Hat Leid Sinn?

Überhaupt etwas zu diesem Thema schreiben kann ich nur deshalb, weil uns als Familie am 26.5.2008 selbst ein schweres Schicksal getroffen hat und wir herausgefordert waren, uns diese Frage ganz neu zu stellen. An diesem Tag bekamen wir die Diagnose, dass unser sieben Monate alter Sohn, Nicolas, Leukämie hat. Auf einen Schlag war unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Wir hatten gerade noch unseren längeren Auslandsaufenthalt geplant und plötzlich brach über uns der Himmel ein.
Was blieb war ein unbeschreiblich großer Schrecken, tiefer Schmerz und Traurigkeit. Und sofort meldeten sich die Fragen: Warum passiert mir so etwas? Warum nicht irgend jemandem, der Jesus noch nicht kennt? Was haben wir denn falsch gemacht?
Kurze Zeit später erhielt ich von einem guten Freund eine Mail, die mir sehr weiter geholfen hat:
„Das ist die Frage, die sich jedes Kind Gottes stellt, wenn es von Gott in eine Not hinein genommen wird und damit viele Pläne und Gedanken durchkreuzt werden. Aber diese Frage werden wir in der Gegenwart nicht beantworten können. Es war bestimmt die Frage von Joseph und auch von Johannes dem Täufer, als sie ungerecht ins Gefängnis geworfen wurden. Bestimmt auch die Frage eines Paulus, als das Leiden ihn auf seinem Weg immer begleitete. Er verstand, dass ihm Seine Gnade genügt (2.Kor.12,9)! Aber dies in so einer Situation zu sagen ist gar nicht so leicht, ist ein Sterbensweg. Dort wo wir nur Fragen haben und keine Antwort bekommen, führt uns Gott in seine Abhängigkeit. Glauben zu können, dass alles zum Besten dient, ist eine Wahrheit, die oft nur Theorie bleibt, solange, bis man durch Leiden und mit vielen Tränen sie real erlebt und vor den Herrn stellt! Keiner von uns kennt den Plan Gottes, doch jeder kann glauben, dass Gott nie die Kontrolle über Leben, Not, Krankheit, Tod verliert (1Kor 10,13). Unser Verstand hat Grenzen!
Die Not bei solch einem kleinen Kind geht über unsere Grenzen. Wir bekennen Unwissenheit, müssen Gott sagen, dass wir nicht das nötige Licht haben, um etwas zu verstehen. Wir wissen aber, dass es weder eine Strafe, noch ein Gericht ist! Denn Jesus hat am Kreuz unsere Strafe und unser Gericht schon für uns erlitten und auf sich genommen.“
Ehrlich gesagt ist diese Erfahrung des totalen „Auf Gott geworfen sein“ nicht einfach für mich. Meistens treten mir Momente in den Sinn, in denen es mir nicht gut ging und Gott nicht sofort geholfen hat. Ich fürchte mich davor, dass Gottes Handeln unberechenbar ist und ich so ohnmächtig bin. Meint es Gott wirklich gut mit mir?
In solch einem Augenblick weiß ich, dass ich nicht ganz ehrlich bin zu mir selbst. Ich schiebe alle die Erfahrungen zur Seite, in denen Gott mir sehr oft geholfen und mich vor viel Leid bewahrt hat. Gerade dadurch hat er seine große Liebe zu mir gezeigt, indem er mich segnet und mir hilft und sich nicht zurückgezogen hat.
Jetzt beginnt Gott etwas ganz Neues in mir wachsen zu lassen. Der vorsichtige Versuch, Ihm zuzutrauen, mir auch in diesem Leid seine Liebe beweisen zu wollen – vielleicht sogar mehr als ich sie sonst jemals erfahren könnte.
Oft sah mein geistlicher Alltag so aus: Ich stehe morgens auf, gehe meinen Tätigkeiten nach und halte alles Gute schnell für selbstverständlich. Irgendwann treten die ersten Schwierigkeiten auf und zugleich verschwindet für mich Gottes Liebe. Warum ist er jetzt nicht da und hilft mir nicht? Ist Er nicht auf meiner Seite? Endlich greift Gott ein und mein Vertrauen zu Ihm erwacht wieder.
Doch jetzt hat mich ein Leid erreicht, das mich völlig aus der Bahn wirft. Ein Leid, in dem ich stehen bleiben muss. Ein Leid, das mich neue Dinge lehrt.
Eines von diesen Dingen ist z.B, dass ich aufhöre, 1000 Dingen nachzujagen und anfange, das Wesentliche neu zu sehen. Plötzlich wird so vieles, das ich für wichtig sah, so klein und unbedeutend.
Es ist nur noch das Leben meines Sohnes wichtig, sonst nichts. Kein Urlaub, keine Projekte und auch keine anderen irdischen Dinge.
Beziehungen zu den Menschen, die man am aller meisten liebt.
Und es dauert nur wenige Stunden und wir als Familie beginnen eine weitere neue und tiefe Erfahrung zu machen: Wir haben eine sehr liebevolle Gemeinde. Unvorstellbar viele Freunde, Verwandte und Glaubensgeschwister trösten uns und bieten ihre Hilfe an.
Täglich erhalten wir Briefe, Postkarten und Mails, durch die wir ermutigt werden.
Auf einmal sehen wir, wie viele Freunde wir haben, die mit uns leiden und für uns rund um die Uhr beten. Wir staunen über unsere Gemeinde und alle Christen, die sich selbst verantwortlich fühlen und ununterbrochen für unseren Sohn vor dem Thron Gottes eintreten.
Außerdem lässt uns dieses Leid erkennen, ob wir wirklich das glauben, was wir anderen weiter sagen. Schließlich führt es mich in die ursprüngliche gesunde Abhängigkeit zu Gott, denn durch Leid fange ich wieder ganz neu an, Gott zu vertrauen.
Ja, Leid hat Sinn- aber nur wenn man das Wesen dieser Erfahrung versteht!
Wenn wir es aber nicht verstehen, dann führt es dazu, dass wir lange in unseren Schmerzen stecken bleiben und dabei die richtige Richtung verlieren. Wenn wir diese Erfahrungen aber als Geschenk Gottes erkennen, wird das unser ganzes Leben für immer positiv verändern. Das zu verstehen hat meine gesamte Einstellung zum Thema Leid verändert. Dazu gehört mehr als nur „Positiv-Denken“.
Tragischer Weise habe ich zuerst diese größeren Zusammenhänge des Leids, die Gott benützt um durch solche Erfahrungen Veränderung in unserem Leben zu bewirken, nicht erkannt. So machten mich die Richtungslosigkeit und die Schmerzen dieser momentanen Situation für Gott und seine Dinge total blind. Doch Er ist uns nah und führt uns zurück um zu verstehen.
In der Bibel lesen wir sehr viele Geschichten von Personen, die über ihr schweres Schicksal berichten. Das mit einem ganz großen Zweck!
Das alles wurde aufgeschrieben, damit wir durch sie ermutigt, ermahnt, getröstet und gelehrt werden. (Römer 15,4)
Gott will weder Leid, noch kommt es von ihm, aber Gott macht das Leid zu seinem Werkzeug!
Wir danken Gott für alles Schöne, das er uns erleben ließ. Wir beginnen nun, auch zu danken für das Schwere, an dem wir wachsen und reifen dürften, denn durch Trauern wird das Herz gebessert. (Prediger 7,3)