Fromme Stars????

Nicht jeder,der Herr herr sagt ist ein Kind Gottes, sondern wer den

Willen des Vaters tut.

umstrittener Glaube

„Das Blut Jesu hat mich nie enttäuscht“, sagt Bonos Gesicht auf der Leinwand. Nachdrücklich. Ausdrücklich. Eindrücklich. Es ist die Verleihung der DoveAwards 2004, der U2-Sänger hat eine Videobotschaft aus Dublin geschickt. Er dankt den christlichen Künstlern für ihr Engagement im Kampf gegen Aids in Afrika, hält eine feurige Rede über christliche Nächstenliebe. Am Schluss bezieht er sich auf das Lied „Jesus’ Blood Never Failed Me Yet“ von Jars of Clay, erklärt, er sage das jetzt als Fan. Dieses Lied höre er seit einem Jahr beim Autofahren. Und das Blut Jesu habe ihn nie enttäuscht. „God bless you. Goodnight.“ Damit verschwindet das Gesicht von der Leinwand und das neue Öl im Diskussions-Feuer flammt auf. Auf der einen Seite sind da die „Ich hab’s doch immer gesagt, das war ja wohl eindeutig, klar ist er Christ“-Anhänger. Auf der anderen die „Was tut man nicht alles, wenn’s um einen guten Zweck geht“-Kritischen.
Tatsächlich geht es Bono immer, bei allem, was er tut, um einen guten Zweck. Er ist bekannt für sein unermüdliches Engagement für soziale Einrichtungen und Hilfsprojekte, für Gerechtigkeit und Lebensqualität. Er reist um die Welt, besucht höchstpersönlich die Krisengebiete. Und Menschen, die noch mehr Einfluss haben als er selber, um sie unmissverständlich und ungeniert um Hilfe zu bitten. Immer wieder appelliert er dabei auch an die Verantwortung, die Christen für die Welt haben. Und schließt sich selber mit ein.
Irgendwie christlich klingen auch die Liedtexte von U2, oder zumindest könnte man sie so verstehen. Auf der neuen Platte „How To Dismantle An Atomic Bomb“ ist ein Lied ganz an „Yaweh“ gerichtet. Und im Song „Vertigo“ heißt es zum Beispiel: „Ich kann deine Liebe spüren. Sie lehrt mich […] niederzuknien.“ Kann wie viele andere U2-Songs entweder an eine Frau gerichtet sein. Oder eben an Gott.
Soweit alles schön und gut. Jetzt der Haken an der Sache: U2 verwirrt in schöner Regelmäßigkeit die Gläubigen, die gerade glauben wollten, dass die Band-Mitglieder glauben. So zum Beispiel in einem Interview mit dem „RollingStone“ im Jahre 2001. „Ich wünschte, ich wäre Christ,“ sagt Bono da. „Die Idee mit der Gnade fasziniert mich.“ Oder im November 2004. Da warnt der Ire der „New York Times“ gegenüber vor fanatischen Gläubigen: „Man muss sich in Acht nehmen vor Menschen, die behaupten, ihr Glaube sei der einzig wahre. Einseitigkeit in Bezug auf Gott ist gefährlich.“

Beyoncé hat keine Scheu vor Einseitigkeit. Eher vor der Konsequenz daraus. Die R’n’B-Sängerin erzählt immer wieder begeistert von ihrem Glauben, nennt Gott „die Hauptperson in meinem Leben“ und betet jeden Tag. Sie ist Methodistin, bezeichnet diverse Dinge als „wahren Segen“ und baut Hallelujas in ihre Sätze ein, wann immer es sich anbietet. Die Destiny’s Child- und Solo-Sängerin hat in den letzten Jahren eine Bilderbuch-Karriere hingelegt, „ein wahrer Segen“, wie sie sagt. Tatsächlich hat sie ihren Erfolg aber wohl nicht nur Gott zu verdanken. Auch nicht alleine dem musikalischen Talent und der harten Arbeit. Sondern auch ihren eindeutig anzüglichen Auftritten und Posen in „Kurz nach knapp“-Outfits. „Ich glaube fest daran, dass Gott will, dass wir unsere Körper feiern“, reagiert die Texanerin auf kritische Anfragen, „solange wir keine Kompromisse eingehen, was unser Christsein angeht.“ Wo diese Kompromisse anfangen, das scheint Definitionssache zu sein. Zumindest definiert ein Großteil der Christen das anders als Beyoncé Giselle Knowles, wie sie mit vollem Namen heißt. Die 23-Jährige wurde christlich erzogen, die ersten Erfahrungen als Sängerin hat sie im Chor der United Methodist Church in Houston gesammelt. Die gelegentlichen Besuche in dieser Gemeinde, für die sie heute oft Tausende von Kilometern zurücklegt, vergleicht sie mit einer Therapie: „Da kann ich weinen und einfach mal alles rauslassen.“ Und Pastor Rasmus meint: „Das hält sie auf dem Boden.“ Wie bodenständig das Leben von Beyoncé noch ist, wie sie die Affäre mit Rüpel-Rapper Eminem, die ihr nachgesagt wird, und die letzte Beziehung mit Ex-Drogendealer-HipHopper Jay-Z mit der Liebe zu Jesus unter einen Hut kriegt, ist sicher fraglich. Trotzdem, man sollte bei all dem nicht vergessen, dass die Jugendgruppe der Gemeinde in Houston förmlich explodiert ist und dass viele junge Leute zum Glauben gekommen sind. Weil Beyoncé so offen von Kirche und Gott schwärmt.

