Der Prediger Elias Schrenk (1831–1913) wurde einmal gefragt, was er von der Bibelkritik halte. »Sehr viel«, antwortete er. Der Fragesteller war verblüfft: »Wasmeinen Sie damit?« Schrenk entgegnete: »Ich halte nichts davon, dass wir die Bibel kritisieren. Aber ich halte sehr viel davon, dass die Bibel uns kritisiert. Ja, das ist eine rechte und gottgewollte Bibelkritik, wenn die Bibel an unserem Leben und Denken Kritik übt.«
Ein junger Mann, der bei einem Friseur warten musste, besah sich dort eine Eule. Nachdem er sie eine Weile betrachtet hatte, fing er an, alles anihr falsch zu finden: Die Flügel so eckig, der Hals zusammengedrückt, die Krallen zu gebogen, das Glas der Augen minderwertig – kurz, vom Kopf bis zumSchwanz die ganze Eule falsch ausgestopft, nichts als ein rechtes Pfuschwerk. Gerade in diesem Augenblick rührte sich die Eule, stieg ernst und schwerfällig von ihrer Stange, ging langsam auf und ab und betrachtete ihren Kritiker.So machen es Menschen mit der Bibel: »Das kann Mose nicht geschrieben haben; das kann Jesaja, Matthäus, Paulus, Johannes nicht geschrieben haben; ichhabe das alles gründlich studiert, es muss ganz anders sein« – und endlich bewegt sich die Bibel und lebt. Und dieses Flick- und Pfusch- und Machwerk,wie man es nennt, vollbringt Wunder: Die Bibel wandelt ganze Völker um und macht aus Sündern Gotteskinder.
Martin Haug (aus: Er ist unser Leben”) https://www.zs-online.de/heftarchiv/detail/2023/3/
