Mein Leben als Kindersoldat des Kapitals

Die folgende Geschichte ist fiktiv. Sie ist angeregt durch den interessanten Erfahrungsbericht auf: www.cicero.de/kapital/inv…es-kapitals/43140?seite=1

Das St. Moritz in Rom ist eine Art Disneyland für amerikanische reiche Touristen. Wer hier ankommt sieht sich im Himmel auf Erden, unter einem Porsche als Vorfahrwagen läuft hier gar nichts. Ich komme mit meinem neuen Hugo Boss Anzug dort an, im Flieger habe ich schon längst die Getränkekarte des Hotels gecheckt, um mir beim Betreten meiner Suite einen lockeren Tignanello eiskalt reichen zu lassen. Auf dem Flug von London nach Rom las ich mir eben noch das notwendige Handwerksmaterial für das geheuchelte Interesse an dubiosen Mautsystemen durch, die ich für meine Tochterfirma dort versuchen sollte zu verkaufen.

Eigentlich interessieren sie mich überhaupt nicht und von Wissen war gar keine Rede. Ich blickte durch das Panoramafenster über Rom und schweifte in die Vergangenheit: Ich war schon einmal in Rom, allerdings auch nur geschäftlich. Mit Mitte 30 fühlte ich mich zwar schon als ein abgewrackter 40jähriger, doch die Frauen gehören trotzdem mir, der in geschmacklos überteuerten Luxusschuppen sich den üppigsten Rotwein die Kehle hinuntergoss. Ich lebe.

Begonnen hatte alles 8 Jahre zuvor. Ich meldete mich bei einer kleinen Brokerfirma, in der Hoffnung auf die große Bankerzukunft. Sofort wurde ich in eine Riesenhalle geführt, in der etwa 200 Menschen dicht aneinander gepfercht am Telefon hingen und laufend quatschten. So erging es dann auch bald mir: Wir machten täglich sogenannte “cold calls”. Das waren Anrufe an wildfremde Leute, denen wir versuchten ein skurriles Aktienpaket anzudrehen. Natürlich war das nur möglich, wenn das Gegenüber am Telefon auch genügend Geld hatte, um es zu investieren. So kursierten auf unseren Bildschirm ständig irgendwelche Adresslisten von Casinos, Golfclubs und Autohäusern. Das dachte ich, wäre das Bankerleben.

Eine Rekrutierung in die Bankingwelt

Der nächste Sommer war dann schon deutlich angenehmer: Ich erhielt einen Job in einer mittelprächtigen Firma, die Geld von großen institutionellen Investmentbankern aus Island verwaltete. Mein Tag sah dort ungefähr so aus: Ich begann früh mit einer Tasse Kaffe, um mich dann bis Mittag in diverse Unterlagen von isländischen Firmen zu vertiefen. Dann holte mich mein Chef ab und wir gingen zu einem “Meeting” ins gegenüberliegende Royal Hotel, um uns dort mehr oder minder mit teurem Chardonnay zu betrinken. Dann fuhren wir mit ihm nach Hause, um uns in seinem Penthouse am Central Park West den Sonnenuntergang anzuschauen. Trotz dieses entspannenten Lebenswandels hielt es der Isländer nicht lange in dem Geschäft: Er zog nach Prag, eröffnete zwei Luxushotels, um sich danach wieder nach Reykjavik zu begeben, wo er heute eine rechtskonservative Talkshow moderiert.

Ich studierte noch zwei Jahre auf Long Island, ein durchaus entspanntes Leben mit viel Party. Dann stellte sich mir langsam die Frage nach einer Zukunft, die ich nicht so leicht beantworten konnte, denn meine Interessen waren ganz und gar nicht Banking. Ich las zwar viel, doch tauglich für den realen Markt war ich nicht. Ich befand mich in dem Dilemma, was viele amerikanische Studenten heute trifft: Ich hatte zwar ein Studium, jedoch keine belastbare Vorstellung von meiner Zukunft.

Somit war ich ein gefundenes Fressen für die Rekrutierungsfirmen der Investmentbanker, die sich so ziemlich an allen amerikanischen Universitäten finden, um neue frisch gestriegelte Scheitelstudenten abzugreifen und sie “marktreif” zu machen. Diese Leute führten mich ins nächste Ritz-Carlton, um meine berufliche Zukunft mit einigen imposanten Zahlen zu untermalen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich nach der Universität anfangen sollte, und Wall Street schien für das, was ich konnte – also nichts –, erstaunlich gut zu bezahlen. So wurde ich “Financial Analyst” in London. Die anderen Alternativen wie Autor, Rapper oder Hotelier in der Karibik kamen gegen dieses Jobangebot einfach nicht an. Vorher aber noch zwei Wochen Analyst Training in New York.

