
“Es gibt eine Theorie, dass sich Geschichte wiederholt, weil die Enkel und Urenkel sich nicht mehr erinnern. Wer nichts anderes als Wohlstand, Demokratie und politische Stabilität kennt, hält sie für selbstverständlich. Und ist blind für die Anzeichen des Zerfalls – auch wenn sie wie bei uns heute an jeder Straßenecke zu sehen sind: etwa bei einer Bahn, die einst weltweit als Vorbild galt, und heute selbst daran scheitert, Großstädter verlässlich von A nach B zu bringen.
Es gibt Menschen, die feine gesellschaftliche Verschiebungen sehr früh wahrnehmen. Oft haben sie eine stark ausgeprägte Hypersensibilität. Ihre Fähigkeit, Situationen zu „lesen“, ist außergewöhnlich. Sie spüren Spannungen, sie erkennen unbewusste Strömungen, sie analysieren intuitiv, wohin sich eine Gesellschaft bewegt.
Hans-Joachim Maaz, einer der renommiertesten deutschen Psychiater, erklärte mir dazu in einem Interview mit mir vor Jahren eine hochspannende Theorie. In der Gruppendynamik gibt es Alphas, die Anführer, Betas, die Experten und Spezialisten, Gammas, die Mitläufer – und eben Omegas, die Außenseiter.
Omegas sind diejenigen, die in Gruppen unbewusste Wahrheiten aussprechen. Sie bringen Dinge auf den Tisch, die die Mehrheit nicht wahrhaben will. Und genau aus diesem Grund werden sie oft ausgegrenzt. Lächerlich gemacht. Als „Gefährder“ abgestempelt.
Maaz sagte mir: „Diese Omegas sind die wichtigsten in einem gruppendynamischen Prozess. Sie bringen etwas an den Tag, das verborgen ist – was die Mehrheit nicht wahrhaben will.“
In einer gesunden Demokratie wären genau diese Menschen wertvoll. Ihre Warnungen würden in den Medien wiedergegeben, geprüft, diskutiert, in die Entscheidungsfindung einbezogen. Doch in Deutschland werden sie systematisch zerstört.
Warum ist das gerade in Deutschland so schlimm?
Es gibt Länder, in denen der Konsens herrscht, dass Widerspruch ein Zeichen von Vitalität ist. In denen eine streitbare Debatte als Zeichen einer gesunden Demokratie gilt. In denen Menschen mit unpopulären Meinungen eingeladen werden, um ihre Sichtweise zu erklären.
Deutschland gehört nicht dazu.
Deutschland hat eine extreme Kultur des Konformismus. Wer außerhalb der Mehrheitsmeinung steht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern diffamiert. „Corona-Leugner“. „Verschwörungstheoretiker“. „Rechts“. Die Etiketten sind austauschbar – die Methode bleibt gleich. Seit einem Jahrhundert, ja länger. Es geht nicht um Argumente. Es geht um Stigmatisierung. Denn wenn ein Frühwarner recht hätte, wäre das für viele eine Katastrophe. Dann müssten sie sich eingestehen, dass sie sich getäuscht haben.
Psychiater Maaz beschreibt diesen Mechanismus brillant:
„Die Angst, sich selbst einzugestehen, dass man die Realität falsch eingeschätzt hat, ist enorm.“
Und weiter: „Deshalb richtet sich die Aggression nicht gegen die Ursache der Krise – sondern gegen die, die davor warnen.“
Das erklärt, warum in Deutschland alle großen Krisen immer nach demselben Muster verlaufen. Die Frühwarner warnen. Sie werden diffamiert, sozial isoliert, als „Spinner“ abgestempelt. Nach Jahren stellt sich heraus, dass sie zumindest in Teilen recht hatten. Und dennoch: Es gibt keine Entschuldigung. Kein Eingeständnis. Nie. Siehe Corona.
Stattdessen wird einfach – wenn überhaupt – das Narrativ angepasst – und diejenigen, die vorher diffamiert wurden, werden ignoriert. Ein Staat, der unliebsame Wahrheiten unterdrückt, ist kein freier Staat. Eine Gesellschaft, die ihre „Kanarienvögel“ tötet, beraubt sich ihrer Frühwarnsysteme. Und eine Demokratie, die Kritiker nicht ernst nimmt, sondern zerstört, ist am Ende keine mehr.
Die brennende Frage ist: Wie lange lassen sich Menschen täuschen, bevor sie verstehen, dass sie die ganze Zeit manipuliert wurden und werden? Die Geschichte zeigt: Meistens so lange, bis es zum totalen Zusammenbruch, zur totalen Katastrophe kommt.
Der Kanarienvogel singt noch. Die Frage ist nur, ob jemand zuhört – oder ob man ihn lieber aus der Mine holt, damit Ruhe ist.” Reitschuster.de
In Matthäus 3,10 ruft Johannes der Täufer den von Gott abgefallenen Menschen zu:
„Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum also, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“
