Nils, Pastorensohn lernt Jesus kennen

Es war gewissermaßen eine Art Unfall, dass ich nach Göttingen gezogen bin. Aber nachdem die Aufnahmeprüfung zum Tontechnik-Studium fehlschlug, wollte ich das Jahr bis zum nächsten Versuch nicht sinnlos verstreichen lassen. Letztendlich hätte mir jedoch nichts Besseres passieren können. Aber zunächst möchte ich mich erst einmal vorstellen. Ich heiße Nils und ich dachte ich wäre Christ. Wer hätte mir das auch verdenken können? Schließlich wuchs ich als Sohn eines Pastoren und einer Kirchenmusikerin auf. Schon früh wurde ich in das Gemeindehaus oder in den Festsaal mitgenommen, um für Veranstaltungen vorbereitend Tische und Stühle hinzustellen. Später durfte ich dann bei den Vorbereitungstreffen für Gästegottesdienste dabeisitzen und zuhören, um die Flyer und Werbeposter zu entwerfen. Mit 11 Jahren spielte ich dann im Posaunenchor mit. Als schließlich ein christlicher Pfadfinderstamm gegründet wurde, war ich auch mit dabei und nach einigen Jahren des Konsumierens und Lernens zählte man mich dort zu den Mitarbeitern. Noch einige Jahre später wurde ich gebeten, in Abendgottesdiensten Gitarre zu spielen. Da meine Eltern wussten, dass ich mit meiner damaligen Band einmal eine Demo-CD in Eigen-Regie aufgenommen hatte, fiel mein Name auch bald bei der Frage, wer bei musikalischen Veranstaltungen in der Kirche das Mischpult und den Aufbau der Mikrophone regeln könne. Das machte mir bald so viel Spaß, dass ich beschloss, irgendwann einmal meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Bis dahin liefen die Pfadfinder, der Posaunenchor und das Gitarrenspiel im Abendgottesdienst für mich nebenher und der Input aus der Bibel blieb für mich in all diesen Jahren während der zahlreichen Veranstaltungen und Aktivitäten natürlich nicht aus.

Nachdem die Schule und der Zivildienst absolviert waren, plante ich bald, in Graz Tontechnik zu studieren. Mehr als eine einfache Aufnahmeprüfung stand mir nicht im Weg. Und was sollte schon schief gehen? Gut, die Anzahl der Studienplätze war begrenzt und, wenn zu viele Bewerber besser abschnitten, würde sich die nächste Gelegenheit zur Prüfung erst wieder ein ganzes Jahr später bieten. Aber Gott war doch schließlich auf meiner Seite oder nicht? Ich glaubte doch die ganzen Geschichten, die in der Bibel standen und tat doch auch viel für die Gemeinde. War denn Bibelarbeit nicht ein fester Bestandteil der Pfadfinderei? Sorgte ich denn nicht an der Gitarre und am Mischpult dafür, dass Christen Gott würdig loben konnten? Ich war fest davon überzeugt, meinen Traumstudienplatz in Graz zu bekommen und leitete alles in die Wege. Und dann kam alles anders. Ich war nicht unter den vierzig Besten und würde ein Jahr warten müssen. Zu Hause hielt ich es zu dieser Zeit aber nicht mehr aus. Der Zivildienst war vorbei und ich war im Leerlauf. Aber ich brauchte Action. Ich brauchte Alltag. Ich brauchte einen Grund morgens zeitig aufzustehen oder mir würde jeden Moment die Decke auf den Kopf fallen. Ich träumte doch früher vom Studium, vom Uni-Alltag. Damals, als ich noch keinen blassen schimmer hatte, was mich später einmal interessieren könnte. Der „Plan B“ war schnell gefasst. Ich suchte mir die Stadt aus. Meine Schwester studierte bereits seit einigen Jahren in Göttingen und kannte sich aus. Dort würde mir der Einstieg also leichter fallen und auch, wenn ich nicht sofort eine günstige Wohnung fände, wäre es nicht so schlimm. Ich suchte mir das Fach aus. Ich entschied mich für die Altorientalistik. Der kulturelle Hintergrund des Volkes, aus dem Abraham, der Stammvater der Israeliten, stammt, würde bestimmt helfen die Bildsprache in der Bibel besser zu verstehen. Koffer gepackt, ab nach Göttingen.