Die Welt des Investments

Im Training lebten wir in Betonbauten in Chinatown von New York. Es war mehr als spärlich, das Training selbst bestand aus einigen Seminaren und selbst Prüfungen, ohne aber wirklich in Arbeit auszuarten. Vielmehr herrschte eine Stimmung wie auf einer Klassenfahrt, was aber auch daran lag, dass ein viertel der Leute aus Frauen bestand. Ziel war auch weniger die Schulung denke ich, sondern dass jeder in der weltweiten Bankercommunity leicht einen Ansprechpartner finden konnte. Das klappte auch, denn wenn nicht zwei von uns wenigstens zusammen besoffen waren oder Drogen genommen hatten, dann hatten sie auf jeden Fall miteinander geschlafen.

Auf den Dauerrausch folgte dann in London das Straflager. Ich mietete mir soeben eine kleine Wohnung für zweitausend Pfund im Monat, und schon trat ich meinen 18 Stundentag an. Meine Aufgabe lag vor allem darin, mithilfe komplexer Modelle große Unternehmen zu bewerten, die übernommen, verkauft oder fusioniert werden sollten, und in Gesprächsunterlagen für Meetings die Leistungen der Bank als für den jeweiligen Kunden maßgeschneidert erscheinen zu lassen. Das Arbeitstempo war enorm, oder gar absurd, und die verquere Logik dahinter schlicht, dass Mitarbeiter, die nach drei Jahren immer noch dabei sind, über eine Erfahrung von einem 9 Jahre Mitarbeitenden verfügen. Allerdings sah man auch dementsprechend aus.

Mein Chef war dabei das Paradebeispiel: Als 30-Jähriger, der im Jahr über 2 Millionen Euro verdient, sah er aus wie ein 40-Jähriger, an dem die Schwerkraft schon ordentlich arbeitete. Er rief mich einmal in ein Büro und legte mir eine neue Scheckkarte hin mit den Worten: Jetzt darfst du es mal richtig krachen lassen bei den Mädels. Damit verriet er mir gutaussehendem Jungen, dass bei ihm der Spaß im Leben erst mit dem Geld angefangen hatte. Auf jeden Fall war ich dabei im Geschäft.

Als Investmentbanker hast du den Vorteil, eine Menge an interessanten und imposanten Persönlichkeiten zu begegnen. Nach nur wenigen Monaten saß ich mit dem Finanzminister eines westdeutschen Bundeslandes gegenüber. Hätte der Flughafen in New York nicht zu gleicher Stunde in einem Sturm getobt, wäre uns in gleicher Runde auch ein hochrangiger amerikanischer Diplomat begegnet. Ich lernte die Vorstandsetagen einiger Riesenfirmen kennen, deren artitektonisches Inventar manchmal mehr als geschmacklos war.

Im Falle von Enron war es nicht so, ein texanischer riesiger Energiekonzern, bei dem schon leider eine unentwegte Unternehmenskultur durch permanenten stupiden Geldsegen einkehrte. Während den Sitzungen schielten die Unternehmer ständig auf irgendwelche Bildschirme, um die Enronaktie zu beobachten. Enron ging 2001 dann pleite, weil die Zahlen des Unternehmens frei erfunden waren und ihre Aktien somit wertlos folgten. Doch alle strotzten dort vor Selbstbewusstsein, was in der Person von Jeff Skilling gipfelte, der Vorstandsvorsitzende, der bei jedem Meeting nur durch Telefon zugeschaltet war.

Bei Gegenfragen setzte er nur zu einem krassen Mantra an, das vor Arroganz nur so triefte: Ob man überhaupt wisse, wer er sei, mit wem man es zu tun habe, dass man sich erst mal fragen solle, wer man selbst sei, ob man überhaupt über das intellektuelle Rüstzeug verfüge, das Wort an ihn zu richten, der er immerhin Chef von Enron sei, des besten Unternehmens der Welt. Und so weiter. Heute verbüßt er eine 24-Jährige Haftstrafe. Sein Luftschloss über eine Fusionierung mit einem großen deutschen Energiekonzern scheiterte lediglich an der unterschiedlichen Auffassung über die Postenbesetzung.

Von Auf- und Abstieg

Ich stieg auf und wurde zu immer größere Meetings mit Finanzvorständen von dicken Unternehmen gerunfen. So verteidigte ich einmal Invstementstrategien vor einem großen deutschen DAX-Unternehmen, dessen weitere Zukunft davon abhing, mich zu diskreditieren. Dazu sollte man wissen: Bewertungsanalysen von Investmentbankern sind fundamental unseriös, weil sie auf einer Vielzahl von Prognosen basieren, mittels derer das Ergebnis auf beinahe jeden gewünschten Wert justiert werden kann. So funktioniert das ganze Geschäft. Es meldeten sich bald Headhunter bei mir, die alle etwas von meiner Sahnetortenfachkompetenz haben wollten. Immer mehr fragte ich mich, ob ich diesem ganzen Pseudo-Fachgeschwätz eigentlich gewachsen war. Es ist normal in unserem Geschäft, Mitarbeiter von anderen Investmentbanken abzujagen.

