Einer der unwahrscheinlichsten Weihnachts-Hits in Grossbritannien wird dreissig Jahre alt.

Es ist ein Song für die, die kein gutes Jahr hinter sich und vielleicht ein noch schlimmeres vor sich haben. Ein betrunkenes Paar erinnert sich an die Fehlschläge des Lebens. Ruhm, Liebe, Ehre – alles nichts gewesen. Shane MacGowan und Kirsty MacColl, die für die Pogues-Bassistin Cait O’Riordan eingesprungen war, liefern sich einen melancholischen Dialog, beschimpfen einander als «old slut» und «cheap lousy faggot», so dass die BBC mehrfach zensierend eingriff und gereinigte Versionen spielte, jedenfalls eine Zeitlang, bis sich dann immer wieder das Original durchsetzte.
«I could have been someone», singt Shane MacGowan. «Aus mir hätte was werden können.» «Well so could anyone» – «Allen andern geht’s genauso», antwortet Kirsty MacColl, bremst sein Selbstmitleid aus und schliesst die Hörer gleich ein. Statt Geburt, Erneuerung und den Geist der Grosszügigkeit feiert «Fairytale of New York» den Trost der Leidensgenossenschaft. Ob es noch Hoffnung gibt für das glücklose Paar, bleibt offen, wie so vieles in dem Stück, von dem Shane MacGowan sagte, es sei das komplizierteste, das er je geschrieben habe.
Seinen Titel erhielt es erst nach seiner Vollendung. Er stammt von J. P. Donleavys Roman« A Fairy Tale of New York», dessen Hauptfigur über die Stadt sagt, sie sei «too rich to laugh at and too lonely and too ruthless to love». Der damalige Pogues-Produzent Elvis Costello hatte den prosaischen Titel «Christmas Day in the Drunk Tank» – «Weihnachten in der Säuferzelle» – vorgeschlagen. MacGowan fand, das klinge nicht nach einem Hit.
Zur Erfolgsgeschichte gehört das Schwarz-Weiss-Video, das so unbestimmt im Nostalgieland angesiedelt ist wie der Song selbst, in dem schwere Karossen – «cars big as bars» – und Frank Sinatra vorkommen, alle Männer Anzüge tragen und Zigarettenrauch die Szenen vernebelt. Es beginnt mit einem Mann, der in eine Ausnüchterungszelle geschleppt wird, um seinen Weihnachtsrausch auszuschlafen: ein irischer Immigrant in New York. Den Polizisten spielt Matt Dillon, ein Filmstar der achtziger Jahre, der die Pogues verehrte. Bis zum Videodreh waren die Pogues noch nie in New York gewesen, doch fanden sie die Wirklichkeit dann schöner als alle Filme, die sie darüber gesehen hatten. Die Sängerin Kirsty MacColl kam eine Woche vor Weihnachten, am 18. Dezember 2000, erst 41-jährig bei einem Bootsunfall ums Leben. In Soho ist auf einer Parkbank das Zitat eines ihrer Lieder eingraviert: An empty bench in Soho Square / If you’d have come you’d have found me there. («Eine leere Bank am Soho Square / Wenn du gekommen wärst, hättest du mich dort gefunden.») Shane MacGowan, der ewige Trinker, der durchs Leben zu torkeln schien und am Mikrofon mehr lallte als sang, ist überraschenderweise der Überlebende dieses Duetts: Er wird dieses Jahr 60 Jahre alt. Seinen Geburtstag feiert er am Weihnachtstag. NZZ.ch

Wir Christen haben es da im Leben einfach besser. Wir haben das himmlische Geburtstagskind im Herzen.

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