Der Rabbi, der die Welt auf den Kopf stellte

Irgendwann in den späten zwanziger Jahren des ersten Jahrhunderts machte sich ein junger Jude auf den Weg nach Jerusalem. Er kam aus Tarsus in Cilicien, was in der heutigen Türkei liegt. Es war Zeit für ihn, eine solide Ausbildung zu bekommen und so wurde er zu einem Schüler des Gamaliel, der absolute Experte im jüdischen Gesetz zu seiner Zeit. Er hätte auch in Tarsus bleiben können und dort an einer respektablen Schule studieren können, doch er wollte zu Gamaliel. Saulus, wie ihn seine Eltern in Anlehnung an den ersten jüdischen König genannt hatten, liebte das göttliche Gesetz von ganzem Herzen.


Sein Eifer und seine Entschlossenheit machten den Zögling Gamaliels in den nächsten Jahren zu einem der gefragtesten Männer innerhalb der jüdischen Richtung der Pharisäer mit Hoffnung auf eine steile Karriere. Auch nicht zuletzt deshalb, weil er stets sein Bestes gab das jüdische Gesetz einzuhalten und nach bestem Gewissen handelte. Dennoch würde er später bekennen, dass er es einfach nicht schaffen konnte, Gottes Willen zu tun, egal wie stark er sich anstrengte, sein eigener Wille war immer noch da.


Zu der Zeit als er sich gerade einen Namen als Gesetzesgelehrter machte begegneten ihm auch immer mehr Leute, die glaubten, dass Jesus von Nazareth, der verheißene Messias sei. Für Saulus schien diese Vorstellung vollkommen lächerlich. Wie sollte ein Zimmermann aus Nazareth, der zum Tod durch Kreuzigung verurteilt worden war, der Retter des unter der römischen Besatzung leidenden jüdischen Volks sein? Das jüdische Gesetz stellte Leute, die an einem Holz hingen unter einen Fluch.


Doch diese Sekte des Nazareners wurde immer einflussreicher. Am Anfang waren es eine Handvoll Fischer aus Galiläa, nun traten geschickte Rhetoriker wie Stephanus auf und bewiesen aus den heiligen Schriften, dass Jesus der Messias war. Saulus war bei seiner Steinigung dabei und wahrscheinlich hat ihn seine Rede und sein Gesichtsausdruck im Moment des Todes nie mehr losgelassen.


Saulus stellte sich an die vorderste Front bei der Bekämpfung der Nazarener. Mit der Autorität des Hohenpriesters ging er nach Damascus, um diese Pest bei der Ausbreitung zu stoppen. Kurz vor den Mauern der syrischen Metropole erlebte er etwas, das ihn vom obersten Gegner der Sekte zu einem Befürworter werden ließ. Wie er später erzählen würde, sah er den auferstandenen Jesus Christus und ein helles Licht, dass ihn blind werden ließ. Ein an Jesus Gläubiger namens Ananias wurde seine erste Kontaktperson und Saulus konnte wieder sehen. In Damascus ging er jetzt in den Synagogen ein und aus und erzählte, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes. Warum war er sich so sicher? Stand dieser nicht unter einem Fluch? Später schreib er darüber: Er wusste aus dem Gesetz, dass diejenigen, die sich nicht an Alles im Gesetz hielten, auch unter einem Fluch standen. Das war Saulus’ Problem. Aber was er nicht schaffte, das tat jetzt Gott, indem er seinen Sohn zu einem Fluch werden ließ. Sein Tod am Kreuz war ein Sündopfer.


Die Juden von Damascus konnten diese Botschaft nicht ausstehen. In einem Komplott mit der Regierung versuchten sie Saulus’ Leben ein Ende zu setzen. In einer Nacht- und Nebelaktion gelang es Saulus aus der Stadt zu entkommen. Er kehrte nach Jerusalem zurück. Drei Jahre waren vergangen, seit er nach Damascus aufgebrochen war. Man kann sich vorstellen, wie schwer es für den berüchtigten Saulus gewesen sein muss, Anschluss bei den Nazarenern Jerusalems zu finden. Schließlich fand er einen Freund mit Namen Barnabas. Dieser stellte ihm Petrus vor und Jakobus, den Bruder von Jesus. Diese Treffen waren enorm wichtig für Saulus, wie er später berichten würde. Worüber werden sie wohl geredet haben? Wahrscheinlich nicht nur übers Wetter oder den Ausgang der letzten Wagenrennen. Auf jeden Fall bekam er hier noch einmal aus erster Hand Zeugenberichte von der Auferstehung.


Saulus sah es als seine Verantwortung, seinen früheren Weggefährten Jesus als Messias vorzustellen. Die Reaktion war erwartungsgemäß nicht begeisternd. In einer Vision machte Gott ihm klar, dass er von Jerusalem weg sollte. Seine Freunde begleiteten ihn nach Cäsarea und von dort segelte Saulus nach Tarsus. Die Nazarener von Jerusalem konnten durchatmen. Dieser Mann hatte für Angst und Schrecken gesorgt, als er die Nachfolger Jesu verfolgte und als einer von ihnen sorgte er für noch mehr Verfolgung mit Angst und Schrecken.


In Tarsus und Umgebung verbrachte er mehrere Jahre. Eine schwere Zeit stand vor ihm. Er wurde mehrmals von Synagogenvorstehern ausgepeitscht und er erlebte eine Art Trance, die ihn den Himmel erleben ließ. Als Folge davon wurde eine Krankheit sein ständiger Begleiter. Die Experten spekulieren bis heute darüber. War es Malaria, Epilepsie, Stottern oder Ophthalmie? Jedenfalls erinnert er später die Christen in Korinth daran, wie schwach seine körperliche Erscheinung und seine Sprechfertigkeit waren. Auch berichtet er, dass genau diese Krankheit die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten um so intensiver machte. Aber diese Erfahrungen sollten Paulus formen für seine Lebenswerk, das noch vor ihm stand. Um das Jahr 45 herum traf er wieder mit seinem alten Freund Barnabas zusammen. Er war aus Antiochia in Syrien heraufgekommen, und bat Saulus um Hilfe für die multikulturelle junge Gemeinde dort. Von dort sollte sich Saulus später aufmachen und die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus nach Europa bringen. Der Rabbi von Tarsus stellte durch seine Botschaft die Welt auf den Kopf. Das mächtige römische Imperium wurde von einer kleinen jüdischen Sekte unterwandert und bis heute nennen sich unsere Kulturen im Westen ‘christlich’.

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