Noch in der ersten Woche merkte ich, dass mir etwas fehlte. Die Gemeindearbeit hatte doch immer einen guten Teil meiner Zeit in Anspruch genommen und ich hatte zwar nie regelmäßig in der Bibel gelesen, aber mich gar nicht mehr mit Gott und Jesus beschäftigen? Ich hätte doch noch so viel tun können! Ich brauchte also in der neuen Stadt eine neue Gemeinde. 10 Minuten Google überzeugten mich davon, dass es in Göttingen zu viele christliche Gemeinden gibt, um die Richtige zu finden. Gar kein Problem – die Gemeinde fand mich. Ich schlurfte auf dem Weg von der Uni durch die Fußgängerzone, den Blick auf den Boden gerichtet – und bemerkte so gar nicht den Büchertisch, an dem ich vorbeiging, als mich eine junge Frau anhielt und mir eines der Bücher schenken wollte. Der Titel lautete „Wenn Gott wirklich wäre…“ Die Frage stellte sich mir überhaupt nicht, da mir klar war, dass es Gott wirklich gibt. Es folgte eine Einladung zur wöchentlichen „Biblestudy“, der ich dann auch sporadisch nachkam. Später ging ich dann auch in einen der Hauskreise – das ist in etwa so wie Biblestudy. Also man liest zusammen in der Bibel und tauscht sich darüber aus, mit dem Unterschied, dass im Hauskreis ein zusammenhängender Text wöchentlich Stück für Stück durchgearbeitet wird. Im Moment wurde eine Stelle im vorletzten Kapitel vom Buch des Propheten Hosea behandelt und ich verstand entgegen meiner Erwartung NICHTS. Es mag daran liegen, dachte ich, dass ich den ganzen Rest des Buches nicht gelesen hatte. Aber bald musste ohnehin ein neuer Text im Hauskreis anfangen. Beim nächsten Treffen begriff ich wieder nichts, diesmal vor Allem wegen meiner Müdigkeit. Darum machte ich mir viele Notizen und beschloss, sie am nächsten Tag in aller Ruhe zu lesen.

Die ganze Zeit bis dahin hatte ich gedacht ich wäre Christ. Und dann sprach mir Jesus das erste mal in mein Herz. In der Nacharbeit meiner Aufzeichnungen stiess ich auch auf Matthäus 13, wo sich der Vers „und werden sie in den Feuerofen werfen – da wird Heulen und Zähneklappern sein.“ fand. Meine Erinnerung an das, was jetzt folgt, ist schwierig zu beschreiben. Dabei war es in etwa so, als ob ich schliefe, während ich den Text las, nur um für den Vers „und werden sie in den Feuerofen werfen – da wird Heulen und Zähneklappern sein.“ wieder aufzuwachen. Diese drei kleinen Worte „Heulen und Zähneklappern“ waren dermassen eindrücklich, dass ich sehr plötzlich riesige Angst vor der Hölle bekam. Nun war ich hellwach und meine Gedanken begannen zu rasen. Ich brauchte doch gar keine Angst vor der Hölle zu haben, denn Jesus war doch für meine Sünden gestorben. Ich glaubte doch, was über ihn in der Bibel geschrieben steht. Jesus spricht doch: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Johannes 14, 21). Ich wusste, dass Gott mich liebt. Musste das nicht heißen, dass ich ihn auch liebe? Ich erinnerte mich an den Vers „und ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (Hesekiel 36,6). Dann versuchte ich in mein Herz zu fühlen und…ich stieß auf Granit. Endlich durchzuckte es mich: „Ich… bin… so was von… TOT!“. Und mein ganzes bisheriges Leben wurde sinnlos.

In den folgenden Tagen versuchte ich immer wieder erfolglos mich zu zwingen, Jesus zu lieben. Erfolglos, weil ein steinernes Herz dazu einfach nicht in der Lage ist. Also betete ich, Gott möge doch endlich die beschriebene Herz-OP an mir vornehmen, meine Erlaubnis hätte er ja. „Hey, Jesus! Hier bin ich! Jetzt nimm mich doch endlich auf. Ich habe nur dieses eine Leben lang Zeit!“ Nichts von all dem funktionierte. Das einzige, was mir noch Hoffnung gab, war Gottes Zusage: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ (Jeremia 29,13b&14a). Nach zehn Tagen betete ich in einer Nacht außerdem ein so genanntes „Übergabegebet“ und merkte aber gleich, dass ich nicht ganz bei der Sache war. Ich hakte nur Punkte auf einer Checkliste ab. Eigene Sündhaftigkeit bekennen – check! Jesus für sein Versöhnungsangebot durch seinen Tod am Kreuz danken – check! Um Vergebung meiner Sünden und Errettung nur durch Jesus bitten – check! Jesus als Herrn über mein Leben anerkennen – check! Amen – check! Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich gleich ungeduldig. Ich wollte endlich gerettet sein und ich hatte, wie ich dachte, wirklich alles versucht und nichts half. Ich war vollends verzweifelt und dann stieg auch noch ein Zorn in mir hoch, wie ich ihn noch nicht gekannt hatte. Ich war wütend auf mich. Warum konnte ich Jesus nicht in mein Herz lassen? Und ich war wütend auf Jesus. Warum öffnete er mein Herz nicht einfach mit Gewalt? Und in mir entbrach offener Krieg gegen Gott, wegen dieser schreienden Ungerechtigkeit, dass er mich schon so lange ignorierte. Und ich führte Krieg gegen mich selbst, weil ich im Grunde wusste, dass der Fehler bei mir liegen musste, und ich einfach nicht darauf kam, worin er lag. So ging es den ganzen Tag über viele Stunden. In meinem Verstand war es ein einziges hin und her aus Bombenexplosionen und Kanoneschüssen in alle Richtungen.

