1905 formulierte Einstein seine spezielle Relativitätstheorie. U . a. wurde ausgesagt, daß es keinen absolut starren Körper in strengem Sinne gibt und die Länge der wirklichen Körper von ihrer Geschwindigkeit abhängt. Je schneller z. B. ein Maßstab bewegt wird, desto mehr verkürzt er sich. Analoges gilt auch für die Zeit.
Der Gang einer Uhr beispielsweise hängt von der Geschwindigkeit ab. Je schneller also die Uhr bewegt wird, desto langsamer läuft sie, verstreicht sozusagen die Zeit.
Bei Lichtgeschwindigkeit, die ein Körper mit Ruhemasse allerdings nicht erreichen kann*, kommt sie überhaupt zum absoluten Stillstand. An einem einfachen Beispiel demonstriert, heißt dies: Wenn ich im Auto mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h fahre, so verkürzt sich die Länge des Wagens, und der Zeiger meiner Armbanduhr bewegt sich langsamer; bei solchen Geschwindigkeiten allerdings in Größenordnungen, die auch mit genauesten Instrumenten unmöglich zu messen sind.
Meßbar werden diese Veränderungen erst, wenn man sich der Geschwindigkeit des Lichtes nähert. Wir zitieren hier ein Beispiel des Physikers Pascual Jordan, das die erwähnten Absonderlichkeiten sehr gut illustriert.
„Man denke sich, daß ein Raumschiff von der Erde aus in den Weltraum hineinfährt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit, fast gleich derjenigen des Lichtes. Dann kann es — die Fahrgeschwindigkeit muß nur groß genug (nämlich 0,05 °/ 0 0 weniger als die Lichtgeschwindigkeit) sein — passieren, daß die Besatzung nach einjähriger Fahrt zur Erde zurückkehrt: Ihre im Raumschiff mitgenommenen Uhren haben gerade die Zeit von einem Jahre abgemessen, ihre für ein Jahr mitgenommenen Lebensmittel sind gerade verbraucht, und ihre Haare sind gerade so viel grauer geworden, wie man das nach den Strapazen einer einjährigen Weltraumreise erwarten muß. Aber auf der Erde angekommen, findet die Besatzung, daß dort inzwischen die Menschheit um 100 Jahre älter geworden ist.”
Weiter sagt Pascual Jordan: „Das sind sehr merkwürdige Behauptungen, und unser vom Gewohnten allzu schwer loskommendes Denken ist zunächst leicht geneigt, hierin einen vollkommenen Widerspruch zu sehen.
Aber das ist ein Vorurteil: (Man beachte diese Formulierung eines Physikers.) Alle diese Behauptungen bilden ein in sich geschlossenes und widerspruchsfreies, logisches System, und zwar ein System, das nicht der Phantasie entstammt, sondern sich auf die unumstößlichen Tatsachen experimenteller Erfahrung gründet.”
Es soll hier nicht die Relativitätstheorie belegt oder bewiesen werden. Dennoch möchte ich das bereits erwähnte Lehrbuch der Physik noch einmal zu Wort kommen lassen: „Wir haben gesehen, daß eine konsequente Verfolgung der von Einstein entwickelten Vorstellungen zu Ereignissen führt, die erheblich von unserem gewohnten Denken abweichen und zunächst widersinnig erscheinen. Wir müssen uns aber an solche Umgestaltung unseres naturwissenschaftlichen Denk- und Vorstellungsvermögens gewöhnen, weil die Relativitätstheorie sich auf unumstößliche Tatsachen experimenteller Erfahrung gründet. Die Natur richtet sich eben nicht nach unseren Denkgewohnheiten, sondern wir müssen unsere Vorstellungen der Natur anpassen. Es ist oft nicht leicht, sich von der gewohnten menschlichen
Anschauung zu lösen, und wir können deshalb in der Schule diesen Schritt nur zu einem kleinen Teil vollziehen. Eine gründliche Kritik der vorliegenden Erfahrungen zeigt immer wieder, daß die menschliche Anschauung sehr begrenzt ist und leicht in die Irre führt.”
