Eigentlich ist das Fehlen von Grundwissen über Geistesgeschichte auch keine Ausrede für Ignoranz. Der Blick auf ein paar der ganz Großen der Wissenschaftsgeschichte sollte eigentlich ausreichen, um zum Nachdenken anzuregen, und deren Namen muss man kennen: Von Blaise Pascal und Isaac Newton bis zu Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg. Kaum einer der Begründer moderner Wissenschaft war Agnostiker oder Atheist. Charles Darwin war ein gläubiger Mensch; Gregor Mendel, der Vater der Vererbungslehre, war sogar ein katholischer Priester, ebenso wie George Lemaître, der begnadete Physiker, auf den die Urknalltheorie zurückgeht.
Da muss sich manch ein Religionskritiker warm anziehen, wenn er glaubt, mit ein paar abschätzigen Bemerkungen Glaube und Wissenschaft als unvereinbar hinzustellen. Wenn die wirklich Großen auch gläubige Christen waren, muss man da nicht mit dem Nachdenken anfangen? Werner Heisenberg wird ein unsterbliches Bonmot zugeschrieben, das sinngemäß besagt, nur bei geringem physikalischem Wissen scheine die Wissenschaft für den Atheismus zu sprechen; bei tieferer Kenntnis finde man zum Glauben.
Es fällt auf, dass keiner der großen Protagonisten des Atheismus Naturwissenschaftler war oder wenigstens ein angemessenes Verständnis für Physik, Biologie, Chemie oder Astronomie hatte. Nach solchen Multitalenten sucht man unter den „großen Namen“ atheistischer Weltanschauungen vergeblich – von Feuerbach und Marx über Nietzsche und Sartre bis zu Foucault und deren Epigonen. Ihr Verständnis für Naturwissenschaft war und ist nicht sehr ausgeprägt. Von all den düsteren Legenden über die böse Kirche, die Wissenschaft unterdrückt habe, waren sie gleichwohl zutiefst überzeugt – oder sie taten wenigstens so.
Autoren wie Wilhelm von Ockham (ca. 1295-1349) wussten im Übrigen schon – die Irrtümer antiker Philosophen überwindend – dass sich die Himmelskörper im luftleeren Raum bewegen.
Autoren wie Wilhelm von Ockham (ca. 1295-1349) wussten im Übrigen schon – die Irrtümer antiker Philosophen überwindend – dass sich die Himmelskörper im luftleeren Raum bewegen. Die Grundlagen unserer Wissenschaft wurden im Hochmittelalter gelegt – nicht in der Renaissance oder gar der Aufklärungszeit. Das Prinzip wissenschaftlicher Beweisführung, der Verifizierung oder Falsifizierung von Theorien findet sich in reifer Form bei Albertus Magnus (1200-1280), einem Universalgelehrten (und zeitweise Bischof von Regensburg). In England waren es Robert Grosseteste (ca. 1168-1253) und Roger Bacon (ca. 1214-1294), beide ebenfalls Geistliche, die das wissenschaftliche Arbeiten schon in heutigem Sinne kannten.
Im europäischen Hochmittelalter wurde das Wissen und Können der klassischen Antike nicht nur bewahrt und genutzt, sondern erstmals deutlich übertroffen – auch in angewandter Wissenschaft und Technologie, vom Ackerbau über die Schifffahrt und die Architektur bis zur Astronomie und Biologie. Es waren Scholastiker, die in Medizin und Forensik zuerst das Sezieren menschlicher Leichname unternahmen, was weder Griechen noch Römer, weder Chinesen noch Muslime für zulässig gehalten hatten, die Kirche des Mittelalter hingegen schon. Es geschah auch nicht bei Nacht und Nebel und unter Angst entdeckt zu werden, sondern in öffentlichen Hörsälen. Schon Anfang des 14. Jh. gab es ein Standard-Handbuch der Obduktion, geschrieben von Mondino de Luzzi (1270-1326).
Auch die Universität als solche ist eine Frucht des lateinischen Mittelalters. In keiner anderen Kultur konnte das Konzept der freien Gemeinschaft aller Lehrer und Forscher entstehen – und das ist der Sinn der Universität. Über Jahrhunderte war es gerade die christliche Kirche, die als Förderer, Beschützer und Mäzen der Universität und der Wissenschaft insgesamt auftrat. MARTIN EBERTS
