Kurt Becker: Ein Fremdenlegionär findet neues Leben

Mein Name tut nichts zur Sache, denn diejenigen, diemich mit meinem Namen rufen, kann ich hier nicht hören; und die Leute, die ich höre, rufen mich nicht mit meinem Namen. Mein Alter wäre eine Lüge, denn die Winter, die ich verlebte, waren kälter, die Sommer heißer, die Herbste länger und die Frühlinge kürzer, als Jahreszeiten sind. Meine Heimat suchte ich dort, wo die Sonne aufgeht. Aber kaum glaubte ich mich am Ziel, so verschwand sie am Horizont und ließ mich weiter irren in finsteren Nächten. Nun aber ist der Kreis geschlossen, und ich stehe wieder am Anfang. Meine Füße sind wund von den Steinen, an die ich stieß, und meine Hände sind von einem elenden Ausschlag befallen, infiziert von den Dingen, die ich berührte, als ich blind nach dem Licht tappte. Ich fühle mich müde, nur meine Gefühle sind unruhiger als je zuvor, denn ein Herz braucht länger, um zu sterben, auch wenn es eiskalt geworden ist. Kein Tag verging, an dem ich nicht das Unrecht, die Gewalt, die Phrase und die Lüge triumphieren sah; und obwohl es mir gelang, mich von dem Haß als einem unreinen Gefühl freizuhalten, so spürte ich doch, wie sich die Zerstörung in meiner Seele langsam ausbreitete. Ich bin Fremdenlegionär!

Der Vertrag fordert fünf Jahre Gehorsam, mit Ehre und Treue bis zum Tode. Meine eigene rechte Hand, wer immer sie auch führte, hatte mich verkauft. Was bewegt einen Menschen dazu, in einem fremden Land, unter fremdem Namen, einer fremden Nation zu dienen und bereit zu sein, für sie zu sterben? Die schwerste Strafe in der Legion trifft den Deserteur. Aber in Wirklichkeit ist jeder Legionär ein Deser-teur, ein Deserteur des Lebens! Jeder Legionär hatte schon einen Sprung in dem Kristall seines Lebens, bevor er zur Legion ging. Durch die Legion aber wurde dieser Sprung zu einem Riß, den meist nichts mehr kitten kann als nur der Tod. Wir alle waren auf der Flucht – vor irgend etwas davongelaufen. Die einen vor Freiheitsstrafen oder finanziellen Schwierigkeiten, die anderen vor familiären oder sonstigen Problemen. Oder man flüchtete vor dem grauen Alltag! Eines aber hatten wir alle gemeinsam: Wir waren auf der Suche nach irgend etwas. Leider fragen sich nur sehr wenige, was sie denn finden wollen. Und so greift man nach den erstbesten Dingen, die sich bieten, um den großen Durst zu stillen. So macht sich der Legionär das Leben leichter – und gleichzeitig schwerer. Ich war an dieses Seil gefesselt. Ich weiß, wie tief es einschneidet, und wie fest die anderen die Knoten ziehen… Aber ich sah auch, wie jeder Neuankömmling eine Frische mit sich brachte. Wenn ich auch bei vielen lange danach suchen mußte, so gelang es mir doch immer, eine Spur Menschlichkeit an ihnen zu entdecken. Ich freute mich so sehr darüber, daß es mich echt bestürzte, feststellen zu müssen, wie diese Züge immer mehr schwanden,– bis ihr Ausdruck tot erschien, bis ich mich fragte, ob sie denn noch sie selbst waren oder nur eine Maschine, die jene Dinge erledigte, für die sie zusammengebastelt wurde. Vollautomatisch und zu jeder Zeit funktionsfähig, solange, bis sie kaputtgeht. Als ich anfing, über diese Dinge nachzudenken, begann ich, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich wollte aussteigen. Aber wie? Zu diesem Zeitpunkt erlebte ich die sieben vergangenen Jahre noch einmal, seitdem ich als 14jähriger Junge von zu Hause durchgebrannt war. Diesmal nur in Gedanken, aber jedes einzelne Abenteuer hatte sich so tief eingeprägt, daß mich sogar die Erinnerungen daran schmerzten. Es war eine höllische Qual, aber ich konnte nicht mehr aufhören, daran zu denken. Ich zog durch die ganze Welt, passierte Grenzen illegal oder wurde abgeschoben – saß in verschiedenen Gefängnissen und Flüchtlingslagern, verdiente mein Geld durch Prospekte verteilen, Teller waschen, Zeitungen verkaufen, arbeitete als Barkeeper, Küchenjunge, Bäcker, Friseur, Ofenmonteur und Chauffeur – schlief in Hotels, zur Untermiete, auf Parkbänken, in Rohbauten und Kellern. Ich fuhr Tausende von Kilometern per Anhalter und zog zwei Monate lang mit Zigeunern.Die Höhen und Tiefen des Lebens erlebte ich in so extremer Weise, daß meine Gefühlswellen zur rauhen See wurden, zu einem tobenden Meer, in dem ich nicht mehr hatte, als ein lächerliches Floß – bald mit der Angst,daß es in Stücke gerissen würde, und bald mit der Freude, daß es den Wogen standhielt. Aber Kurs hielt ich keinen, und versuchte ich es, so trieben mich starke Winde davon ab. Kam ich dann aufs Festland, so hatte ich mich an das Schaukeln so sehr gewöhnt, daß mich nichts mehr zur Ruhe bringen konnte. Keine Droge, kein Mädchen. Nichts. Ich hatte alles versucht, aber früher oder später bin ich daran vorbeigegangen oder wieder fortgezogen worden.

