Ist Gott ein “launisch-boshafter Tyrann”? Gewalttexte in der Bibel.

Ist Gott ein “launisch-boshafter Tyrann”?

1 Atheisten berufen sich gern auf die Gewalttexte der Bibel als Beleg für die Richtigkeit ihres Weltbildes. So meint Richard Dawkins mit Verweis auf das AT, Gott sei ein “rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer, … Kinder und Völker mordender, … größenwahnsinniger, sadomasochistischer,launisch-boshafter Tyrann.” Doch auch für Christen sind Gewalttexte Stolpersteine in der täglichen Bibellese oder im Gespräch mit Nicht-Christen.

2 Holzwege
Auf folgenden Holzwegen will man biblische Gewalttexte in den Griff bekommen.
1.) Ignorieren: Der Bibelleser konzentriert sich auf die erbaulichen Bibelstellen.
2.) Scheidung von AT und NT: Der Bibelleser meint, im AT begegne ihmein anderer, ein gewalttätiger Gott, während er im NT denGott der Liebe finde.
3.) Entschärfung durch Mythologisierung: Die Gewalttexte seien unhistorisch, die Gewalt sei nur ein Stilmittel dieser Texte. Wer Gewalttexte historisch einstufe, sei latent gewaltbereit.

3 Wie wir Gewalttexte richtig verstehen können
3.1 Gewalt muss differenziert betrachtet werden
Gewalt muss unterschieden werden: 1.) Gewalt, die beschrieben und verurteilt wird (1 Mose 4,1ff). 2.) Gewalt, die im mosaischen Gesetz angeordnet wird (3 Mose 24,17). 3.)
3.) Gewalt in Angriffskriegen gegen Israel (2 Kön 24-25). 4.) Gewalt in “Kriegen des Herrn” (5 Mose 20,16-18). 5.) Gewalt, die von Gott angeordnet oder ausgeübt wird, um Sünde gerichtlich zu ahnden (1 Mose 19). 6.) Gewalt, die sich einer einfachen Zuordnung entzieht (Richter 11; Ps 137,9).
Grundsätzlich muss beachtet werden, dass Gewalt durchaus legitim sein kann (z. B. der Kriegseintritt der USA in den 2. Weltkrieg) und dass ihre Beurteilung dem Zeitgeist unterliegt. Während z. B. Abtreibung früher geächtet war, gilt sie heute quasi als Menschenrecht.

3.2 Gewalt und Heilsgeschichte
1.) Gewalt zwischen Schöpfung und Vollendung: Die ursprüngliche Schöpfung war “sehr gut” (1 Mose 1,31). Sie war gewaltfrei und es gab keinen Tod. Der Mensch hat diese Ursprungsabsicht Gottes durchkreuzt. Doch Gott wird sein Ziel erreichen und eine gewaltfreie Welt erschaffen (2 Petr
3,13; Offb 21,4). Gewalt findet nur zwischen den beiden heilsgeschichtlichen Polen Schöpfung und Vollendung statt.
Sie ist ein Fremdkörper im Heilsplan Gottes und muss als vorübergehender Zustand eingeordnet werden, der dem Wesen Gottes fremd ist.
2.) Gewalt als Folge des Sündenfalls: Im Paradies diente die Todesstrafe zur Bestätigung des Gebotes Gottes, um den eigentlich unsterblichen Menschen vor dem Ungehorsam zu schützen (1 Mose 2,16.17).
Seit der Übertretung des Gebotes ist die Menschheit der Gewalt des Todes preisgegeben (Röm 5,12). Die Wurzel aller Gewalt liegt im Hören auf die Stimme Satans und der Nicht-Beachtung des Schutzgebotes Gottes im Paradies.

