Die Bibel des Salzburgers und der Wolf.

Die Bibel des Salzburgers Vertrieben um des Glaubens willen Am 31. Oktober 1731 erließ der katholische Erzbischof Firmian von Salzburg in Österreich ein »Emigrationspatent«. Dadurch wurden 20 288 evangelische Bürger aus dem Pongau im Salzburger Land um ihres evangelischen Glaubens willen grausam vertrieben. Der gläubige Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der von 1688 bis 1740 lebte, nahm die vertriebenen Salzburger in seinem Lande auf und siedelte sie in Ostpreußen an. Von den 20 288 Vertriebenen kamen 805 Salzburger auf dem langen und beschwerlichen Weg von Österreich nach Ostpreußen ums Leben. In den ersten Jahren in Ostpreußen starben nochmals 3 559 Evangelische an den erlittenen Strapazen der langen und gefahrvollen Reise. Eine Familie aus dem Salzburger Land ließ ihren heranwachsenden Sohn Rupert in der Hoffnung zurück, dass sich die Zeiten viel-leicht einmal ändern würden und sie in die Heimat zurückkehren könnten. Der Junge war bereits gläubig und erhielt von seinen Eltern die alte, schwere Hausbibel die einen starken Einband mit einem eisernen Verschluss hatte. Diesen kostbaren Schatz versteckte Rupert in einem hohlen Baum im Garten. Oft las er darin, aber immer heimlich, damit er nicht von den fanatischen katholischen Leuten des Dorfes gesehen wurde, die ihn sofort beim Bezirkshauptmann der Stadt angezeigt und ins Gefängnis gebracht hätten. Nach einigen Jahren starb die gute Tante, die bis dahin den Haushalt geführt und ihn trotz seines evangelischen Glaubens wie einen Sohn geliebt und behandelt hatte. Der Onkel heiratete wieder, eine im Dorf berüchtigte Frau, die schwarze Josepha. Diese merkte bald, dass der Junge heimlich in der Bibel las und zeigte den jungen Evangelischen sofort an. Rupert musste fliehen .Schnell holte Rupert seine kostbare Bibel aus dem Versteck, packte sie in seinen großen Rucksack und verließ heimlich sein Elternhaus. Er wollte lieber seine Heimat Österreich verlassen, als seinen Glauben an den Herrn Jesus Christus verleugnen. So ging er den gleichen, langen Weg nach Ostpreußen. Seine Eltern und Geschwister, waren mit den anderen Salzburgern vor ihm ebenfalls diesen Weg gezogen. Er wollte jetzt nach Ostpreußen und hoffte dort seine Familie zu finden. Durch die Gnade Gottes wurde er auf dem monatelangen Weg ganz wunderbar bewahrt.Viele barmherzige Menschen hatten Mitleid mit dem armen Flüchtling und gaben ihm Nahrung und Unterkunft auf dem Weg nach Ostpreußen .Frühling, Sommer und Herbst gingen dahin und bald wurde es Winter. Der junge Salzburger mit seiner kostbaren Bibel auf dem Rücken war immer noch unterwegs. Als er Ostpreußen endlich erreichte, traf er hier und da freudig überraschten Salzburger, die ihn sofort an der an der Sprache erkannten. Bereitwillig wiesen sie ihm den Weg dorthin, wo man seine Eltern und die anderen Bewohner aus seiner früheren Heimat vermutete. In diesem Jahr war der Winter besonders kalt, der Schnee lag meterhoch und es ging mit großen Schritten auf Weihnachten zu. Der junge Rupert wollte Weihnachten so gern bei seinen Eltern und den Geschwistern sein. Dabei kam er auch durch ein völlig unbekanntes Land, in dem es zum Teil gefährlich war. Die größte Gefahr waren die hungrigen Wölfe die durch die eisige Kälte in die Nähe der menschlichen Siedlungen getrieben wurden. Endlich kam er in einen Ort, wo man ihm die letzten Hinweise zu seiner Familie gab. Es war am Nachmittag des Heiligen Abend und er nahm noch einmal alle Kraft zusammen und lief, was er nur konnte, um an diesem Abend endlich bei seinen Eltern und den jüngeren Geschwistern zu sein. Es wurde früh dunkel und in der Ferne hörte er die Wölfe, deren Geheul immer näher kam. Dann wurde es Nacht und er war immer noch nicht zu Hause. Plötzlich sah er die schwarzen Schatten der Wölfe ganz dicht hinter sich! Erschrocken blickte er in die glühenden Augen des großen Leitwolfes der ihm am nächsten war und sich auf ihn stürzen wollte. In seiner Angst schrie er laut auf .Im selben Moment war es ihm, als ob er in der Ferne ein Licht wahrnahm: Dort mussten doch Menschen wohnen! Mit letzter Kraft eilte er auf den Lichtschein zu. Dann aber stolperte er und fiel in den Schnee. Der riesige Leitwolf stürzte sich von hinten auf Rupert und wollte ihm den Hals durchbeißen. Aber der Rucksack mit der schweren Bibel rettete ihm das Leben. Er war ihm beim Hinfallen über den Kopf gerutscht und bewahrte ihn von hinten wie ein Schutzschild. Dann verlor er das Bewusstsein. Das Licht, das er aus der Ferne gesehen hatte, kam von einem Bauernhof, den eine Familie aus Salzburg bewohnte, die seit einigen Jahren in Ostpreußen eine neue Heimat gefunden hatte. Heiligabend war längst vorüber und die Kinder schliefen schon. Da war es dem Hausherrn, als ob er einen schrecklichen Schrei gehört hätte. Schnell nahm er das Gewehr, ging vorsichtig hinaus und sah im Kontrast des weißen Schnees, wie sich ein Wolf auf einen Menschen stürzte. Blitzschnell riss er das Gewehr hoch und schoss. Das Tier brach tot zusammen. Dann schleppte er den Ohnmächtigen ins Haus und schloss sorgfältig die Tür hinter sich zu. Im Schein der Lampe erkannte seine Frau als Erste das Gesicht des Fremden und schrie auf: »Das ist ja unser Rupert !« Ohne es zu ahnen hatte der beherzte Mann seinem eigenem Sohn das Leben gerettet! Als sie ihm den Rucksack abnahmen, sahen sie,’ wie die langen Zähne des Wolfes in den harten Deckel der Bibel gebissen hatten, die ihm im Rucksack über den Kopf gerutscht war. Ohne den Schutz der Bibel hätte der Wolf dem Rupert den Nacken durchgebissen und ihn auf der Stelle getötet! Durch diese Bibel hatte die Familie einst das ewige Leben gefunden und jetzt hatte dieses kostbare Buch dem Sohn auch noch das irdische Leben gerettet. Rupert musste alles erzählen, was er erlebt hatte. Die an-deren Kinder waren wach geworden und sahen mit Erstaunen ihren großen Bruder. Wie wunderbar hatte Gott die Familie wieder zusammengeführt, und nun konnten sie erst recht Weihnachten feiern. Erschüttert und dankbar zugleich priesen sie an diesem Heiligabend den allmächtigen Gott, und der Vater las der Familie die wunderbare Weihnachtsgeschichte, wie Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hatte, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3, 16). Die kostbare Bibel aber, die Rupert Monate lang auf dem Rücken getragen hatte, war und blieb der größte Schatz der Familie.

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