Von den Mitgliedern von Evanescence noch mal ein ähnlich eindeutiges Bekenntnis zum christlichen Glauben zu hören, scheint momentan eher utopisch. Eins wie früher, genauer gesagt 1998, bevor die Rock-Band wirklich erfolgreich war. Da hat Gründungsmitglied und Gitarrist Ben Moody das Ziel von Evanescence mit den Worten beschrieben: „Wir wollen Musik machen, die wir lieben und sie als Werkzeug benutzen, um anderen Menschen von dem zu erzählen, was Gott in unserem Leben getan hat.“
Ziemlich genau fünf Jahre später macht die Frontfrau derselben Band, Amy Lee, den Lesern der „Entertainment Weekly“ klar: „Es gibt Leute, die der Meinung zu sein scheinen, wir seien eine christliche Band und wollten irgendwelche versteckten Botschaften mit unserer Musik vermitteln. Unsere Musik hat keinerlei spirituellen Hintergrund. Es geht dabei einfach nur um Lebenserfahrungen.“
Was zwischen den beiden Aussagen liegt, ist der Erfolg. Chartplatzierungen für das Album „Fallen“ und den Song „Bring Me To Life“, Welttourneen, Imageberater, Fans, Geld. Und offensichtlich jede Menge Frustration über den christlichen Musikmarkt und Christen an sich. Ben Moody, der die Band später verlässt, benutzt das Wort „fuck“ in Bezug auf christliche Radiosender, woraufhin Evanescences Label Wind-Up die CDs aus dem christlichen Vertrieb zurückzieht.
Und damit sind wir mittendrin in der großen ungemütlichen Definitions- und Business-Schlacht Amerikas. In den USA werden Musiker nämlich nicht gefragt, ob sie Christen sind, sondern ob ihre Band eine christliche Band ist. Was erst mal nach einer einfachen Definition klingt, impliziert aber nicht nur ein persönliches Glaubensbekenntnis, sondern auch die Zugehörigkeit
zu einem bestimmten Markt. Dem christlichen nämlich. Und wer über Kirchengemeinden und christliche Charts hinaus bekannt sein will, wer es geschafft hat, bei einem Label unterzukommen, das eben nicht mehr den „Frommer-Markt“-Stallgeruch trägt, der überlegt sich schon zweimal, ob er sich dieses Etikett wirklich aufdrücken lassen will. Maul halten und größere Erfolgschancen haben oder eindeutig Stellung beziehen zum persönlichen Glauben und die Schubladisierung in Kauf nehmen, die das mit sich bringt, das ist die Frage.

