkretes Beispiel: Indem man normale Trauer nach einem Todesfall bereits nach zwei Wochen als Depression diagnostiziert, wie vorgesehen, pathologisiert man die normale Trauerreaktion. Der Trauernde hat einen geliebten Menschen verloren. Das ist ein fürchterlicher Verlust; Trauer ist menschlich – und auch notwendig. Die Diagnose verwandelt ein kulturelles Ritual in ein medizinisches Problem.
Welt am Sonntag: Wie unterscheiden Sie denn eine Diagnose, die in das Handbuch sollte, von einer, die dort überflüssig ist?
Frances: Eine gute Diagnose und eine effektive Behandlung sind vor allem für die klassischen psychiatrischen Probleme möglich – besonders wenn die Symptome mäßig bis schwer ausgeprägt sind und nicht so nah an der unscharfen Grenze zur Normalität liegen. Schizophrenie etwa ist praktisch unverwechselbar. Auch eine schwere Depression ist unverwechselbar. Und für beide gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten. Aber eine milde Depression sieht einfach aus wie komplizierte Alltagssorgen. Je milder die Symptome, desto weniger zuverlässig wird eine Diagnose. Aber im „DSM-5″ werden die Grenzen so ausgeweitet, dass viele zu Patienten werden, die nicht wirklich krank sind, sondern einfach in einer schwierigen Phase ihres Lebens. Und je mehr neue Erkrankungen aufgenommen werden, desto mehr Diagnosen gibt es – das verkompliziert alles unnötig.
Welt am Sonntag: Das sollte den vielen Experten bei der Entwicklung aber doch auch bewusst gewesen sein, oder?
Frances: Die Psychiater und Psychologen, die am „DSM-5″ arbeiten, meinen es gut. Mit vielen von ihnen bin ich seit Jahren befreundet, und ich weiß, dass sie ihre Arbeit mit bestem Gewissen machen. Es ist nicht so, dass sie das alles für den Profit der Pharmaunternehmen machen, wie ihnen sehr oft vorgeworfen wird. Aber sie leben in ihrem geschützten wissenschaftlichen Raum, und sie verstehen nicht, was mit dem Handbuch geschieht, wenn es einmal in der Welt ist. Deshalb fühlen sie sich dafür auch nicht verantwortlich.
Welt am Sonntag: Wofür fühlen sie sich denn dann verantwortlich?
Frances: Sie definieren ihre Rolle streng wissenschaftlich und gehen immer davon aus, dass man einen Patienten verfehlen könnte, der wirklich Hilfe braucht. Deshalb möchten sie so viele Diagnosen wie möglich einschließen. Würde das „DSM“ allein in ihren Händen bleiben, würde das vielleicht auch funktionieren. Aber das tut es ja nicht. Die Experten hoffen, dass mit dem Handbuch Gutes getan wird. Und das macht sie blind dafür, dass die Konsequenz eine Flut von Diagnosen sein wird. Ich weiß das, weil ich gesehen habe, was passierte, als wir die Version „DSM-4″ veröffentlicht haben.
Welt am Sonntag: Waren Sie sich denn damals der Konsequenzen bewusst, die jede Veränderung im „DSM“ haben würde?
Frances: Oh ja, ich war mir der Verantwortung als Vorsitzender des Komitees durchaus bewusst, aber manches konnten wir nicht verhindern. Wir haben damals sehr hohe Kriterien angesetzt, die ein Diagnose-Vorschlag erfüllen musste, um aufgenommen zu werden. Aber wenn ich den Experten sagte: Ihr müsst mir handfeste wissenschaftliche Belege liefern, dass diese Diagnose hier rein muss, dann sagten sie: Du kannst aber auch nicht einfach etwas rausnehmen, ohne handfeste Beweise, dass das nötig ist. Das führte zu Konservatismus in beiden Richtungen. Wir haben 94 Vorschläge für neue Diagnosen erhalten, und zwei davon akzeptiert: Asperger-Syndrom und die zweite Form der bipolaren Störung, Bipolar II genannt. Damals schien das sinnvoll.
Welt am Sonntag: Und was passierte?
Frances: Die Erkrankungsraten bei beiden explodierten. Autismus wird inzwischen 40 Mal so häufig diagnostiziert wie damals. 1994, als das „DSM-4″ erschien, war nur einer unter 2000 Menschen ein Autist. Im vergangenen Jahr war es einer unter 80. Und bei ADHS hatten wir nur eine Kleinigkeit geändert, um die Diagnose bei Mädchen zu erleichtern. In den Feldstudien führte das nur zu etwa 15 Prozent höheren Fallzahlen. In der realen Welt aber verdreifachte sich die Zahl der mit ADHS Diagnostizierten. Damit hatte ich in dieser Dimension absolut nicht gerechnet.
Welt am Sonntag: Das klingt nach einer Epidemie.