3.3 Gewalt und die Wiederherstellung des Friedens
Augustinus begründete in seinem Buch De civitate Dei (Vom Gottesstaat) das Führen gerechter Kriege. Diese seien legitim, wenn eine gravierende Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung (causa iusta) vorliege und der Krieg dem Frieden diene und diesen wiederherstellen solle (iustus finis). Zudem müsse er von einer dazu legitimierten Autorität angeordnet werden (legitima auctoritas). Diese These vom
gerechten Krieg kann uns helfen, das Ausüben von Gewalt durch Gott zu verstehen. Gott ist als Schöpfer und Weltherrscher legitimiert, Gewalt auszuüben, um eine schwerwiegende Bedrohung oder Verletzung der von ihm gesetzten Rechtsordnung zu verhindern und den Weltfrieden wieder herzustellen. So war z. B. die Vernichtung der Menschheit durch die Sintflut eine Reaktion Gottes auf eine verdorbene
Menschheit, die in Bosheit und Gewalttat versank. Die Flut diente der Eindämmung der Gewalt, stellte vorübergehend den Weltfrieden wieder her und garantierte den Nachkommen Noahs eine zunächst relativ gewaltfreie Lebensumwelt.

3.4 Gewalt als Mittel zur Gewaltprävention
In der Bibel ist Gewalt ein Mittel zur Verhinderung gottfeindlicher Gewalt. Auf Mord stand im Alten Bund die Todesstrafe (1 Mose 9,6). Andere Straftaten unterlagen dem sogenannten Talionsrecht (2 Mose 21,23ff), bei dem “Auge um Auge” und “Zahn um Zahn” gefordert wurde. Durch das hohe
Strafmaß wurde die Allgemeinheit geschützt, denn ein potentieller Täter wusste, dass er bei einem Mord sein Leben verwirkt hat (Generalprävention). Zudem verhinderte der Vollzug der Todesstrafe das Begehen weiterer Straftaten durch denselben Täter (Spezialprävention). Auch Vergehen
wie die Sabbatschändung, das Verfluchen der Eltern, Vergewaltigung, homosexuelle Praxis oder Sodomie wurden unter Todesstrafe gestellt, um zu verhindern, dass Gottlosigkeit, sexuelle Verwahrlosung und Gewalt sich im Volk ausbreiteten, denn Israel sollte ein heiliges Volk sein. Der Vollzug der Strafen lag in der Hand der Obrigkeit. Somit war die Gewalt entprivatisiert, was Selbstjustiz und Blutrache verhinderte. Durch die Fixierung in einem Gesetzbuch herrschte Rechtssicherheit.

3.5. Gewalt und die “Kriege des Herrn”
Ein Sonderfall sind die sogenannten “Kriege des Herrn” (2 Mose 17,16). Sie waren keine “Glaubenskriege”, um den Glauben zu verbreiten, sondern sie galten den sieben kanaanitischen Völkern, die im Land Kanaan siedelten (5 Mose 7,1). Israel sollte diese Völker im Auftrag Gottes bekämpfen
und “an ihnen den Bann vollstrecken”, was die Tötung von Männern, Frauen, Kindern und allen Tieren beinhaltete (5 Mose 20,16ff). Folgende Gründe werden in der Bibel für diese Kriege genannt:
1.) Schutz vor Verführung: Die Ausrottung der Bevölkerung und die Zerstörung der Kultstätten
sollte verhindern, dass Israel zum Götzendienst verführt wurde und die perversen und gewalttätigen Praktiken der Kanaaniter übernahm (5 Mose 7,4.5).
2.) Schutz vor Unterdrückung: Die Kriege sollten verhindern, dass Israel im Land durch die Kanaaniter unterdrückt würde (4 Mose 33,55f).
3.) Gericht an Kanaan: Gott richtete die Kanaaniter, weil das Maß ihrer Sünde voll war (5 Mose 9,5; 1 Mose 15,16).
4.) Gottes Versprechen: Die Kriege erfüllten Gottes Schwur an Abraham, seinen Nachkommen das Land Kanaan zum dauerhaften Besitz zu geben (1 Mose 15,7.16).
Hinter dem allen stand das heilsgeschichtliche Ziel, die Geburt des Erlösers in Betlehem (Micha 5,1) und das Heilswerk Christi in Jerusalem zu ermöglichen. Aus Israel sollte der Segen Gottes durch Christus zu allen Völkern kommen (1 Mose 12,1ff; 49,10; Joh 4,22). Mit der Ansiedlung Israels in Kanaan verfolgte Gott das langfristige Ziel der Welterlösung und -vollendung. Die Bibel zeigt, dass die “Kriege des
Herrn ” ein heilsgeschichtlich gebotenes, jedoch zeitlich und lokal begrenztes Phänomen waren.