Als ich zwischendurch mal einen Blick in den Spiegel warf, starrte mich eine Leiche vollkommen ausdruckslos an. Da merkte ich erst wie fertig mich das alles machte. Ich erkannte mich ja kaum wieder. Dann kamen die Tränen. Ich verstand einfach überhaupt nichts mehr. Ja, ich wusste, dass ich Gottes Maßstab nicht gerecht werden kann und die ewige Strafe in der Hölle verdient habe. Ja, ich wusste, dass Vergebung und damit echtes, ewiges Leben nur möglich ist, weil Jesus meine gerechte Strafe auf sich nehmen will, wenn ich ihn nur darum bitte. Ja, ich wusste, dass das nicht ohne Konsequenzen bleiben würde und ich Jesus als Herrn über mein Leben annehmen müsste. Aber mein Verstand konnte einfach nicht alles zusammen erfassen. Eine der drei Erkenntnisse blieb immer auf der Strecke. Doch halt! Stop! Moment mal. Jesus als Herrn über mein Leben annehmen MÜSSEN? Alle, die ich mal habe erzählen hören, wie sie zu Jesus gekommen waren, sprachen davon, dass sie Jesus als Herrn über ihr Leben annehmen WOLLTEN. Hier lag also das Problem. Ich wollte offenbar nicht, dass Jesus der Herr über mein Leben, dass er MEIN Herr wird. Aber was sollte das denn auch schon heißen? Wie sollte ich etwas wollen, was ich nicht begreifen konnte? Und da muss Jesus mir das zweite mal ins Herz gesprochen haben, denn auf einmal hatte ich einen Ohrwurm von einer Melodie, die ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte, aber ich erkannte sie sofort. Das war doch „Steig in’s Schiff des Lebens“, dass wir in den frühen Jahren bei den Pfadfindern gesungen hatten. Wie hieß es denn da noch gleich im Text? Mal überlegen… „Ist wohl feste Ordnung,Kompass Gottes Wort. Ohne diese Hilfe kommst du niemals fort. Alleine kommst du nie voran,nie voran, nie voran. Wähl Jesus dir als Steuermann,als den Steuermann.“ Das verstand ich. Jesus will mir einen neuen Kurs geben. Dass mein alter Kurs falsch war, wusste ich. Ich hatte ja schon im Spiegel einen flüchtigen Blick darauf werfen können, wohin mich dieser Weg führen würde. Der neue Kurs von Jesus konnte doch nur besser sein. Und hatte Jesus nicht gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, außer durch mich.“ (Johannes 14,6)? Wenn Jesus mein Steuermann wäre, könnte ich die Richtung ganz ihm überlassen und bräuchte nur noch vorwärts zu rudern. „Ja, das will ich auch!“

Aus Erzählungen von Bekehrungen erinnere ich mich immer, dass erzählt wird: „Da hat es bei mir *klick* gemacht…“. Nachdem ich mein Leben mit diesem neuen Verständnis im Gebet vor Jesus gebracht hatte, machte es nicht *klick*. Da war kein großer Knalleffekt, wie ich erwartet hatte. Doch dann bemerkte ich, dass der Krieg in mir vorbei war. Die Kanonen hatten ihr letztes Pulver in dem Moment verschossen, als ich begann zu beten. Und meine ganze Verzweiflung war einfach weg. Ich spürte die felsenfeste Gewissheit, dass mir vergeben war, dass ich als Gottes Kind angenommen war. Über die Freude, die mich nun überkam, kann ich nur sagen, dass sie unbeschreiblich war. Etwas Vergleichbares kannte ich bis dahin noch nicht. Dazu kam auch noch die Erkenntnis, dass jetzt nur der Anfang gemacht war. Obwohl diese Ereignisse nur etwa ein halbes Jahr zurückliegen, habe ich seitdem auf dem neuen Kurs schon viel Spannendes mit Jesus in meinem Herzen erlebt und eine Menge von, durch und über ihn gelernt. Dabei spielt theoretisches Wissen wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle, sondern vielmehr das Erkennen von Gottes Herrlichkeit und die persönliche Beziehung zu meinem Herrn (inzwischen kann ich mit dem Wort was anfangen). Seitdem betrachte ich Gott, die Welt und mich selbst aus einer anderen Perspektive. Vieles, was vorher rätselhaft war, wird nach und nach sonnenklar. Anderes, was ich für wichtig hielt wird langsam immer nichtiger. Der Kurs zum wahren Ziel ist gesetzt und es ist eine erlebnisreiche Reise. Ich kann jedem nur wünschen, auch den Schritt zu wagen, die Kontrolle an Jesus abzugeben. Alleine wirst du am Ende nur Schiffbruch erleiden, also „wähl Jesus dir als Steuermann!“

Nils

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