“Durch die Adern des neuen britischen Königs fließt auch das Blut des Propheten der Muslime Mohammed – das geht aus “Burke’s Peerage” hervor, der Genealogie des britischen Adels. Die arabischen Könige von Sevilla beriefen sich auf das Erbe – und die Verwandtschaft – des Begründers des Islam. Über die europäischen Könige von Portugal und Kastilien gelangte dieses Erbe im 16. Jahrhundert an König Eduard IV. und so in den britischen königlichen Stammbaum. Darauf wies 1986 der Herausgeber des “Burke’s” die damalige Premierministerin Margaret Thatcher hin – allerdings nicht, um den interreligiösen Dialog zu fördern: “Die direkte Abstammung der königlichen Familie vom Propheten Mohammed kann nicht als Garantie dafür dienen, dass die königliche Familie für immer vor muslimischen Terroristen geschützt ist”, auch wenn alle muslimischen religiösen Führer darauf stolz seien, warnte Harold Brooks-Baker.
Für Charles steht das religiöse Erbe des Islam höher als die Furcht vor religiösem Terrorismus. Als 1989 der iranische Ajatollah Ruhollah Chomeini seine Fatwah über den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie aussprach, warb Charles als erstes nicht für Redefreiheit, sondern um Verständnis für den Islam, den er gegen seine Instrumentalisierung für Gewalt in Schutz nahm. Der Islam leide darunter, dass Extremisten sein Bild prägten. “Die Leitprinzipien und der Geist des islamischen Rechts, die direkt aus dem Koran entnommen sind, sollten von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit geprägt sein”, betonte er 1993 bei einer Rede in Oxford, wo er Schirmherr des Zentrums für Islamische Studien ist, nicht von den brutalen Interpretationen einer fundamentalistischen Minderheit.
Für den Ökologen Charles scheint der Islam ein Gegenbild zu einer materialistischen westlichen Weltsicht darzustellen, die zu Umweltzerstörung und Vereinzelung führt. “Der Islam kann uns heute eine Art und Weise lehren, die Welt zu verstehen und in ihr zu leben, die das Christentum verloren hat, weil es ärmer ist”, sagte er in derselben Rede. Für ihn steht im Kern des Islams die Bewahrung einer ganzheitlichen Sicht des Universums. Der Islam weigere sich wie der Buddhismus und der Hinduismus, “Mensch und Natur, Religion und Wissenschaft, Geist und Materie voneinander zu trennen”, und habe “sich eine metaphysische und einheitliche Sicht auf uns selbst und die Welt um uns herum bewahrt”, so der Thronfolger.
In derselben Rede wird auch eine andere Überzeugung des Thronfolgers deutlich: Die Faszination für Irrationalismus und Esoterik. Der Westen habe seine ganzheitliche Sicht “mit Kopernikus und Descartes und der Ankunft der wissenschaftlichen Revolution” verloren. Nicht nur bei dem Oxforder Islam-Institut fungiert er als Schirmherr, 2019 kam auch ein Patronat für die “Faculty of Homeopathy” dazu, die britische homöopathische Gesellschaft.
„Die islamische Welt ist die Hüterin eines der größten Schätze an Weisheit und spirituellem Wissen, die der Menschheit zur Verfügung stehen. Es ist sowohl das edle Erbe des Islam als auch ein unbezahlbares Geschenk an den Rest der Welt. Und doch wird diese Weisheit heute so oft durch den vorherrschenden Drang zum westlichen Materialismus verdunkelt – das Gefühl, dass man den Westen nachahmen muss, um wirklich “modern” zu sein.“
Zitat: Prince Charles in Oxford, 2010
“Die Faszination für den Islam ging für Charles sogar so weit, dass er eine Zeitlang versuchte, Arabisch zu lernen, um den Koran im Original lesen zu können – aber ohne Erfolg. “Es geht mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus”, sagte er über die ihm fremde Sprache. 2010, wiederum in Oxford äußerte er sich erneut zu Islam und Ökologie. Es gebe eine tiefe Wahrheit in einem Sprichwort der Nomaden: Die beste aller Moscheen ist die Natur selbst.”
