Der Weihnachtsmann, Mr. X und Jesus

Wenn naive Gemüter von Gott reden, stellen sie sich so eine Art Superweihnachtsmann vor, der über allem schwebt. Wenn Philosophen von Gott reden, dann sprechen sie von einem absoluten Seienden, von der ersten Ursache, vom großen X, das hinter allem steht. Wenn Christen von Gott reden, dann reden sie von einem Menschen, der unter uns ist. Über das absolute Seiende kann man debattieren, aber darüber kann man nicht glücklich werden.

Zum Glück brauchen wir uns mit solchem abstrusen Zeug wie dem großen X nicht abzuschinden. Da brauchen wir nicht erst Philosophie zu studieren, um mitreden zu können. Die Mühe nimmt Gott uns ab. Da kommt er uns entgegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist überhaupt nicht nötig, daß wir uns eine Vorstellung von Gott machen, denn Gott hat sich nach der Vorankündigung durch die Propheten und Johannes den Täufer zu Weihnachten höchstpersönlich vorgestellt. Dabei hat es sich herausgestellt, daß er garnicht der große unbekannte Mister X ist, sondern daß er zum Beispiel einen Namen hat wie andere Leute auch. Jesus heißt er. Denn Gott, der Schöpfer der Welt, der uns in seiner Größe und Ferne unerreichbar und unvorstellbar ist, ist uns zu Weihnachten hautnah auf die Pelle gerückt.

Mehr noch: Er kommt uns unter die Pelle. Er geht uns jetzt buchstäblich unter die Haut: Gott selbst steckt in der Haut eines Menschen. Das ist die ganze Botschaft von Weihnachten: Gott ist Mensch geworden. Mit diesem Satz steht und fällt das ganze Christentum. Gottes Wahrheit liegt nicht in einer leeren Begriffshülse, sondern in einer Futterkrippe auf einer Handvoll leerem Stroh. Es ist eine Wahrheit, die wirklich Hand und Fuß hat. "Ich", so hat Jesus später von sich gesagt, bin die Wahrheit".

Er hat nie ein Buch geschrieben. Er hat nie eine akademische Vorlesung vor Studenten gehalten. Er hat keine philosophische Vereinigung, keine politische Partei gegründet. Er hatte keine Armee, keine Leibgarde, kein Geld. Der Mann, nach dessen Geburtsjahr wir die Jahre zählen, dem Millionen Menschen folgen und himmlische Wesen dienen, war Zeit seines Lebens ein armer Hund. Er sagte von sich selbst, daß er nicht mal ein eigenes Bett hatte. Er wurde geboren in einer geborgten Futterkrippe. Er predigte in einem geborgten Boot. Er ritt auf einem geborgten Esel. Er hielt sein letztes Abendmahl in einem geborgten Saal. Er wurde begraben in einem geborgten Grab. Er beanspruchte nichts für sich. Der einzige Raum, den er beansprucht, ist das menschliche Herz.

Als seine Mutter Maria in Bethlehem ein Eckchen für ihn suchte, da hieß es: "Es ist nichts mehr frei." Heute haben immer noch Millionen Menschen keinen Platz für Jesus. Sie ahnen nicht, daß die Lösung seines Wohnungsproblems die Lösung ihres Lebensproblems ist. Hätte Jesus bei ihnen mehr Platz, hätten sie weniger Probleme. Hätten sie für ihn mehr übrig, würden sich viele ihrer Sorgen erübrigen. Die Frage ist: Wieviel Platz hat Jesus in uns?

Wir räumen ihm gern ein Plätzchen ein, ein Plätzchen am Rande. Ein Weihnachtsplätzchen. Dazu reicht's allemal. Aber zu mehr eben nicht. Und Jesus will mehr. Er will in unserem Leben nicht in der frommen Ecke stehen, wie ein Feuermelder, der unbeachtet in der Kellerecke hängt und nur benutzt wird, wenn's mal brennt. Nein, er möchte im ganzen Haus wohnen, in allen Räumen, in allen Winkeln. Er möchte überall dabeisein bei allem, was sich in unserem Leben abspielt. Aber da spielt sich bei vielen leider nichts ab. Sie haben für ihn eine Krippe, aber kein Heim. Sie geben ihm ein bißchen, aber nicht alles. Dabei kommt alles darauf an, daß wir ihm alles übergeben, alle Schlüssel, ihn ganz in unser Leben hereinlassen. Er soll nicht nur irgendeinen Platz, sondern den ersten Platz in unserem Leben bekommen, die ganze Herrschaft.

Damals, in Bethlehem, war kein Platz für Jesus. Es war kein Platz mehr frei in der Herberge. Das soll sich in unserem Leben nicht wiederholen! Also: Lassen wir ihn herein! Ob Jesus in unserem Leben wohnt, das ist die Frage, um die es zu Weihnachten geht. Zu Weihnachten geht es um die Machtfrage: Wer ist bei uns der Herr im Hause?

Das Johannesevangelium erzählt die Weihnachtsgeschichte so:
"Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden."

Quelle: Dr. Theo Lehmann