Ich war zwar in einem ordentlichen und liebevollen Umfeld aufgewachsen, aber wir waren keine Familie, die in die Kirche ging, geschweige denn christlich war. Doch im Teenager-Alter fing ich an, mir die großen Fragen des Lebens zu stellen: „Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich?“ Auf der Suche nach Antworten begann ich, eine große Kirche in unserer Gemeinde zu besuchen. Doch statt Antworten fand ich nur einen geselligen Country Club, wo man anstelle des Mitgliedsbeitrags eben jede Woche einen Dollar in die Kollekte warf. Die anderen High-School-Schüler, die in der Jugendgruppe waren und sich sonntags als Christen ausgaben, lebten für den Rest der Woche für ihren eigentlichen Gott, die Beliebtheit. Sie schienen bereit, alles dafür zu tun, beliebt zu sein.
Das nagte sehr an mir. „Sie geben sich als Christen aus, aber ich führe ein besseres Leben als die“, dachte ich bei mir. „Aber ich fühle mich innerlich so leer. Die müssen sich genauso leer fühlen, nur geben sie vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Das sind doch alle nur Heuchler!“ So nahm ich der institutionellen Kirche und den dazugehörigen Leuten gegenüber mit der Zeit eine sehr verbitterte Haltung ein.
Schon bald hatte ich auch anderen Leuten gegenüber diese Haltung. „Niemand ist wirklich echt“, dachte ich mir. „Die sind doch alle falsch, setzen in der Welt eine Maske auf, während der eigentliche Mensch tief drinnen kauert und Angst hat, herauszukommen und echt zu sein.“ Und so verspürte ich irgendwann Wut und Groll gegenüber Menschen im Allgemeinen. Ich verachtete meine Mitmenschen, wollte nichts mit ihnen zu tun haben. „Ich brauche keine Menschen“, dachte ich bei mir, und stürzte mich in mein Studium. Ich war, ganz offen gesagt, auf dem besten Weg, ein junger Einzelgänger zu werden.
Und dennoch wusste ich – wenn ich ehrlich war und mich selbst betrachtete –, dass ich tief im Inneren sehr wohl lieben und von anderen geliebt werden wollte. An diesem Punkt erkannte ich, dass ich genauso aufgesetzt war wie die anderen. Ich war es doch, der vorgab, niemanden zu brauchen, obwohl ich tief im Inneren wusste, dass ich das sehr wohl tat. So richtete ich dann meinen Zorn und meinen Hass wegen meiner eigenen Heuchelei und Falschheit auf mich selbst.
Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie das ist. Aber diese innere Wut und Verzweiflung fressen einen innerlich auf und machen jeden Tag zu einer Qual, zu einem Tag, den es zu überstehen gilt. Ich sah keinen Zweck im Leben; nichts war von wirklicher Bedeutung.
Eines Tages, als ich mich besonders mies fühlte, ging ich auf meiner High-School in die Deutschstunde und setzte mich hinter ein Mädchen, die eine von denen war, die einfach immer so glücklich sind, dass einem fast schon übel davon wird. Ich tippte sie an der Schulter an, sie drehte sich um, und ich fragte sie knurrend: „Sandy, warum bist du eigentlich immer so glücklich?“
„Weil ich errettet bin, Bill!“
Ich war fassungslos. Solche Wörter hatte ich noch nie gehört.
„Du bist was?“, fragte ich.
„Ich kenne Jesus als meinen persönlichen Erretter“, erklärte sie.
„Ich gehe in die Kirche“, sagte ich unbeholfen.
„Das reicht nicht, Bill“, sagte sie. „Du musst ihn wirklich in deinem Herzen leben lassen.“
Das war die Höhe! „Wieso würde er denn sowas tun wollen?“, verlangte ich zu wissen.
