Jutta: Ich bin seit ca 5 Jahren im Glauben, mit anfangs noch einigen Ausrutschern in die feministische Theologie.

Vielen Dank für den mutigen und offenen Bericht, Jutta!

“ Ich war in meinem „früheren“ Leben, in dem die Abtreibung stattfand, Schauspielerin. Richtige, ausgebildete Schauspielerin und habe auch einige Engagements gehabt, konnte tatsächlich eine Zeit lang von dem Beruf leben, was nicht selbstverständlich ist. Zur ganz großen Karriere, obwohl man mir die mehrmals prophezeit hat, kam es nie. Ich war schön, süß, auch begabt – sicher nicht brillant, hatte aber doch das gewisse Etwas, das Geheimnisvolle. Das haben mir vor allem auch die weiblichen Kollegen bestätigt – ganz wichtig! Denn Männer sind sehr unzuverlässig in der Beurteilung von Frauen, da in dieser Branche, ebenso wie in der Musik, alles selber schuld ist, was nicht bei drei auf den Bäumen ist … und der Sinnenrausch erfasst einen … unterstützt durch Drogen und Alkohol, vorwiegend.
Ich war süchtig nach Leben – aber sehr gehemmt – süchtig nach großen Erlebnissen – aber viel zu langweilig und normal und vernünftig um in die völlig „abgefahrenen“ Kreise aufgenommen zu werden. Ich hatte zu nichts eine wirkliche Beziehung. Ich war eine schöne, leblose Maske. Das ist die eine Hälfte. Gleichzeitig war da natürlich, wie bei jedem Menschen, egal ob Mann, Frau oder Kind … die Sehnsucht nach Liebe. Nach Angenommen werden. Nach Zuhause. Ich war auch sensibel, fürsorglich, feinfühlig, kontaktfreudig, neugierig, interessiert an Menschen, an Philosophie …
Ja, ich bin ohne Gott aufgewachsen. Aber meine Eltern sind für meine Entscheidung nicht mitverantwortlich zu machen. Ihre Erziehung ist nicht verantwortlich für meine Entscheidung damals. Ja, wir hatten kein gutes Verhältnis. Aber meine Eltern sind seit über 57 Jahren verheiratet und das die größte Zeit glücklich. Sie nehmen einander bedingungslos an und sind gemeinsam durch alles durchgegangen. Es war ganz allein meine eigene Entscheidung damals … und wer weiß, hätte ich über meinen Schatten springen können damals .. vielleicht hätte ich das Kind bekommen. Allerdings war ich in keiner festen Beziehung, ich hatte, was man so landläufig eine Affäre nennt, und eine zweite, parallel dazu, bahnte sich an. Denn ich wusste ja, dass die Affäre, die ich hatte und der letztendlich der Vater des Kindes war, wie ich nach längerem Überlegen doch herausgefunden habe, sich von seiner damaligen Freundin nicht trennen würde. Das hat er mir ganz deutlich zu verstehen gegeben, als wir diese Liebelei begannen. Naja, Frauen denken ja dann oft: ich schaff das schon, dass er sich ganz zu mir bekennt … und hoffen und hoffen …
Ich betrieb das, was die Bibel Hurerei und Unzucht nennt. Nicht wahllos … es gab auch lange Zeitabschnitte, in denen ich allein war und das auch gut aushalten konnte … aber ich hatte nie eine gesunde Sexualität. (Also, es gab keine Verdrehtheiten, letztendlich, was ich damit sagen will, mit gesunder Sexualität ist: dass ich meiner Begierde sofort nachgegeben habe und der des Mannes, in der Regel. Wobei es die Frau ist, die aussucht .. wenn es normal läuft und wenn sie das Signal gibt .. auf welch geheimnisvolle Weise das auch immer ablaufen mag, kommt der Stein ins Rollen.) Auch das hat nur mit mir zu tun, mit meinen Anlagen, mit meiner eigenen Schändlichkeit und nichts mit der Erziehung. Denn meine Eltern haben mir ja eine treue Ehe vorgelebt.
