Heute ist der 5. September. Und Deutschland schweigt.

Am 5. September 1972, mitten in Deutschland, mitten während der Olympischen Spiele in München, drangen palästinensische Terroristen der Organisation „Schwarzer September“ in das Quartier der israelischen Mannschaft ein.
Ihr Ziel waren Juden.
Israelis.
Sportler, die nach München gekommen waren, um an Olympischen Spielen teilzunehmen.
Am Ende waren elf israelische Sportler und Trainer tot.
Auch der deutsche Polizist Anton Fliegerbauer wurde ermordet.
Heute, 54 Jahre später, findet man natürlich irgendwo eine Gedenkveranstaltung, einen Rundgang, einen kurzen Beitrag.
Aber wo ist das große Erinnern?
Wo sind die Sondersendungen?
Wo sind die Politiker?
Wo sind die großen Überschriften?
Wo ist dieses Deutschland, das uns bei jeder Gelegenheit erklärt, jüdisches Leben gehöre zu Deutschland und „Nie wieder“ sei Staatsräson?
Heute wäre Gelegenheit gewesen, es zu zeigen.
Stattdessen muss man nach der Erinnerung suchen.
Und gerade Deutschland hätte allen Grund, sich an diesen Tag sehr genau zu erinnern.
Denn das Versagen begann nicht erst mit den Schüssen in Fürstenfeldbruck.
Israel bot damals Unterstützung durch eigene Spezialisten an.
Die Bundesrepublik lehnte ab.
Man wollte die Geiseln selbst befreien.
Das Ergebnis ist bekannt.
Die deutsche Polizei war auf eine solche Lage nicht vorbereitet. Die Zahl der Terroristen wurde falsch eingeschätzt, geeignete Scharfschützen und eine funktionierende Einsatzkoordination fehlten.
Die Befreiungsaktion wurde zur Katastrophe.
Keiner der israelischen Geiseln überlebte. (Bayerischer Rundfunk)
Und dann kam etwas, das in Israel bis heute kaum vergessen wurde.
Von den acht Terroristen wurden fünf in Fürstenfeldbruck getötet.
Drei überlebten.
Sie wurden festgenommen.
Man könnte meinen, damit hätte wenigstens ein deutscher Prozess gegen die Täter des größten antisemitischen Terroranschlags auf deutschem Boden seit der Shoah begonnen.
Nein.
Nur wenige Wochen später wurde Lufthansa-Flug 615 entführt.
Die Forderung:
Freilassung der drei Münchner Terroristen.
Und die Bundesrepublik ließ sie tatsächlich frei.
Sie wurden nach Libyen ausgeflogen und dort wie Helden empfangen. (HISTORY TV Sweden)
Man kann lange über Diplomatie, Staatsräson und die Zwänge einer Geiselnahme diskutieren.
Für Israel blieb am Ende eine wesentlich einfachere Erkenntnis:
Auf andere verlassen wir uns nie wieder.
Golda Meirs Regierung beschloss, die Männer aufzuspüren, die Israel für die Planung, Unterstützung und Durchführung des Münchner Massakers und weiterer Anschläge des „Schwarzen September“ verantwortlich machte.
Damit begann jene Kampagne, die später unter dem Namen
„Zorn Gottes“
bekannt wurde.
Und diesmal wurden keine Pressekonferenzen angekündigt.
Israel suchte.
Jahrelang.
Land für Land.
Stadt für Stadt.
Am 16. Oktober 1972 in Rom wurde Wael Zwaiter erschossen. Israel betrachtete ihn als Teil der terroristischen Infrastruktur des „Schwarzen September“; seine konkrete Rolle ist historisch umstritten. (OUP Academic)
In Paris wurde Mahmoud al-Hamshari durch einen Sprengsatz schwer verletzt und starb später an seinen Verletzungen. Israel hielt ihn für einen führenden Vertreter des „Schwarzen September“ in Frankreich. (Der Guardian)
Am 24. Januar 1973 in Nikosia wurde Hussein al-Bashir getötet.
Im Frühjahr 1973 folgten weitere Operationen gegen Männer, die Israel der terroristischen Infrastruktur zurechnete.
Und dann kam Beirut.
In der Nacht vom 9. auf den 10. April 1973 landeten israelische Spezialkräfte an der libanesischen Küste.
Mit dabei: Sayeret Matkal, Fallschirmjäger und Marinekommandos.
Mitten in Beirut drangen die israelischen Soldaten in die Wohnungen führender Fatah- und PLO-Funktionäre ein.
Getötet wurden unter anderem:
Mohammed Youssef al-Najjar – Abu Youssef,
Kamal Adwan,
Kamal Nasser.
Al-Najjar wurde von Israel als einer der führenden Verantwortlichen hinter München betrachtet.
Der Mann, der diese Operation mitführte, hieß Ehud Barak – später Generalstabschef und Ministerpräsident Israels. (IDF)
Doch ein Name blieb ganz oben auf der israelischen Liste:
Ali Hassan Salameh.
Einer der führenden Köpfe des „Schwarzen September“, von Israel als zentraler Organisator des Münchner Anschlags angesehen.
Er glaubte offenbar, dass die Jahre ihn schützen würden.
Sieben Jahre waren vergangen.
München lag längst nicht mehr in den Schlagzeilen.
Aber Israel hatte nicht vergessen.
Am 22. Januar 1979 in Beirut explodierte neben Salamehs Fahrzeug eine ferngezündete Autobombe.
Ali Hassan Salameh starb. (The Washington Post)
Sieben Jahre nach München.
Das ist vielleicht der Unterschied, über den man heute einmal nachdenken sollte.
Deutschland vergisst Jahrestage.
Israel vergisst seine Ermordeten nicht.
Und bevor mir jetzt jemand mit dem üblichen moralischen Zeigefinger kommt:
Nein, ich feiere hier keinen Tod.
Ich stelle fest, was nach München geschah.
Elf israelische Sportler wurden ermordet.
Eine deutsche Befreiungsaktion scheiterte katastrophal.
Drei überlebende Terroristen kamen bereits wenige Wochen später wieder frei.
Und Israel zog daraus seine Konsequenzen.
Sehr konsequent.
Man kann diese Konsequenzen mögen oder ablehnen.
Aber wer verstehen will, warum Israel bei seiner Sicherheit bis heute so handelt, wie es handelt, sollte vielleicht mit München anfangen.
Denn dort lernte Israel eine Lektion, die sich tief eingebrannt hat:
Wenn Juden bedroht werden, dürfen Juden ihre Sicherheit nicht vom guten Willen anderer abhängig machen.
Und deshalb empfinde ich das heutige Schweigen als beschämend.
Nicht weil Deutschland überhaupt nichts getan hätte.
Eine Gedenkveranstaltung irgendwo reicht aber nicht.
Nicht bei diesem Datum.
Nicht bei dieser Geschichte.
Nicht in diesem Land.
5. September 1972.
Elf ermordete Israelis.
Man sollte in Deutschland nicht danach suchen müssen, um daran erinnert zu werden. Gott segne sein Volk Israel.

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