Frances: Ja, aber Menschen ändern sich nicht, das Label ändert sich. Wenn die Öffentlichkeit diese Zahlen sieht, dann denkt sie, Autismus und ADHS nehmen tatsächlich zu. Aber diese Zahlen sind sehr fehlbar, und das sollte auch so kommuniziert werden. Wenn man alle Diagnosen zusammennimmt, soll zurzeit ein Viertel aller US-Amerikaner an einer psychischen Erkrankung leiden – so die Statistik. Und das stimmt einfach nicht.
Welt am Sonntag: Wenn Sie sagen, die Label hätten sich geändert, wann fing das denn an?
Frances: Als das DSM-3 veröffentlicht wurde. Vorher gab es keine so scharfen und eindeutigen Kriterien für eine Diagnose. Als das DSM herauskam, wurde es ein Bestseller – niemand von uns hatte das erwartet. Wir dachten das Buch würde Ärzten und Psychologen nutzen, und die Mission war, der Psychiatrie Stabilität, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit zu geben – darin war es dann gewissermaßen zu gut. Aus einem temporären Leitfaden ist inzwischen eine Bibel geworden, mit gesellschaftlich viel zu hohem Wert. Es wird überall verwendet: im Gerichtssaal, in der Schule, in der Regierung. Es ist zu machtvoll geworden.
Welt am Sonntag: Wer hat denn etwas davon, Normales zu pathologisieren?
Frances: Die Pharmaindustrie weiß die Zahlen für sich und ihre Markerweiterungen zu nutzen. Wenn der Eindruck entsteht, dass es viele Betroffene in der Gesellschaft gibt, dann müssen die versorgt werden – in erster Linie geschieht das medikamentös. Wenn noch dazu ständig kommuniziert wird, dass psychische Erkrankungen auf ein chemikalisches Ungleichgewicht im Gehirn zurückzuführen sind, scheint die Lösung ganz einfach: Es muss chemisch wiederhergestellt werden. Doch das ist nicht der einzige Grund. Die hohen Fallzahlen helfen vielen, weil die Diagnose oft direkt in Geld umsetzbar ist. Für Patienten hängt viel an einer Diagnose, etwa die Bewilligung einer Therapie oder Gelder, wenn sie arbeitsunfähig sind. Und für Wissenschaftler hängt daran der eigene Forschungsetat. Wenn das „DSM“ als administratives Dokument genutzt wird, verzerren sich die Zahlen automatisch.
Welt am Sonntag: Halten Sie die American Psychiatric Association für die richtige Institution, um das Handbuch herauszugeben?
Frances: Man darf Experten nicht zu viel Macht geben, wenn es um ihre eigenen Richtlinien geht. Sie werden immer ideologische Interessenkonflikte haben. Das DSM sollte von einer unabhängigen Institution gemacht werden, etwa der Food and Drug Administration in den USA. Volkswagen zertifiziert ja auch nicht seine eigenen Autos.
Welt am Sonntag: Und worauf sollten neue Diagnosen dann genau basieren?
Frances: Jede Diagnose sollte von wissenschaftlichen Studien untermauert sein, die finanziell unabhängig stattgefunden haben. Die Pharmafirmen sollten diese Studien zwar bezahlen, so wie sie es jetzt auch tun, aber sie sollten sie nicht selbst durchführen dürfen. Außerdem sollte man sich bemühen, das „DSM“ sehr zu verschlanken. Wissenschaftler verbringen viel Zeit mit ihren Patienten, und wenn sie das „DSM“ in der jetzigen Form verwenden, dann funktioniert das auch. Sie dürfen aber eben nicht vom besten Fall ausgehen, sondern müssen vom schlechtesten ausgehen. Dass jemand das Manual verwendet, der nicht viel Zeit hat mit seinem Patienten, und der, wie in den USA viele Hausärzte, nicht so exzellent geschult ist. Wenn irgendetwas im „DSM“ missverständlich ist oder leicht missbraucht werden kann, dann wird das auch passieren.
Welt am Sonntag: Was raten Sie Ärzten und Patienten – wie sollte man eine Diagnose ganz praktisch angehen?
Frances: Eine psychiatrische Diagnose ist ein sehr wichtiger Moment. Sie begleitet einen oft das ganze Leben. Man wird sie schwer wieder los. Wenn es die richtige Diagnose ist, kann sie wirklich helfen. Eine schlechte Diagnose aber ist wie ein Geist: Sie stigmatisiert, verändert den Blick auf die eigene Person und die Zukunft. Und sie verschafft einem Medizin, die dann oft nicht hilft. Ich befürworte es, wenn die Diagnose relativ spät kommt, nachdem beide, Arzt und Patient, Zeit zur Beobachtung hatten. Der Patient kommt oft im schlimmsten Moment seines Lebens, und darauf sollte man nicht alles bauen. Eine unsichere Diagnose ist immer besser als eine falsche Diagnose.