Man beachte diese Aussagen eines Lehrbuchs der Physik. Wenn dies nun für meßbare und sichtbare Realitäten zutrifft, wieviel mehr gilt das für unsichtbare Wirklichkeiten! Als der Herr Jesus einmal mit einem Intellektuellen sprach, erklärte er ihm: „Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde?” (Joh. 3, 12).
Die Natur richtet sich eben nicht nach unseren Denkgewohnheiten, wurde oben zitiert. Gott noch viel weniger. Er paßt in keines unserer Denkschemen. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken” (Jes. 55, 8. 9).
Bezeichnenderweise schrieb Heisenberg: „Schon der bloße Versuch, von den Elementarteilchen ein Bild zu entwerfen und von ihnen in bildlichen Begriffen zu denken, bedeutet, sie total falsch zu interpretieren.”
Die modernen Physiker scheinen dem zweiten Gebotzu gehorchen: „Du sollst dir kein Bildnis machen” —
weder von Göttern noch Protonen, meint Arthur Koestler.
Wenn schon die bildliche Interpretation von Elementarteilchen zu hoffnungslosem Scheitern verurteilt ist, wie sinnlos erst der Versuch, den lebendigen Gott in unsere Vorstellungswelt zu zwängen, nachdem wir schon bei den sichtbaren Realitäten kapitulieren müssen. Es muß einfach zu völlig falschen Begriffen führen. Das zweite Gebot erhält durch die moderne Physik eine ausgesprochene wissenschaftliche Dimension, wenn man dies so formulieren darf.
Wenn Gott sich nicht in seinem Wort, der Heiligen Schrift, offenbart hätte, gäbe es bestenfalls Zerrbilder
von ihm. Auch diese Arbeit ist nur möglich, weil wir in der Bibel die Selbstoffenbarung Gottes besitzen. Interessanterweise haben die Menschen gerade zu dem Thema Gott und Jesus Christus eine Serie von Argumenten parat, und man ist von seinen eigenen Interpretationen überzeugt. Wir sollten erkennen, wie gerade dies in eine totale Sackgasse führen muß. Ein Theologiestudium, das sich nicht auf die Autorität der Bibel gründet, liefert folglich bestenfalls die Kombinationsmöglichkeiten für noch absonderlichere exegetische Entartungen.
So wie durch Projektion vorgeprägter Vorstellungen auf die Natur ein völlig falsches Weltbild entstanden ist, so erhalten in ähnlicher Weise die meisten Menschen ein totales verzerrtes Gottesbild. „Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt zu retten, die daran glauben” (1. Kor. 1, 21). Diese Aussage erscheint nun in einem völlig neuen Licht. Sie zeigt aber auch den Weg, Gott zu erfahren.
In diesem Sinne ist es interessant, daß das griechische Wort für Buße wörtlich „Umdenken” heißt. In dem erwähnten Lehrbuch der Physik wurden wir aufgefordert, unsere Vorstellungen der Natur anzupassen. Unsere Vorstellungen nun den Gedanken Gottes, der Bibel, anzupassen, wäre am allermeisten angebracht und ebenso zwingend logisch. Wir können Gott nicht erfassen, wie uns die Naturwissenschaft praktisch schon bestätigt, wie uns auch der Vers aus dem Korintherbrief wenig
schmeichelhaft mitteilt, Gott aber uns, wenn wir umdenken lernen.
Es ist höchste Zeit — es sei hier ungeschminkt gesagt —, daß wir Buße tun, gerade auch intellektuell gemeint, daß wir zur Heiligen Schrift zurückkehren, sonst verlaufen wir uns hoffnungslos in unseren eigenen theologischen Phantasien und Modellvorstellungen. Die Physik verlangt heute eine intellektuelle Neuausrichtung.
Der lebendige Gott fordert eine Kehrtwendung der ganzen Person.
Alexander Seibel
