“The King” ist tot

Reisejournalisten, die wieder gehäuft nach Graceland pilgern, waren die ersten Vorboten für das noch immer weltbewegende Datum, dessen wir jetzt gedenken: Am 16. August 1977, also vor 30 Jahren, starb der „King“ – Elvis Presley. Der Mann bleibt ein Phänomen, wenngleich es die heutige Großelterngeneration war, der er eine neue Musik und einen neuen Lebensstil brachte. Als er starb, gab es noch keine CD und keinen i-Pod, und die Plattenkonzerne waren noch fast allmächtig. Würde Elvis heute noch leben, dann würde er sich ganz schön umschauen, auch wenn sich seine Platten nach wie vor ganz ordentlich verkaufen. Die FAZ nannte ihn 2005 den „profitabelsten Toten der Unterhaltungsindustrie“.



Elvis war ein Phänomen, eben weil er viele Widersprüche in sich vereinigte. Der Kritiker Greil Marcus schrieb: „Elvis ist als großer Künstler in Erscheinung getreten, als großer Rock’n’Roller, großer Kitschproduzent, großer Mädchenschwarm, großer Langweiler, großes Potenzsymbol, großer Schmierenkomödiant, großer Kumpel und, jawohl, als großer Amerikaner.“ Von letzterem hat Elvis selbst das Gegenteil behauptet: „Ich bin nicht der typische amerikanische Mann, und ich habe nicht vor, ein solcher Trottel zu werden.“ Da ging es um seine gescheiterte Ehe mit Priscilla, und man könnte daher an die Liste von Marcus noch anfügen: Er war mitunter ein großes Arschloch, aber das gehört zum Mythos auch dazu.




„Mythos“ wird hier nicht als abgegriffene Vokabel gebraucht. Immerhin glauben sehr viele Menschen, Elvis sei in Wirklichkeit gar nicht tot, und nicht wenige behaupten, sie seien ihm nach seinem Tod leibhaftig begegnet. Der amerikanische Autor Scott Linker hat aus dieser bizarren Elvis-Religion einen satirischen Roman gemacht: „Church of E“, in dem er das nur ein wenig weiterdreht. Da feiern durchgeknallte Priester, legitimiert dadurch, dass sie Zeugen seines bemerkenswerten Lebens waren, bizarre Elvis-Gottesdienste. Jetzt zum Todestag wird sich in Memphis nicht viel Anderes abspielen…




Der Mensch Elvis ist hinter diesem gigantischen Mythos kaum auszumachen. Er war, um das mindeste zu sagen, ein hübscher Junge mit einem, wie viele urteilen, eher weiblichen Sex-Appeal. Er konnte gut singen und traute sich vor allem, was 1954, als er seine erste Single bei Sun Records aufnahm, quasi ein Tabu war: nämlich leidenschaftlich und schamlos wie die schwarzen Blueser zu kieksen, zu heulen, zu stöhnen, und er bewegte sich auch so. Elvis kam aus dem Süden der USA und kannte diese Musik genau. So etwas hatte sich bis dahin kein weißer Amerikaner freiwillig angehört oder angesehen, aber bei Elvis schauten plötzlich alle hin. 1956 durfte er allerdings in der „Johnny Carson Show“ nicht mit den Hüften wackeln und überhaupt nur von der Brust aufwärts auf dem TV-Schirm erscheinen – Jugendgefährdung!




In einem Punkt ist Greil Marcus zu widersprechen: Ein Rock’n’Roller war Elvis nicht, auch wenn er in gewissem Sinn den Urknall dieser Musik auslöste. Wie die meisten glaubte er nicht an den Rock’n’Roll und wechselte bald zu Countrysongs, schmalzigen Liebesliedern und Schlagern aller Art. 1960 erschien er Arm in Arm mit Frank Sinatra auf der Bühne, und letztlich war er wie Sinatra, Bing Crosby, Perry Como oder Peggy Lee vor allem eine Showbusiness-Größe. Dafür sorgte nicht zuletzt sein gewissenloser Manager, „Colonel“ Tom Parker. Als Präsident Richard Nixon Elvis Anfang der 70er Jahre eine Audienz im Weißen Haus gewähren wollte, zeigte sich Parker großzügig: Für den Präsidenten werde er sich mit einer Gage von 25 000 Dollar begnügen, aber klar sei: Umsonst tritt Elvis nirgendwo auf!