Fanny Jiménez epaper.apps.welt.de/wams/

Beispiel gefällig: „Kinder und Jugendliche in Deutschland schlucken zu viele Antipsychotika. Von 2005 bis 2012 stieg die Verschreibung der Medikamente gegen schwere psychische Störungen um 41 Prozent, bei neueren Präparaten gab es sogar ein Plus von 129 Prozent. Dabei zeigten Studien weder einen Anstieg psychiatrischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, noch hätten sich die relevanten Therapieempfehlungen geändert. Die Verordnungszahlen seien besorgniserregend.“ Welt.de

Kommentare

  1. Holy-Harry

    Ne den kannte ich noch nicht. Sehr geil. Ich habe den Text gerade mit meiner Kollegin aus dem Jugendamt thematisiert. Sie hat einen russischen Migrationshintergrund und Jüdin. Sie könnte das aus dem Psychology Today sofort unterschreiben. Das deckt sich mit ihren Erfahrungen.

  2. Holy-Harry

    Star-Psychiater warnt vor neuer Psycho-Bibel.
    Moin Ali,
    tja das Interview spricht mir aus der Seele. Bei mir ist das das Thema ADS oder ADHS. Ich bin selbst Sozialpädagoge und das Thema ist bei uns Alltag. Mir ist aufgefallen, dass mit der Diagnose ” er hat ADHS” der Elternschaft und oder Lehrerschaft ein Stein vom Herzen. Das Kind hat einen Namen. Er ist also krank. Dann ist es ja nicht meine Schuld, dass das Kind nicht mehr beschulbar ist usw. Ich habe mal einen Test gemacht. Demnach habe ich ADHS. Kann sein, dass ich tatsächlich eine Aufmerksamkeitsstörung habe, hyperaktiv bin ich auch …. gott sei dank. Ich bin aber “normal” beschult worden. Meine Lehrer sind mit mir umgegangen. Ich habe einen Realschulabschluss gemacht, eine Ausbildung und danach Hochschulreife mit Studium. Das ohne Hilfe, Therapien oder Drogen.

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