So ist zu begründen, dass Frontmann Scott Stapp nach der Auflösung seiner Band Creed überraschend erklärte, er sei Christ, sei das immer gewesen. Die Tatsache, dass das nie an die Öffentlichkeit gedrungen ist, sei damit zu erklären, dass ihn nie jemand gefragt hätte, ob er Christ sei, sondern alle nur wissen wollten, ob Creed eine christliche Band wäre. Was Stapp dauerhaft dementierte.
Die vorläufige Spitze der inzwischen schon nervigen und lähmenden „Christliche-oder-nicht-Band“-Diskutiererei ist die Tatsache, dass sich unter der Domain notachristianband.com eine Fanpage von Evanescence verbirgt. Auch andere Gruppen, deren Karrieren ihren Ursprung in der christlichen Szene haben und inzwischen weit darüber hinaus gehen, kämpfen gegen die „Christliche Band“-Klischees. P.O.D. zum Beispiel oder auch Lifehouse. Nur haben die es nicht für nötig befunden, derart radikal mit dem christlichen Musikmarkt, Fans und Veranstalter inklusive, zu brechen. Und eine Stacie Orrico oder eine Band wie Switchfoot schaffen es, auch säkular bekannt zu werden und dabei weiterhin klar Position zu beziehen, was ihren Glauben angeht. Und bei zwei Plattenfirmen gleichzeitig unter Vertrag zu sein, einer im christlichen, einer im weltlichen Business, auch wenn das „oft ein Spagat zwischen zwei Welten“ ist, wie Stacie Orrico es beschreibt.

Schade ist, und da sind sich ausnahmsweise mal fast alle christlichen Künstler und Grenzgänger einig, dass überhaupt zwei Welten existieren. Dass Musik nicht einfach als künstlerischer Ausdruck, sondern als kategorisiertes Produkt behandelt wird. Solange das so ist – und zumindest was Amerika angeht, ist nicht absehbar, dass sich daran irgendwann was ändert –, werden bekennende Christen als „christliche Band“ abgestempelt. Und es schwer haben, ihren Glauben konsequent in der großen weiten Musikwelt zu vertreten. Weil das Kompromisslose, das Klare, zurzeit nur wenig Chancen auf Erfolg hat. Ein Lenny Kravitz kann ein Kreuz um den Hals und eine „Mein Herz gehört Jesus Christus“-Tätowierung auf dem Rücken tragen, solange er nur weiter sein Sexgott-Image pflegt. Ein Kanye West kann in dem Lied „Jesus Walks“ von seinem Glauben rappen, wenn er ansonsten weiterhin Schimpfwörter und niveaulosen HipHop-Slang benutzt. Und eine Beyoncé kann eben Werbung für ihre Gemeinde machen, wenn sie das in knappen Klamotten tut und danach schön brav erotisch weitertanzt. Gott bei Award-Verleihungen oder in den Credits der CD-Booklets zu danken, gilt als schick im „christlichen Amerika“. Ein Hauch von Spiritualität ist super, das scheint die gängige Meinung der Musikwelt-Macher zu sein, solange sich das gut vermarkten lässt. Und keine Konsequenzen nach sich zieht.

Sicher ist: Man kann sie nicht alle über einen Kamm scheren, die umstrittenen Grenzgänger. Es wird immer schwierig bleiben, hinter die Kulissen und Vermarktungs-Strukturen zu schauen, ins Herz der Künstler. Und vielleicht sind manche von ihnen auch überfordert damit, dass Antworten von ihnen erwartet werden, die sie selber noch gar nicht hundertprozentig gefunden haben.
Vor einigen Jahren ist in den USA das Buch „Get Up Off Your Knees“ erschienen. Mit Andachten, Gebeten und Meditationen zu Liedern von U2. Typisch amerikanische Geldmacherei, könnte man sagen. Man könnte aber auch ganz neutral feststellen, dass die Lieder von U2 und anderen Grenzgängern seit Jahren Christen weltweit inspirieren, nachdenklich machen und in ihrem Glauben weiterbringen. Ganz gleichgültig, ob sie dafür ursprünglich geschrieben wurden oder nicht. Und vielleicht ist das in der Rätselrunde um christliche oder nicht christliche Musiker der einzige Maßstab, den Gläubige anlegen können. Und die einzige Frage, die letztendlich Sinn macht. Ob das Leben, das der Künstler führt und die Musik, die er macht, mich in meinem eigenen Glauben voranbringen, motivieren und anregen oder nicht. Ob sie mir Anknüpfungspunkte liefern, mit anderen über das ins Gespräch zu kommen, woran ich selber glaube. Und darüber hinaus sind die besten Vorbilder meistens ja sowieso nicht die, die aus Zeitschriften oder von Leinwänden, sondern die, die direkt in mein Leben rein sprechen.
jesus.de

Kommentare

  1. Mir

    Danke für diesen Artikel, ist, wenn auch etwas veraltet, sehr gut. Ist ein wirklich kompliziertes Thema weil man den Mitgliedern der Bands leider/ glücklicherweise nicht ins Herz schauen kann.

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