Das Martyrium einer Christin
In unserer Gemeinde war eine liebe Christin, die treu ihrem Heiland nachfolgte, trotzdem sie es zu Hause sehr schwer hatte mit ihrem Mann. Oft schlug er sie, wenn sie von der Versammlung zurückkehrte. Er wollte sie unbedingt wieder zum Götzenglauben zurück bekehren, aber sie blieb Jesus treu und ließ sich auch taufen. Eines Tages, als sie von der Versammlung nach Hause kam, band der Mann sie am Bettpfosten fest und schlug in blinder Wut mit einem Prügel auf sie los, bis ihr Hüftgelenk entzwei geschlagen war.
Die Christenfrau blieb ruhig und sagte: „Schlag nur zu. Wenn du mich totschlägst, dann gehe ich in den Himmel; aber solange mich meine Füße tragen, gehe ich in die Versammlung, um Gottes Wort zu hören.” Diese innere Gelassenheit und große Liebe zu Jesus versetzte den Mann doch ein wenig ins Staunen, so daß er von ihr abließ und sie nicht weiter schlug. Sie wurde von keinem Arzt behandelt und von keiner Krankenschwester gepflegt. Sie verklagte ihren Mann auch nirgends. Sobald sie wieder einigermaßen hergestellt war, humpelte sie unter großer Anstrengung und mit viel Schmerzen zur Halle, um mehr von Jesus zu hören. Sie litt, ohne zu klagen, aus Liebe zu Jesus. Einerseits waren es die Mißhandlungen an ihrem Leib, andererseits die Schmähworte und entsetzlichen Wutausbrüche ihres Mannes, die sie geduldig auf sich nahm und als Erziehungswege Gottes betrachtete.
Sie klagte nicht über ihren Mann bei andern Leuten. Sie trug ihr Leid jahrelang ganz tapfer und still. Uns hat sie es nur erzählt, weil wir in sie drangen, um zu erfahren, warum sie so elend und krank aussehe. Später wurde die liebe Christin krank und kam ans Sterben; aber noch immer war der Groll in ihres Mannes Herz nicht gebrochen. Ach, was braucht es oft, bis ein Mensch sein verstocktes Herz der Liebe des Herrn öffnet. Als die Märtyrerin in den letzten Zügen lag, war sie alles andere als traurig. Ihr Angesicht glänzte, und die Freude, bald bei ihrem geliebten Herrn sein zu dürfen, war größer als alle Schmerzen. Sie nahm Abschied von ihrem Mann und bat ihn, er möchte doch bitte auch dem Herrn Jesus nachfolgen, damit sie ihn wiedersehen dürfe im Himmel. Ob sie den Himmel offen gesehen hat, oder ob sie den Herrn Jesus hat sehen dürfen? Wir haben’s nie erfahren; aber mit verklärtem Angesicht ist die Vollendete verschieden.
Erst in diesem Augenblick schlug der Mann in sich. Was hatte er getan? Warum hatte seine Frau so leiden müssen seinetwegen? Hatte er die lange Zeit über nicht mehr gesehen, welch liebe, stille, arbeitsame und besorgte Frau er hatte? Ein furchtbarer Schmerz, begleitet von Reue und Scham, kam über ihn, und er fing an zu weinen und zu schreien. Er schrie, was er schreien konnte, und lief durch die Straßen wie ein gehetztes Wild. Ganz erschöpft kam er zum Missionar und klagte laut: „Meine liebe, gute Frau ist gestorben, und ich bin schuld. Bitte, hilf mir, hilf mir, daß ich auch dahin komme, wo meine Frau hingegangen ist.” Nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, öffnete er sein Herz und bekannte alle seine schweren Sünden und beugte sich von Herzen unter die große Schuld.
Und, o Wunder, der Mann durfte erleben, daß Gott um Jesu willen Sünden vergibt. Er durfte mit Jesus ein neues Leben anfangen. Mir ist aber bei aller Freude an der Umkehr dieses Mannes immer wieder in den Sinn gekommen, was ein Spruch aussagt: Streut Blumen der Liebe bei Lebenszeit, bewahret einander vor Herzeleid. Am Sarge streut man frische Blumen —Warum denn nur im Leben nicht? Warum so sparen mit der Liebe, bis einem fast das Herze bricht? Leider herrscht in vielen Familien innere Not, und ich hoffe, daß gerade durch diese Zeilen doch etliche zur Besinnung gebracht werden möchten, Buße zu tun und mit der Liebe des Herrn lieben zu lernen, auch da, wo es schwerfällt. Warum soll erst das unerbittliche Eingreifen des Todes uns aufrütteln? Welche Genugtuung bei allem Schmerz, wenn man weiß, daß man den Heimgegangenen viel Freude hat erweisen dürfen.
Manche bittere Träne könnte erspart bleiben. Mein Gebet ist, daß gerade durchs Erzählen dieser Begebenheit doch etliche den Weg zu Jesus finden möchten oder daß solche, die eingeschlafen sind, wieder ganz neu aufwachen möchten, um dem Herrn nicht nur zehnprozentig, sondern hundertprozentig nachzufolgen. Mit großer Freude danke ich Gott, daß er nicht nur diesen leiden heimgesucht und gefunden hat, sondern daß er noch vielen helfen will. Ihm sei Preis und Dank dafür. „Er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Amen.”
Elisabeth Seiler
