Kann Wissenschaft irren? Der einsame Weg eines Nobelpreisträgers

Es ist die wahre Geschichte eines Davids gegen einen Goliath, eines jungen Wissenschaftlers gegen eine selbstsichere Wissenschaftsgemeinde.  Ein Chemiker widersprach der vorherrschenden Theorie, man machte sich über ihn lustig, er musste den Job in seiner Forschungsgruppe niederlegen und wurde erst 30 Jahre später rehabilitiert, als er 2011 den Nobelpreis erhielt.

Als der junge Wissenschaftler Dan Shechtman am 8. April 1982 die Aufnahmen seines Elektronenmikroskopes betrachtet, entdeckt er etwas, was er gar nicht sehen dürfte. Der Wissenschaft war klar, dass in Mineralien Atome und Moleküle auf jeden Fall periodisch angeordnet sein müssen. Doch Dan Shechtman fand Muster, die sich periodisch nicht wiederholten. Heute sind diese Strukturen als Quasikristalle bekannt, doch bis deren Existenz von der Wissenschaft anerkannt wurde, sollte es noch Jahre dauern.

Zunächst blies Dan Shechtman in der eigenen Forschungsgruppe ein strenger Wind entgegen. Mit der Theorie der Quasikristalle konfrontiert, rät der Leiter der Forschungsgruppe dem jungen Shechtman, noch einmal die Lehrbücher zu lesen. Schließlich wird Shechtman gebeten, seine Forschungsstelle zu verlassen. Die Begründung: Er bringe Schande auf die Forschungsgruppe.

Doch Shechtman ließ sich nicht verunsichern. Bald stellt sich ein deutlich stärkerer Gegner gegen ihn: Der zweimalige Nobelpreisgewinner Linus Pauling, der sich vehement gegen die Theorien des jungen Wissenschaftlers wehrt. Bei einem amerikanischen Kongress verhöhnt Linus Pauling Shechtman öffentlich: „Shechtman erzählt Blödsinn. Es gibt keine Quasikristalle, nur Quasi-Wissenschaftler.“

Die Wissenschaftswelt steht ihm geradezu feindlich entgegen, Shechtman berichtet später: „Für lange Zeit war es ich gegen die Welt. Ich war Objekt der Belustigung […]. Anführer des Kampfes gegen meine Entdeckungen war […] Linus Pauling, das Idol der American Chemical Society und einer der berühmtesten Wissenschaftler der Welt.“

Vielsagend für diese Zeit ist ein Bild im Büro des Israeli Shechtman. Es zeigt eine Katze, die von wütenden Hunden umringt Wasser trinkt. Ein Bibelvers aus Psalm 23 kommentiert das Foto: „Und ob ich schon wandelte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.“ Genau so habe er sich Jahre lang gefühlt, berichtet Shechtman.

Viele Jahre dauerte es, bis Shechtmans Theorie langsam von anderen Wissenschaftlern anerkannt wurde. Seither haben Forscher beständig neue Quasikristalle gefunden, bis heute sind schon über 100 unterschiedliche Strukturen bekannt. Im Jahre 2009 fand man Quasikristalle sogar in der freien Natur, im russischen Koryak-Gebirge. Fast 30 Jahre nach seiner unmöglichen Entdeckung im Mikroskop, es war bereits das Jahr 2011, erhielt Shechtman die Krönung seines lebenslangen Kampfes, den Ritterschlag der Wissenschaft: Den Nobelpreis für Chemie.

Die Heldengeschichte des einsam kämpfenden Davids offenbart uns neben aller Bewunderung für Shechtman heilsame Einblicke in den Goliath der Wissenschaftswelt:

Die Wissenschaft kann sich irren – und zwar sehr hartnäckig. Hätte sich Shechtman von der drohenden Schar anders denkender Wissenschaftler einschüchtern lassen, würde die Welt noch heute einer Theorie vertrauen, die in Wahrheit falsch ist.

Ist eine wissenschaftliche Theorie erst einmal aufgestellt und akzeptiert , wird sie schnell zum Dogma, das nicht mehr hinterfragt werden kann. Widerspricht ein Wissenschaftler dennoch der vorherrschenden Theorie, so riskiert er damit seinen Ruf, seinen Job und seine Karriere. Solange das „Idol“ Linus Pauling die neue Theorie verwarf und ihren Begründer veralberte, traute sich niemand, Shechtmans Theorie Vertrauen zu schenken.

Als Shechtmans Theorien langsam akzeptiert waren, wurden Quasikristalle zuhauf entdeckt. Kann es sein, dass auch die Wissenschaft manchmal nur sieht, was sie glaubt?

Kann es weiter sein, dass selbst in der wissenschaftlichen Welt Autoritätsgläubigkeit eine größere Rolle spielt als wir denken?

Und ist es nicht möglich, dass auch andere scheinbar „erwiesene“ Theorien auf eine Korrektur warten?

„Die wichtigste Lektion, die ich über die Zeit gelernt habe ist, dass ein guter Forscher ein demütiger und zuhörender Forscher ist und nicht einer, der sich zu 100 Prozent dessen sicher ist, was er in Lehrbüchern liest.“ Prof. Dr. Dan Shechtman

Quellen:
www.spiegel.de/wissenscha…n-nach-mass-a-790035.html
www.focus.de/wissen/mensc…ar-machte_aid_671723.html
www.jpost.com/Sci-Tech/Article.aspx?id=248911
www.nytimes.com/2011/10/06/science/06nobel.html
en.wikipedia.org/wiki/Dan_Shechtman
www.reuters.com/article/2…try-idUSTRE7941EP20111005
www.ethlife.ethz.ch/archi…005_chemie_nobelpreis_per

Kommentare

  1. AdF

    Hey Felix, super Artikel!
    Danke, dass Du Dir die Mühe damit gemacht hast, das alles zu recherchieren.

    Als Ergänzung finde es allerdings interessant, dass mir diese blinde Wissenschaftsgläubigkeit bisher eher selten von echten Wissenschaftlern entgegengeschlagen ist (wie in Deinem Beispiel), sondern viel mehr von irgendwelchen pseudo-wissenschaftlichen Diskussionen, Zeitschriften oder Artikeln in Zeitungen.

    Mein Studium und die Tätigkeiten in der Forschung haben mich bisher vor allem eines gelehrt: vorsichtig sein mit solch generellen Aussagen und das Wissenschaftler auch nur mit Wasser kochen, d.h. fehlbare Menschen sind. Die Begrenztheit, mit der wir unsere Natur erfassen können, wird in einem naturwissenschaftlichem Studium schon in den ersten Semestern ziemlich deutlich.

    Offensichtlich scheinen letzteres manche wieder zu vergessen und offensichtlich dringt das auch nicht so an die Öffentlichkeit, wie die sogenannten „großen Erfolge“.

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