3.6 Gewalt und die Dimension des Gerichts
Gott vollzieht sein Gericht mit Gewalt. Gott plagt die Ägypter für ihren Götzendienst und die Unterdrückung Israels (2 Mose 7 -14). Er straft das ungehorsame Israel durch die Assyrer und Babylonier (2 Kön 17; 2 Kön 24 -25). Die Offenbarung sagt voraus, dass Gott am Ende der Zeiten eine unbußfertige
Menschheit mit schweren Plagen strafen und im Endgericht in Ewigkeit verdammen wird (Offb 8-9; 21,14f).
Der Zorn und das Gericht Gottes lassen sich menschlich nicht erklären. Gott ist heilig und die Bibel sagt uns, dass er gerecht ist, wenn er zornig ist und Gericht hält (Ps 7; Offb 15,1 -4). Es liegt ein tiefes Geheimnis in der Heiligkeit Gottes, in der abgrundtiefen Bosheit Satans und der Sünde des Menschen. Dieses Geheimnis steht hinter dem zeitlichen und ewigen Gerichtshandeln Gottes.
Es verstört, dass in göttlichen Gerichten auch „unschuldige Kinder“ sterben. Anders als unser individualistisch geprägtes Rechtsempfinden gibt es in der biblischen Rechtsauffassung
eine starke Betonung der Kollektivschuld.
Die ganze Menschheit steht im kollektiven Schuldzusammenhang der Ursünde (Röm 5,12). In dieser Sicht gibt es keine „unschuldigen Kinder“, da alle Menschen unter dem Todesurteil Gottes stehen, selbst die “schuldlose” Tierwelt (Röm 8,20).
Dieser Zusammenhang gilt auch bei der Sintflut oder der Zerstörung Sodoms und Gomorrhas. Der uns verstörende Aspekt des Schuldzusammenhangs wird bleiben und erst in der Ewigkeit ausgelöst werden. Bedenken wir aber, dass wir oft mit zweierlei Maß messen: Gott wird angeklagt, wenn zwei Bären auf Geheiß des Propheten 42 Kinder zerreißen (2 Könige 2,19ff), aber die 130.000 jährlich in deutschen
Kliniken verätzten, totgespritzten und zerstückelten ungeborenen Babys werden oft klaglos hingenommen.

3.7 Gewalt im Licht des Neuen Bundes
Die Menschheit ist in Sünde und Gewalt verstrickt. Die Bibel verheimlicht diese tägliche Realität zu Recht nicht. Sie zeigt aber auch den Ausweg: Weil Gott die Liebe ist (1 Joh 4,8) will er das Wohl der Menschen (Jer 29,11).
Er sendet seinenSohn in diese Welt (Joh 3,16), um Sünde und Gewalt zuüberwinden. Jesus Christus liefert sich der rohen Brutalität der Menschen aus und nimmt mit seinem Tod am Kreuz dasStrafgericht Gottes stellvertretend für uns auf sich (Jes 53,4.5; 1 Petr 2,24). Mit Christi Auferstehung tritt der
Anfang der Vollendungswelt in die Geschichte der Menschheit ein.Wer an den Gekreuzigten und Auferstandenen glaubt, erhältAnteil an der zukünftigen Welt Gottes, in der es keinen Tod und keine Gewalt mehr geben wird (Offb 21,4). Das Leben der Christen soll den Weltfrieden der neuen Schöpfung
schon hier und jetzt widerspiegeln. Mitten in einer Welt der Gewalt sollen Christen Friedensstifter sein (Mt 5,9; 5,44; 26,52; Röm 12,21; Eph 6,17).
Die Gewalttexte der Bibel müssen aus dem Blickwinkel des gekreuzigten und auferstandenen Christus gelesen und verstanden werden. Wenn Gott sich selber in seinem Sohn der Gewalt der Menschen ausliefert, dann kann er kein “launisch-boshafter Tyrann” sein. Er muss ein Gott sein, der die Gewalt hasst, der sie erleidet, erduldet und begrenzt einsetzt, um sie zu überwinden und auf ewig zu beseitigen. Wenn Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt, dann kann er kein Freund von Gewalt und Grausamkeit sein. Vielmehr zeigt sich im Licht des Ostermorgens, dass Gott den Frieden und das Leben liebt und uns Menschen in Ewigkeit daran teilhaben lassen will.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36)
Prediger Johann Hess/Gemeindehilfsbund

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