Nichts war mir wertvoll, mit Ausnahme meiner Freunde. Starin lernte ich in einem Flüchtlingslager bei Belgrad kennen. Wie er wirklich hieß, wußten wir nicht. Aber wir nannten ihn Starin, was zu deutsch »Freund« heißt, weil er uns allen ein echter Kumpel war, stets gut gelaunt und hilfsbereit.Auf uns unerklärliche Weise schaffte er Dinge herbei, die man uns untersagte, weil man sie nicht für lebens-notwendig hielt. Es kümmerte uns auch nicht, woher er dieses oder jenes hatte, sondern wir waren einfach froh darüber. Mit 15 Jahren war ich der Jüngste, und daran änderte auch die Tatsache nichts, daß ich mich für 19 aus-gab. Aber vielleicht wurde ich gerade deshalb sein besterFreund. Nach allem, was er für mich getan hatte, wollteich ihm am Tage meiner Überweisung in ein anderesLager meine Uhr schenken, welche ich trotz aller Durchsuchungen behalten hatte. Aber er sagte, er könne das nicht annehmen. Noch am selben Tag erfuhr ich, warum Starin ablehnte: Er befand sich bereits zwei Jahre freiwillig in diesem Lager. Und er wollte nicht mehr vom Leben, als sein Feldbett neben dem abbruchreifen Kamin und die Lager-ration mit dem größten Stück Fleisch. Dafür gab er jedes Wort, das im Lager gesprochen wurde, an die Direktionweiter und setzte sorgfältig vorbereiteten Fluchtversuchen der aus dem Osten geflohenen Emigranten ein schnelles Ende, nachdem er sie dazu brachte, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen.

Ich war nur fünf Wochen in diesem Lager, aber ich weiß, daß sich noch heute vier Männer in schwerer Haft in Polen und Ungarn befinden, weil Starin nicht mehr vom Leben will, als sein Feldbett neben dem abbruchreifen Kamin und die Lagerration mit dem größten Stück Fleisch. Mahmud war Libanese. Er war 24 Jahre alt und in Beirut aus der Armee geflohen, weil er Krieg für Wahnsinn hielt. Wir trafen uns in Goriza, wo wir zusammen die jugoslawisch-italienische Grenze illegal überschritten, da weder er noch ich einen Paß hatten. Für ihn schien nichts mehr im Leben schwierig, denn nun brauchte er nie wieder eine Waffe zu tragen. Er sagte in seinem guten Englisch zu mir: »Take this if you want!«(Nimm dieses, wenn du willst!) – und schenkte mir sein Klappmesser. Dann erzählte er mir von seinem Land, von seinen Leuten. Wie gastfreundlich und strenggläubig sie seien. Niemals würde er einen Landsmann oder ein Landsmann ihn im Stich lassen. Er sagte: »Ich werde dich arabisch lehren, und wenn der Krieg vorbei ist, dann mußt du bei mir vorbeikommen, Beirut ist unvergeßlich!« Doch die Italiener wollten ihn in sein Land abschieben. Aber noch in derselben Woche wurde er vor dem libanesischen Konsulat von drei Arabern, die aus seiner Heimat kamen, zusammengeschlagen, weil er nicht einer Meinung mit ihnen war.Als ich ihn am Tage darauf im Krankenhaus von Padritchiano besuchte, bat er mich, ihm sein Klappmesser zurückzugeben. Als wir uns zum letzten mal die Händeschüttelten, murmelte er: »I m sorry!« (Es tut mir leid!) Ja, und dann war da noch mein Vater.Es war Heiligabend. Ich hatte gehört, daß er wieder verheiratet war, genauso wie ich wußte, daß seine jetzige Frau nicht duldete, daß ich auch nur eine Nacht in seinem Hause zubrachte.

Seine interessante Lebensgeschichte gibts hier in diesem Buch (weiter auf Seite 12):
www.scribd.com/doc/290367…Bibel-Gott-Jesus-Religion

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