„Weil er dich liebt, Bill.“
Das traf mich wie ein Blitz. Hier saß ich nun, voller Wut und Hass, und sie sagt, es gebe jemanden, der mich liebt. Und zwar niemand Geringeren als den Gott des Universums! Das haute mich einfach um. Der Gedanke, dass der Gott des Universums mich, Bill Craig, lieben sollte, dieses Würmchen da unten auf diesem Staubkorn eines Planeten namens Erde! Ich konnte es einfach nicht fassen.
Das löste bei mir die schmerzhafteste Zeit des In-mich-Gehens aus, die ich jemals durchgemacht habe. Ich besorgte mir ein Neues Testament und las es von der ersten bis zur letzten Seite. Und dabei zog mich dieser Jesus von Nazareth komplett in seinen Bann. In seiner Lehre steckte eine Weisheit, die ich davor noch nie gesehen hatte und in seinem Leben eine Authentizität, die nicht zu jenen Leuten in meiner Kirche passte, die von sich behaupteten, ihm nachzufolgen. Ich wusste, ich durfte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Durch das Lesen des Neuen Testaments entdeckte ich, was mein Problem war. Mein eigenes moralisches Versagen – in Gedanken, Wort und Tat – hatte mich moralisch schuldig vor Gott gemacht und mich geistlich von ihm getrennt. Deswegen kam mir Gott so unwirklich vor. Aber die Gute Nachricht war, dass Gott seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt hatte, um die Todesstrafe für meine Sünden zu bezahlen, wodurch er Gottes Liebe und Vergebung freisetzte, die mich begnadigte und reinigte und die Beziehung zu Gott wiederherstellte, für die ich bestimmt war.
In der Zwischenzeit stellte Sandy mir andere Christen auf der High-School vor. Solchen Leuten war ich davor noch nie begegnet! Was auch immer sie über Jesus sagten: Es war nicht zu leugnen, dass sie auf einer Realitätsebene lebten, von deren Existenz ich nicht einmal zu träumen wagte, und es gab ihrem Leben tiefen Sinn und Freude, nach denen ich mich so sehr sehnte.
Lange Rede, kurzer Sinn: meine spirituelle Suche dauerte noch sechs Monate. Ich ging zu christlichen Veranstaltungen, las christliche Bücher und suchte Gott im Gebet. Schließlich war ich eines Nachts mit meinem Latein am Ende, und ich schrie zu Gott. Ich schrie all die Wut und Bitterkeit, die sich in mir aufgestaut hatten, heraus, und gleichzeitig verspürte ich diese riesige Freude, die in mir immer größer wurde, wie ein Luftballon, den man aufbläst, bis er fast platzt! Ich weiß noch, wie ich nach draußen eilte, es war eine klare Sommernacht, und man konnte die Milchstraße am ganzen Himmel sehen. Und als ich zu den Sternen aufblickte, dachte ich bei mir: „Gott! Ich kenne Gott jetzt!“
Dieser Moment veränderte mein ganzes Leben. Während jener sechs Monate hatte ich genug über das Evangelium nachgedacht, um zu erkennen, dass ich, wenn es wirklich die Wahrheit ist – die Wahrheit –, nichts anderes tun konnte, als mein ganzes Leben darin zu investieren, diese wunderbare Botschaft unter die Menschen zu bringen.
Für viele Christen ist die größte Veränderung, wenn sie zum Glauben kommen, die Liebe oder die Freude oder der Friede, den bzw. die sie dadurch bekommen. All das war für mich auch sehr aufregend. Doch wenn Sie mich fragen würden, was die größte Veränderung ist, die Christus in meinem Leben bewirkt hat, würde ich ohne zu zögern sagen: „Der Sinn!“ Ich kannte die Dunkelheit, die Verzweiflung eines Lebens ohne Gott. Gott zu kennen, verlieh meinem Leben plötzlich ewige Bedeutung. Jetzt hatten die Dinge, die ich tat, ewigen Sinn. Das Leben war nicht mehr belanglos. Jetzt konnte ich jeden Tag als einen weiteren erleben, an dem ich mit ihm gehe.
