Es gibt Stücke, Werke, Künste, die uns gegeben sind zur Interpretation. Künstler legen oftmals selbst keine direkten Gedankengänge offen, damit wir zum Nachdenken kommen. Man könnte es als Wesenszug von Kunst beschreiben, dass sie zu Denken gibt.
Bachs Stücke wurden tausendfach interpretiert, nicht nur musikalisch, sondern auch textlich. Sie wurden rauf und runter gespielt, sie wurden anders ausgelegt. Joshau Bell, einer der zur Zeit besten Geiger der Welt, spielt Bach anders und erzählt andere Geschichten zu seinen Stücken als Ann-Sophie Mutter, ebenfalls berühmte Violinistin.
Bach schrieb einmal ein sehr unbekanntes Stück, das durch Unvollendung hervorstach. Er baute viele Tonleitern ein, die beim vorletzten Ton, der aufleitende Ton zur vollständigen Tonleiter, endeten. Wenn du dir eine Tonleiter vorsingst, und beim vorletzten Ton aufhörst, ohne den letzten Grundton zu singen, dann fühlst du, dass etwas unvollendet ist. Es ist nicht fertig, es entsteht eine Sehnsucht nach dem letzten Ton. Viele ließen sich schon über diesen letzten aufleitenden Ton aus, es ist der Ton, der den Hass erklärt, er erweckt Sehnsucht, er ist der Ton, er uns hilflos zurücklässt, bis wir von dem letzten Ton erlöst werden.
Einige Interpreten meinten Ende des 19. Jahrhunderts, es sei die “Arbeiterklasse, die immer nach oben strebt, aber nie ankommt.” In anderen Zeiten war es die Natur, die in ihrer Schönheit doch irgendwie unperfekt ist. In der Klassik und in der Romantik waren die Leute über dieses Lied verschiedener Meinung. Sie hatten unterschiedliche Interpretationen von ein und demselben Stück. Bis man fand, was Bach über sein eigenes Werk selbst schrieb. Dann war alles klar:
“Dieser vorletzte Ton ist die Aufleitung zur Vollendung. Es ist Jesus am Kreuz. Sein Werk war dort noch nicht abgeschlossen, es fehlte der letzte Akt. Seine Auferstehung.” Seine Interpretation des eigenen Stücks war die Wahrheit, es war der Autor, der über sein Werk sprach.
Wir haben das vielleicht alle schon gehört: “Das ist doch nur deine Interpretation.” Wir hören es überall, vielleicht mitten in einer Konversation über moralische Fragestellungen wie Abtreibung oder Homosexualität und ihre Beziehung zur Bibel. Denen, die so ihren Standpunkt ausdrücken sollte einmal gesagt sein: “Das ist doch nur DEINE Interpretation der Bibel.”
Nun, wie können wir solchen Personen antworten? Hier einige Punkte:
1.Freundlich gefragt: “Meinst du, dass deine Interpretation meiner vorgezogen werden sollte? Wenn dem so ist, dann möchte ich gerne wissen, warum du deine Interpretation meiner vorziehst. Du musst ja gute Gründe dafür haben.”
2. Erinnere deinen Gesprächspartner daran, dass du gewillt bist ebenfalls deine Gründe für deine Position darzulegen und nicht einen Standpunkt willkürlich einnimmst.
3.Versuche deinem Gesprächspartner zu verdeutlichen, dass er auf keinen Fall eine Interpretation annehmen darf, weil er die andere Position nicht mag. Erinnere ihn daran, dass es viele Wahrheiten gibt, die wir akzeptieren müssen, ohne dass es interessiert, ob wir sie mögen oder nicht.
4. “Es gibt keine absolute Wahrheit, nur Interpretationen” ist eine Aussage, die schon allein präsentiert wird als Fakt. Wenn es nur eine Interpretation ist, dann gibt es keinen Grund, diesen Vorwurf überhaupt ernst zu nehmen.
Oft ist eine Diskussion mit solchem Ausgang, dass auf Interpretationen verwiesen wird oder etwa darauf, dass es keine absolute Wahrheit gibt, nur Folge von schlechten Gefühlen, die mit der Wahrheit verbunden werden. Oder weil die Leute einfach keine Lust haben über Wahrheiten zu reden. Toleranz wird einfach als gut charakterisiert, weil dadurch keine schlechten Gefühle beim Anderen erzeugt werden. Aber ist sie deshalb richtig? Echte Toleranz, die dem Menschen etwas hilft, ist ein grundlegender Respekt vor der anderen Person, die aber trotzdem in Wahrheit mit dem Gegenüber umgeht. Das ist auch eine Toleranz, die Gott von uns fordert. Er möchte nicht, dass wir verurteilen, trotzdem darf Toleranz nicht dazu führen, dass wir generell aufhören zu urteilen.
Als letzte Instanz, das lehrt uns die Geschichte von Bach, gilt, dass wir den Autor des Lebens selbst fragen. Zu viele Menschen versuchen die Bibel zu interpretieren, ohne sie gelesen zu haben. Sie reden über Dinge, von denen sie gar nicht reden können. Das ist in etwa so, über Bachs Werke zu reden, ohne sie überhaupt gehört zu haben. Das ist unmöglich. Wenn du über die Bibel reden willst, dann musst du sie zuerst lesen und ernst nehmen.
Jesus sagt in Johannes 8,45 über dieses Thema:
Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht.
Es ist realistisch, dass wir deshalb nicht an Wahrheit glauben, weil wir sie nicht mögen. Genau das bemerkt hier Jesus. Sie mochten zwar seine Person, er hatte eine besondere Ausstrahlung, aber als er Wahrheit redete, fingen sie an, sich von ihm abzukehren. Doch machen unsere Gefühle eine Wahrheit unwahr?
