Glücklich, wem vergeben ist. Ein “verlorener” Sohn kommt nach Hause.

Langsam quält sich die Provinzbahn durch das Bergland. Die alte Dampflok schnauft und stöhnt und hat offensichtlich Mühe, die Reisenden an ihre Ferienorte zu bringen. Überall sieht man frohe, erwartungsvolle Gesichter. Nur in einem Abteil, in dem zwei Männer sitzen, scheint der Jüngere alles andere als glücklich zu sein. Auf seinem Herzen muss etwas Schweres lasten. Sein Mitreisender betrachtet ihn nachdenklich und fängt schließlich an, vom Wetter und von der schönen Landschaft zu reden, um mit seinem traurigen Gegenüber ins Gespräch zu kommen. Und schneller, als er denkt, ist das Eis gebrochen. Der so ernst aussehende, so unruhig und aufgewühlt wirkende junge Mann beginnt zu erzählen, zunächst scheu und stockend, mit langen Pausen. Aber dann merkt er, dass es nicht Neugierde, sondern Anteilnahme ist, die weiterfragt und sich um ihn müht. Und bald strömen die Worte aus ihm hervor wie aus einem lange verschlossenen gewesenen, tiefen Schacht. „Ja, lange habe ich im Gefängnis gesessen”, sagt er. „Jahrelang.

Heute Morgen bin ich entlassen worden. Nun bin ich auf der Fahrt nach Hause. Welche Schande habe ich über meine Angehörigen gebracht! Sie haben mich all die Jahre nicht einmal besucht. Geschrieben haben sie auch nur ganz selten. Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich habe ihre Liebe verscherzt. Aber vielleicht haben sie mich auch nicht besucht, weil die Reise so teuer ist. Und Briefe wurden zu Hause kaum geschrieben. Ich hoffe doch, dass sie mir verziehen haben, auch wenn es nicht danach aussieht. Wie ich mein vergangenes Leben hasse und alles bereue!”

Erregt verbirgt er sein Gesicht für einen Augenblick hinter beiden Händen. Dann fährt er fort: „Um es meinen Eltern leichter zu machen, habe ich ihnen in einem Brief vorgeschlagen sie möchten mir ein Zeichen geben. Ein Zeichen, an dem ich, wenn der Zug kurz hinter der Stadt an unserem kleinen Hof vorbeifährt, sofort erkennen kann, wie sie zu mir stehen. Ich schrieb, wenn sie mir verziehen haben, so sollten sie in dem großen Apfelbaum an der Strecke ein weißes Band anbringen. Wenn sie mich aber nicht daheim haben wollen, dann sollten sie gar nichts tun. In diesem Fall werde ich im Zug bleiben und weiterfahren, weit weg, ganz weit weg. Wohin, weiß ich selbst nicht.” Seine Erregung wird zusehends größer. Und als sich nun der Zug seiner Vaterstadt nähert, wird seine Spannung so unerträglich, dass es ihm unmöglich wird, aus dem Fenster zu schauen. „Bald muss die kleine Brücke kommen, dann die Schranke und dann … und dann …” Der andere tauscht schnell den Platz mit ihm und verspricht, auf den Apfelbaum zu achten. Und gleich darauf legt er dem jungen Mann die Hand auf den Arm. „Da ist er!” Er kann es nur noch flüstern, denn seine Stimme versagt ihm und Tränen stehen ihm plötzlich in den Augen. „Alles in Ordnung! Der ganze Baum ist voll weißer Bänder.”

– Im selben Augenblick schwindet alle Bitternis, alle Sorge, alle Angst. Beiden ist es, als hätten sie ein Wunder miterlebt. Und der junge Mann ist nicht wieder zu erkennen, so strahlen jetzt seine Augen. Ach, wüsstest du doch nur, wie sich der himmlische Vater danach sehnt, dass du umkehrst, dass du heimkehrst zu ihm! Du brauchst keine Bank ausgeraubt keinen Menschen überfallen und nicht im Gefängnis gesessen zu haben. Jeder ist von Natur aus ein Gefangener, ein Gefangener seines Ichs, ein Gefangener der Sünde. Hat dich diese Knechtschaft auch schon bedrückt?

Dann mach es so wie der junge Mann, von dem die Bibel berichtet! Er sagte: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir …” (Lukas 15,18). Aber dies sagte er nicht nur, er machte es auch wahr. Er machte sich auf und ging los. Wahrscheinlich war er unterwegs genauso unruhig, genauso voller Zweifel wie jener Mann in dem Eisenbahnabteil. Aber da sieht er schon, wie jener, den Apfelbaum voll weißer Bänder, sein Zeichen. Und in der Tat, es ist ein wunderbares Zeichen: Der Vater kommt ihm entgegen, er selbst. Wir lesen in Gottes Wort: „Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn” (Lukas 15,20). Dieses Zeichen göttlicher Liebe gilt auch für dich. Glücklich wem vergeben worden ist! Heute noch kannst du dieses Glück dein Eigen nennen.

Aus…Du bist gemeint—CSV

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