Wie bei anderen großen Popstars wie Marilyn Monroe oder John F. Kennedy ranken sich um den Tod von Elvis Presley viele Geheimnisse. Gesichert scheint zu sein, dass er um 14.15 Uhr im Badezimmer seines Anwesens gefunden wurde – von wem, ist schon strittig. Er lag vor seiner Toilettenschüssel, die Hose seines grünen Pyjamas war heruntergelassen. Er war übergewichtig, litt unter Darmverschluss, Leber- und Herzproblemen, aber die Autopsie gibt „multiple Einnahme von Medikamenten“ als Todesursache an. Offiziell nahm er keine Drogen, rauchte und trank wenig, aber unter den Medikamenten, die er ständig brauchte, waren Amphetamine, Morphine und Opiate. Ohne Aufputschmittel konnte er zuletzt nicht auftreten, ohne Beruhigungsmittel hinterher nicht wieder runterkommen und in der Nacht nicht schlafen. Er brauchte Spritzen für seine Stimme, etwas zur Befreiung seiner Atemwege, Kreislaufmittel, Abführmittel und Appetitzügler. Im Schnitt nahm er 20 Medikamentendosen pro Tag. Er war schwer medikamentenabhängig und wurde nur 42 Jahre alt.




Elvis war ein Familienmensch und liebte es, großzügige Geschenke zu machen. Aber er herrschte über sein Reich wie der Sonnenkönig Louis XIV. Ex-Gattin Priscilla erinnerte sich: „Alle standen im Wohnzimmer herum und redeten und lachten, bis Elvis auftauchte. Sobald er da war, wurde es still im Raum, bis man wusste, in welcher Stimmung er sich befand. Niemand, und das galt auch für mich, wagte es, einen Scherz zu machen, bevor er selbst lachte – und dann lachten wir alle.“ Aber trotz all seines Starruhms wurde Elvis mit der Zeit immer einsamer, immer gelangweilter, alles kam ihm sinnlos vor.




Seit 1964 beschäftigte er sich viel mit Religionen und Esoterik. Er suchte ein „Selbstverwirklichungszentrum“ eines Gurus bei Hollywood auf und ließ sich von seinem Friseur in die New-Age-Philosophie einführen. Von seiner Herkunft her war er auch vom Christentum geprägt und las viel in der Bibel. Die wichtigste Botschaft darin hat er aber offenbar nie verstanden: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern gerettet werden.“ (Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 16). Es heißt, der „King“ sei unsterblich, aber Elvis ist tot und begraben – Jesus lebt.


Andreas A.

Kommentare

  1. ali

    Sicherlich kennst du die Lieblingsmusik von Elvis? Es war Gospel. Leider hat er auch um des schillernden Ruhmes Willen den Herrn verraten.
    Elvis und Jesus zu vergleichen ist wohl ein wenig daneben gegriffen. Aber einem Fan wie dir sei verziehen.
    Hier ein kleiner Hinweis wer Jesus war: Simon Greenleaf, eine Autorität auf dem Gebiet der Rechtswissenschaften an der Harvard Universität, die Glaubwürdigkeit der Auferstehung anhand der Autoren des Evangeliums untersucht hatte, kam er zu dem Schluß: “Es wäre für sie unmöglich gewesen, die Wahrheit, von der sie berichteten, so beharrlich zu wiederholen, wenn Jesus nicht wirklich von den Toten auferstanden wäre und sie sich über diese Tatsache genauso sicher waren wie über andere Fakten.”
    John Singleton Copley, der als einer der größten Rechtsgelehrten der englischen Geschichte anerkannt ist, sagte: “Ich weiß ganz genau, was ein Beweis ist; und ich sage Ihnen, daß so ein Beweis, wie der für die Auferstehung, bisher nicht widerlegt werden konnte.” http://www.whoisjesus-really.com/german/whois.htm

  2. Der Dude

    Also erst einmal ist Elvis heimlich nach Washington geflogen um sich eine Dienstmarke der Bundes-Drogenbehörde zu besorgen (was für eine Ironie), er sammelte Sherrifsterne u.ä., er ist dabei aber nirgendwo für den Präsidenten Nixon aufgetreten. Von der Aktion hat Colonel Parker gar nichts gewusst, es waren nur seine Kumpels Sonny West und Jerry Schilling dabei. Ferner gefällt mir nicht, wie verachtend hier über einen sehr feinen und wertvollen und grossartigen Menschen schreibt.
    Und was soll das mit Jesus? Jesus ist auch tot, ein armer Zimmermannsjunge, der eine Vision einer besseren Welt hatte, leider dumm aufgefallen ist und von der damaligen Obrigkeit zur Strecke gebracht wurde. Daraus wurde dann diese Religion gestrickt, zusammengewürfelte Märchen und von Hören sagen nach 100 Jahren aufgeschriebene Geschichten mit mehrmaliger Umdeutung und “optimierung” um das gemeine Volk zu unterdrücken.
    Nochmals zu Elvis, der ist auch tot, hat aber niemals von sich behauptet er sei der “King”, da hat Elvis selbst immer gesagt, “Ich bin nicht der King, Jesus ist der King”. Tja, nobody is perfect.
    Es könnte dann aus Elvis ebenfalls eine Religion werden, wenn sich genug Menschen finden, die daran Glauben wollen und schon haben wir in 100 bis 200 Jahren die ersten Bücher über den Heiligen Elvis. Oder eher nicht, da es heutzutage nicht mehr so einfach wäre die Menschheit mit einer neuen Religion zu verarschen.

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