Als ich schwanger war, habe ich das die ersten zweieinhalb Monate aber gar nicht registriert. ich hatte damals kein gutes Verhältnis zu meinem Körper, und dass die Regel ausblieb, das habe ich gar nicht so bewusst wahrgenommen, bis es mir dann doch merkwürdig wurde… Damals lebte ich in einer Einzimmerwohnung, hatte die Ausbildung abgeschlossen, war bei einer renommierten Schauspielagentur, die mich vermitteln sollte … und lebte von Arbeitslosenhilfe. Alle Bewerbungen und Versuche, an Arbeit zu kommen, waren fruchtlos gewesen. Meinen Liebhaber habe bei den ersten Dreharbeiten, die ich in meinem Leben erlebt hatte, kennengelernt. Als Hauptrolle. Er hat nie erfahren, dass ich schwanger war.
Es gab dann noch – heute würde ich behaupten wollen, dass GOTT mir damit einen Ausweg zeigen wollte, ich war aber zu verstört, um dieser Frau, die mir auch wenig seltsam erschien … zu vertrauen. Sie hatte mir angeboten – sie traute mir auch etwas zu … sie fand meine Begabung, auch sprechtechnisch für entwicklungsfähig und sie hatte ein sehr feines Ohr – mir zu helfen. Ich solle das Kind bekommen und dann würden wir weitersehen.
Ich sehe uns noch in ihrer kleinen Küche sitzen, in ihrer Wohnung, die ziemlich überfüllt war – eine kultivierte, leise und doch etwas seltsame Frau … wie ich ihr das alles erzähle … Ich wünschte heute, ich hätte diese Hilfe angenommen. Es hätte einem Menschen das Leben gerettet und es hätte für mich bestimmt auch andere Arbeit gegeben, als die der Schauspielerin, denn wirklich geeignet war ich ohnehin nicht – mir fehlte dieser „Killerinstinkt“, dieser unbedingte Ehrgeiz es zu schaffen. Ohnehin liebte ich das Theater und wollte mithelfen, die Welt zu verändern. Der Welt einen Spiegel vorhalten. Das Katharsiserlebnis.
Heute weiß ich, dass das niemals funktioniert und dass auch Brecht sich getäuscht hatte, als er sein episches Theater „erfand“ .. um die Welt und die Gesellschaft zu erziehen, verändern, aufzurütteln. Brechts Lieblingslektüre – so habe ich es mal gelesen – war die Bibel. Er hat auch Stücke geschrieben … die den Menschen besser machen sollten .. aber er ist gescheitert. Die Synthese aus Bibel und Theater funktioniert nicht.
Ich wollte zwar mithelfen, die Welt zu verändern, bin aber selbst tragisch daran gescheitert, mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen, und habe mich – nachdem ich aufgrund meines Unwohlseins und meiner Irritation endlich den Ganz zum Frauenarzt gewagt habe – fast ohne Gefühl, bzw. mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, des Überfordertseins, des Ärgers – zur Abtreibung entschieden .. ich musste mich schnell entscheiden – auch damit war ich überfordert, denn ich war schon in der 10. Woche. Und Abtreibungen sind ja nur bis zur 12. Woche erlaubt. Und wir hatten verhütet … zu der Zeit habe ich keine Pille genommen … aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten … Hätte ich noch etwas gewartet ….
Ich bin dann zum vorgeschriebenen Termin bei Pro Familia … konnte glaubhaft machen, dass ich mit dem Vater keine Beziehung habe, auch nicht will … das Kind ohne Vater … usw .. wenn ich das jetzt schreibe, kommt mir das ungeheuer kaltblütig vor .. was es ja auch war. Anstatt die Konsequenzen anzunehmen .. war ich bereit lieber zu töten, als zu riskieren, das Kind ohne Vater zu bekommen, und zu haben … und es wäre ja auch möglich gewesen, noch jemanden kennenzulernen … Und dann ging alles ganz schnell … ich habe dann sofort einen Termin in der Klinik bekommen .. meine damalige Agentur und Schauspiellehrerin haben mich „beglückwünscht“ dass ich eine „vernünftige Entscheidung getroffen habe … eine damalige gute Bekannte, die, wie ich später erfahren habe, drei Abtreibungen hinter sich hat, und ich war wie gefühllos … ich habe wirklich gar nichts gefühlt. Weder Erleichterung noch Trauer. Schmerzen hatte ich – wie es mir schien – nur körperliche.
Danach verlief das Leben wie immer. Ich habe nicht eine lange, funktionierende Partnerschaft erlebt, geschweige denn eine Ehe. Ich habe keine Kinder. Ich bin aber auch nie wieder schwanger geworden – ich habe mir dann später die Spirale einsetzen lassen. Weil ich diese Hormone der Pille nicht mehr wollte. Heute weiß man, dass mit Pille und Spirale auch so etwas wie Abtreibungen stattfinden … das ist dann der Empfängnisschutz. Wobei ich sicher bin, dass es natürliche Empfängnisverhütungsmittel gibt … und die Temperaturmessmethode kann auch funktionieren. Allerdings ist man dann halt weder allzeit bereit noch allzeit verfügbar.
