Wie hat sich Spurgeon bekehrt?

Ich war als junger Mann fünf Jahre lang in der schrecklichsten Geistesstimmung. Wenn irgendein menschliches Wesen mehr Furcht vor Gottes Gesetz gehabt hat als ich, so habe ich aufrichtig Mitleid mit ihm und kann mit ihm fühlen. Bunyans Buch Grace Abounding (Überfließende Gnade) enthält im wesentlichen meine Geschichte. Einige Abgründe, in die er geraten war, habe ich nie betreten; aber einige, in die ich mich gestürzt, scheint er nie durchgemacht zu haben.
Ich glaubte, die Sonne sei an meinem Himmel verlöscht – dass ich so gegen Gott gesündigt, dass es für mich keine Hoffnung mehr gab. Ich betete – Gott weiß wie ich gebetet habe; aber nicht der Schimmer einer Antwort wurde mir zu Teil, so glaubte ich. Ich durchforschte Gottes Wort, und die darin gemachten Verheißungen erschienen mir noch erschreckender als die Drohungen. Ich las über die Privilegien der Kinder Gottes, jedoch mit der Überzeugung, dass viele davon nicht für mich bestimmt seien. Das Geheimnis meiner Traurigkeit war dies: Ich kannte das Evangelium nicht. Ich befand mich in einem christlichen Lande, ich hatte christliche Eltern, verstand aber nicht die Freiheit und Einfachheit des Evangeliums.
Ich ging zu Gottesdiensten an allen Orten in der Stadt, in welcher ich wohnte, aber ich bin der festen Meinung, dass das Evangelium nirgends voll gepredigt wurde. Ich will aber niemanden anklagen. Ein Geistlicher predigte über die göttliche Herrschaft. Ich hörte ihm mit Vergnügen zu; aber was half dies dem armen Sünder, welcher wissen wollte, was er tun müsse, um gerettet zu werden? Ein anderer guter Mann predigte fortwährend über das Gesetz: aber was nützte es, beständig den Grund zu pflügen, der besät werden sollte? Ein anderer war ein großer praktischer Prediger. Ich hörte ihn, aber er kam mir vor wie ein General, der Befehle an Leute weitergab, die keine Füße hatten. Was konnte ich tun? Alle diese Predigten waren für mich umsonst. Ich wusste, es stand geschrieben: "Glaube an den Herrn Jesus Christus und Du wirst gerettet werden", aber ich wusste nicht, was es bedeutete, an Christus zu glauben.
Ich glaube manchesmal, dass ich mich heute noch in Nacht und Verzweiflung befinden würde, wäre es nicht die Güte Gottes gewesen, die eines Sonntags Morgens einen Schneesturm sandte, als ich auf dem Wege zur Kirche war. Als ich nicht weiter gehen konnte, bog ich in eine Seitenstraße und gelangte an eine Kirche der Methodisten. In dieser befanden sich vielleicht ein Dutzend Personen. Der Prediger war an dem Morgen nicht erschienen, wahrscheinlich war er eingeschneit. Ein armer Mann, ein Schuhmacher oder ein Schneider begab sich auf die Kanzel, um zu predigen.
Nun, es ist sicher gut, dass Prediger gelehrt sein sollen, aber dieser Mann war wirklich einfältig. Er mußte sich an seinen Text halten, aus dem einfachen Grunde, weil er nichts anders zu sagen hatte. Der Text war: "Schaut auf mich und ihr werdet erlöst, alle Winkel der Erde." Er sprach selbst die Worte nicht einmal richtig aus, aber das machte nichts.
Es schien mir, als ob sich in dem Text ein Schimmer von Hoffnung für mich befand. Er begann so: "Meine Freunde, dieser Text ist in der Tat sehr einfach. Es heißt: "Seht". Nun das bedarf keiner großen Anstrengung. Es ist nicht nötig, auch nur den Fuß oder die Hand zu rühren, nur einfach "seht". Ein Mann braucht nicht auf die hohe Schule zu gehen, um das zu lernen. Man kann der größte Tor sein und doch sehen können. Ein Mann braucht nicht reich zu sein, um sehen zu können. Jeder kann sehen. Ein Kind kann sehen. Und genau das sagt der Text. Dann heißt es: "Seht auf mich." "Ja", sagte er in seinem breiten Essex-Dialekt, "viele von Euch sehen sich selbst. Das ist vergeblich. Dort findet ihr nichts Tröstliches. Einige schauen auf Gott, den Vater. Nein, seht später auf Ihn. Jesus Christus sagt: "Seht auf Mich." Einige von euch antworten: "Ich muß das Kommen des Geistes abwarten." Aber das ist nicht richtig. Seht auf Jesus Christus. Es heißt: "Seht auf Mich."
Der gute Mann predigte weiter: "Seht auf Mich, ich schwitze große Tropfen Blutes. Seht auf Mich, ich hänge am Kreuze. Seht! Ich bin tot und begraben. Seht auf Mich, ich bin auferstanden. Seht auf Mich, Ich fahre gen Himmel, ich sitze zur Rechten des Vaters; Oh, seht auf Mich! Seht auf Mich!"
Als er bis hierher gekommen und ungefähr 10 Minuten vergangen waren, schien er am Ende seines Wissens angekommen. Dann erblickte er mich unter der Galerie und erkannte mich als einen Fremden – wahrscheinlich weil so wenige anwesend waren. Er sagte hierauf: "Junger Mann, Du siehst sehr elend aus." Das tat ich auch wohl, ich war allerdings nicht daran gewöhnt, dass man mein Aussehen zum Gegenstande der Predigt machte. Indessen waren seine Worte wie ein Pfeil, der mitten ins Herz traf. Er fuhr fort. "Ja, und Du wirst stets elend sein – elend im Leben und elend im Tode – wenn Du meinem Texte nicht gehorchst. Aber wenn Du jetzt gehorsam bist, dann bist Du in einem Augenblicke erlöst."
Dann rief er in einer Weise, wie nur ein Methodist es tun kann: "Junger Mann, sieh auf Jesus Christus!" Und ich "sah".
Auf der Stelle war die Wolke verschwunden, die Dunkelheit war vergangen und ich sah die Sonne. Ich hätte im selben Augenblick aufspringen können und mit den Begeisterten von dem kostbaren Blut Christi und dem einfachen Glauben, der nur Ihn sieht, singen können. Oh, hätte mir das nur jemand früher gesagt.glaubensstimme.de

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