J. D. Salinger, der “Fänger im Roggen” ist tot.

Am Donnerstag ist Jerome David Salinger im Alter von 91 Jahren in Cornish im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire gestorben.Seine Leser haben einen grossen Beschützer verloren.Oder vielelicht einen, der ihnen die völig falsche Antwort gegeben hat.Salinger mauerte sich ein, ließ sich von niemandem ansprechen. Er lebte nach dem grossen Erfolg seinens Buches in einer Art Einsiedelei. Er wurde ein gemeinisvoller "aufgehörter Schriftsteller", ein früher Emo. Es gab ihn einfach nicht mehr. Sein Held im Buch Holden, träumt sich weit weg von New York und Weihnachten und Schule und allem, irgendwohin, wo "die Leute mich nicht kannten und ich keinen kannte". Von dem Geld, das er vielleicht an der Tankstelle verdienen könnte, "würde ich mir irgendwo eine kleine Hütte bauen und für den Rest meines Lebens dort wohnen". Eine Frau, "ein schönes Mädchen", müsste dabei sein, am besten taubstumm, "und wenn sie was zu mir sagen wollte, müsste sie es auf einen verfluchten Zettel schreiben". Mindestes einen Menschen infizierte Salinger und machte ihn vielleicht zu einem berühmten Mörder:Mark David Chapman war ein Leser, wie ihn sich ein Autor nur wünschen kann: Er konnte den "Fänger im Roggen" fast auswendig, und wenn er sein Exemplar einmal liegen ließ, kaufte er sich ein neues, um Salinger immer bei sich zu haben, wie ein Schmusetier, ein Totem, Abwehrzauber gegen die Welt. Selbstverständlich enthält die Geschichte von Holden Caulfield nirgends die Aufforderung, einen berühmten Musiker (John Lennon) aus Liverpool, der in Manhattan endlich seinen Seelenfrieden gefunden hatte, einfach abzuknallen. Doch gibt es wenig andere Bücher, die so innig gelesen, so leidenschaftlich nachempfunden wurden. (Gedanken aus der Süddeutschen.de)
Die allseits gelobten "Neuen Leiden
des jungen W." von Ulrich Plenzdorf scheint einem nach diesem Salinger
nur noch wie dünne Brühe.
Es ist für manche oft der Beginn einer ganz
persönlichen Rebellion, der Beginn des Lüftens von dem unglaublich bürgelichem Mief in dem die Nachkriegkinder aufwuchsen.
Das Buch ist in erster Linie eine Hymne an die
Null-Bock-Generation und hat Millionen Jugendliche in ihrer Schulzeit
genervt und beeiflusst, die danach bestrebt waren, etwas mehr aus sich zu machen um in
selbstbestimmter Weise leben zu können. Die Tatsache, dass der
John-Lennon-Mörder dieses Machwerk dauernd mit sich herum trug sollte
eigentlich zu denken geben.Die "Welt.de§ ergänzt einiges aus seinem tragischen Leben:"
Als 1941 Pearl Harbor angegriffen wurde, meldete Salinger sich
sofort freiwillig. Er war bei der Landung in der Normandie dabei. Er
gehörte zu den Befreiern von Paris. Dort lernte er Ernest Hemingway
kennen, der über Salinger den denkwürdigen Ausspruch tat: „Jesus, he
has a helluva talent.“ Salinger überlebte das Massaker, das die
Wehrmacht unter den GIs im Hürtgenwald anrichtete. Gegen Ende des
Krieges – aber hier sind die Zeugnisse nicht eindeutig – hat er
vielleicht einen Nervenzusammenbruch erlitten und musste psychiatrisch
behandelt werden. Viele seiner Kurzgeschichten handeln von den
seelischen Verwüstungen, die der Krieg in Soldaten hinterlässt – am
ergreifendsten in „Für Esmé – mit Liebe und Schmutz".Am Anfang der Fünfzigerjahre wandte sich Salinger fernöstlichen
Erlösungslehren zu. Ist das schwer zu schlucken? Gewiss, aber der
fernöstliche Mystizismus ist nicht von J. D. Salingers Werk zu trennen
– genauso wenig, wie man den Katholizismus vom Werk des großen Walker
Percy oder die russische Orthodoxie vom Werk des großen Fjodor
Dostojewski trennen kann. Wenn sich jetzt (hoffentlich) die Türen der
Schatzkammer in Cornish, New Hampshire, öffnen, wird offenbar werden,
ob die Religiosität für das Spätwerk von Salinger ein Hemmschuh oder
ein Katapult war.

Am Schluss des „Fängers im Roggen“ heißt es: „Erzähl nie irgendwem
irgendwas. Wenn du’s doch tust, fängst du an, sie alle zu vermissen.“ Er war ein tragischer Poet, der ein trauriges Leben führte, weil er die Erlösung Jesus nicht wollte.

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