In der Rede gab Charles auch Einblick in sein Gottesbild: Gott werde als Wesen außerhalb seiner Schöpfung gesehen, kritisierte er, dabei sei Gott Teil der Entfaltung der Schöpfung: “Als das Prinzip, das den Kosmos unterstreicht, ist der Kosmos das Ergebnis davon, dass Gott ihn kennt und dass er den ungeschaffenen Gott kennt”, erläuterte der Prinz halb kryptisch, halb mystisch.
Zuletzt Ende 2021 hatte Charles Ägypten und Jordanien bereist. Es war der erste größere Besuch nach der durch die Pandemie erzwungenen Einstellung der royalen Reisediplomatie. Nicht nur, um über die Klimakrise zu sprechen. Auch der Besuch heiliger Stätten und interreligiöse Veranstaltungen standen auf dem Programm. Der Thronfolger wollte sich dort auch für Religionsfreiheit aussprechen. Schon Jahre zuvor äußerte er sich besorgt angesichts der Verfolgung von Christen im Nahen Osten.
Erste Amtshandlung völlig säkular
Als König beginnt die Amtszeit von Charles trotz seiner Offenheit und seiner Sympathien für andere Religionen zunächst durch und durch in der anglikanischen Tradition. Bei seiner Krönung wird er in der Westminster Abbey gegenüber dem Erzbischof von Canterbury, dem geistlichen Oberhaupt der Anglikaner, den Amtseid ablegen. Mit Gottes Hilfe muss er schwören, die Kirche von England, ihre Lehre und ihre Privilegien zu verteidigen – so hieß es jedenfalls im Amtseid seiner Mutter. Seither ist auch im Staatskirchenrecht Bewegung. Seit wenigen Jahren können britische Monarchen auch Katholiken heiraten. Bei den letzten beiden Krönungen führte die gegenteilige Regelung noch dazu, dass die katholischen Bischöfe ihnen fernblieben. Bei Charles Krönung dürften sie anwesend sein.
Wie er als König eigene religiöse Akzente setzt, wird sich zeigen: Die Person dürfte auch hier hinter dem Amt zurücktreten. Statt großer Reden sind wohl eher subtile Gesten zu erwarten. Die erste öffentliche Amtshandlung von Charles III. jedenfalls ließ den Glauben völlig außen vor: Das am Todestag der Königin veröffentlichte Statement seiner Majestät des Königs kam ganz ohne religiösen Bezug aus. “In dieser Zeit der Trauer und des Wandels werden meine Familie und ich durch das Wissen um den Respekt und die tiefe Zuneigung, die der Königin entgegengebracht wurde, getröstet und gestärkt”, hieß es in der vom Palast verbreiteten Erklärung. Kein Trost aus dem Glauben, keine Hoffnung auf das kommende Königreich, auf das Elisabeth II. hoffte.
Mit seiner ersten Rede ans Volk am Tag darauf steuerte Charles dann schon leicht um und verpflichtete sich auf Kontinuität – auch was das staatskirchliche System angeht. “Auch die Rolle und die Pflichten der Monarchie bleiben bestehen, ebenso wie die besondere Beziehung und Verantwortung des Souveräns gegenüber der Kirche von England – der Kirche, in der mein eigener Glaube so tief verwurzelt ist”, versicherte der neue König: “In diesem Glauben und den von ihm inspirierten Werten bin ich dazu erzogen worden, ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber anderen zu hegen und die wertvollen Traditionen, Freiheiten und Verantwortlichkeiten unserer einzigartigen Geschichte und unseres parlamentarischen Regierungssystems mit größtem Respekt zu betrachten.”
Auch der sehr persönliche Abschied von seiner geliebten Mutter, von seiner “darling Mama”, erhielt eine spirituelle Einkleidung. “May flights of Angels sing thee to thy rest”, “Mögen Engelscharen singen dich zur Ruh’!”, schloss er seine Rede. Auch wenn hier die christliche Antiphon “In paradisum” anklingt – “Zum Paradies mögen Engel dich geleiten”: Es sind Horatios Worte an den toten Hamlet. Charles zitiert nicht die Bibel, nicht die christliche Tradition, sondern Shakespeare.”
Von Felix Neumann/katholisch.de