Ich bin absolut sicher, dass meine Depressionen – wobei ich schon immer – trotz aller Lebensgier – ein doch auch sehr nachdenklicher Mensch gewesen bin, kompliziert, hochsensibel – meine Selbstmordgedanken, meine Lebensangst … vielleicht nicht ursächlich vom Schwangerschaftsabbruch, also der Tötung meines Kindes herzuleiten sind, aber die Anlage dazu massiv verstärkt wurde. Was mich davon überzeugt hat, dass wir, vor allem die Frauen, im tiefsten Inneren wissen, dass es Mord ist und etwas zutiefst Verbotenes und Abscheuliches, ist, dass wenn man jemandem von der Vergangenheit erzählt, diese Sache meistens verschweigt. Ich habe eine gute Bekannte verloren, weil ich es ihr erzählt habe. Auch noch einer Frau, die unbedingt ein Kind wollte, aber keines bekommen konnte … ich wollte aber nichts verschweigen …
Selbst (oder vor allem?) Mitchristen konnte ich davon kaum erzählen, aus Angst verurteilt zu werden und eine nicht vergebbare Sünde begangen zu haben. Interessanterweise hatte ich weniger Angst vor GOTT als vor den Menschen. GOTT hat mich durch die Trauer geführt und ER weiß, dass ich wirklich, zutiefst und lange getrauert habe. In meiner Vorstellung wäre es ein Mädchen gewesen, mit lockigen braunen Haaren, darin hätte es seinem Vater geähnelt.
Als ich dann eine Weile im Glauben war, begann mich die Frage zu bewegen: wo ist mein Kind jetzt ? Ist es im Himmel, ist es verdammt aufgrund dessen, was ich, die Mutter, zu verantworten habe. Was wird der Herr Jesus mir sagen, wenn ich dereinst mal vor IHM stehe .. werde ich das Kind kennenlernen, welches Alter wird es haben, in welchem Zustand werde ich es antreffen … ? Ich habe dann von Norbert Lieth einen Vortrag gesehen, und ich denke, es ist im Himmel, beim Herrn. Es ist gut aufgehoben … aber ich habe mir durch eigene Schuld ein Glück und eine Wachstumsmöglichkeit genommen… und eine Aufgabe zu erfüllen, die mir wohl durchaus zugedacht war. Mutter zu sein.
Ich habe ganz lange nichts mit Kindern zu tun haben können .. und in der Gemeinde, in der ich doch eine längere Zeit war, die viele Kinder hat … fiel mir das sehr schwer. Erst habe ich gedacht, weil ich Lärm nicht gut vertrage und Durcheinander … und wirklich sehr schnell überfordert bin … das hätte nur damit zu tun. Aber es ist ja so, dass, wenn man spät zum Glauben kommt, viel aufzuarbeiten hat im Licht der Bibel. Und ich hatte keinen Seelsorger, der mich aufgefangen hätte … so hat vieles wahrscheinlich auch länger gedauert und ich habe auch bestimmt vieles erst sehr langsam verstanden … überhaupt bin ich sehr langsam und auch eine sehr langsame Bibelleserin … ich habe immer die neuen Christen beneidet, die zum Glauben kamen, flugs die Bibel gelesen und verstanden und entweder – als Mann – sofort gepredigt habe – oder als Frau tausende „Werke“ in Angriff genommen …
Da hinke ich absolut hinterher. Ich habe genug damit zu tun meinen Alltag auf christliche Art und Weise zu bewältigen (Gal 5, 22) .. diese „Werke“ zu tun .. zu erkennen, wo und wie ich Zeugnis geben kann … Und im Zuge dessen, habe ich gemerkt, als ich die Abtreibung aufgearbeitet habe, dass ich diese Scheu vor Kindern, diese Angst, mit diesem Erleben zu tun hatte. So langsam lässt das nach. Ich liebe Kinder. Ich kann nach wie vor (wir haben hier, wo ich wohne , viele Kinder) den Lärm schlecht ertragen … bin nach wie vor schnell überfordert … aber trotzdem ist es anders geworden, seit der Herr Jesus mein Heiland ist.“ (gefunden bei Jonas Erne blog)

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