Irgendwann wurde ich weich und setzte meine Kündigung auf. Bald schon merkte ich eine übertriebene Freundlichkeit mir gegenüber und selbst der Präsident meiner Bank bot mir ein völlig überzogenes Gehalt an, um mich hier zu halten. Doch dann wurde der Ton rauher: Ein mir vorgesetzter Typ, der sich Global Head of Mergers&Acquisitions nennen durfte, stellte sich mir in den Weg. Ich erklärte ihm, dass ich die Auszeit benötigte, um private Angelegenheiten zu klären. Da zeigte er in seinem Büro auf das Foto seiner drei-jährigen Tochter, die neben einem Footballwimpel hing, und erklärte mir, dass sie letztes Jahr gestorben sei. Und wo er am Tag danach wohl gewesen sei? Richtig: Hier im Büro, und dort habe ich gefälligst auch zu sein.

Noch am selben Abend packte ich meinen Schreibtisch zusammen und setzte mich in die nächste Bar, wo ich bis zum Morgengrauen durchsoff. Nach einer Stunde Schlaf lies ich mich vom Taxi nach Heathrow bringen, flog nach New York, wo ich am Pool meiner Mutter vier Monate lang einige Bücher las, teure Getränke trank und einfach nur entspannte. Nach diesen Monaten flog ich nach Frankfurt, um in einer dortigen Bank meinen neuen Job anzufangen. Neue Ziele, neues Glück. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an die neuen Wände gewöhnt hatte. So ähnlich müssen sich Prostituierte fühlen, wenn sie das Bordell wechseln: neue Umluft, gleicher Ablauf.

In jener Nacht in Rom kam mir die Welt des Investmentbankings ganz weit weg vor. Ich passierte die letzten Jahre in meinen Gedanken und plötzlich stand es vor mir wie ein Nichts, ein Haschen nach Wind, ein Boxen in die Luft. Ich sah mich schon auf Sylt mit der nächsten Champagnerflasche mit Größen der Investmentbranche den nächsten Vertragsabschluss feiern, der eigentlich nur den Menschen vorheuchelte, sie hätten gute Papiere gekauft. Doch die Wirklichkeit war eine Lüge. Dann nahm ich meinen Laptop und setzte meine Kündigung auf.

Heute suche ich das Pflaster auf meiner Seele, das mir meine Wunden wieder zudeckt. Ich war ein Kindersoldat des Kapitals und hatte keine Chance mich zu wehren. Hüte dich vor solchen Fehlern!

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. […]

Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld.

Heute gibt es tausende Kindersoldaten des Geldes, die wie eine Hure an den Ecken stehen, um irgendwem Geld wegzusaugen. Sie sind die bemitleidenswertesten Kreaturen unserer Gesellschaft, denn meistens ist ihr Leben ein einziger Schrotthaufen aus geschundenen Beziehungen und Einsamkeit. Diese Krankheit durchzieht unsere westliche Kultur wie niemals zuvor, und die Frage bleibt auch nach Rettungsschirm und Co: Wann wird diese Kapitalsblase platzen und die Menschen zurück auf den Boden der Tatsachen geholt?

Die Bibel warnt eindrücklich vor Geldgier und dem überschäumenden Leben, das folgt, denn sie ziehen dich in den Abgrund der Isolierung von anderen Menschen und von Gott. Du kannst nicht ihm dienen und das Geld lieben. Wer Hunger hat nach echter Beziehung hat keine andere Wahl, als sich auf diese Verse zu berufen. Gott bietet dir echtes authentisches Leben in Beziehungen mit ihm und den Menschen, doch all das wird von Geldgier immer zerstört. Diese Blase der Ichsucht wird in nächster Zeit platzen: Die Frage ist, was uns in unserer Kapitalgülle bleibt, wenn mal ausgemistet wird.

Kommentare

  1. ali

    Der Fisch stinkt wie immer vom Kopf her. Der kleine Grieche hat sein Land Jahrzehnte genauso beschissen, wie die Großen. Beispiele: Taxifahrer und Restaurants, die keine Quittungen ausstellen, Hausbesitzer, die im Rohbau leben um Steuern zu sparen, ganze Dörfer, die sich als “Blinde” registrieren lassen um Blindengeld zu kassieren, Poolbesitzer, die Ihren Pool mit Rasenfolien als Grünfläche tarnen um der Luftüberwachung zu entgehen, Angehörige, die für Ihre verstorbenen jahrelang Rente kassieren…und erst all die 100jährigen…. Nein, der gemeine Grieche ist überhaupt nicht unschuldig, sondern er ist ein bedeutender Teil des Problems. Lügen und betrügen haben halt eine lange Tradition in diesem Land und das ist das Hauptproblem.

  2. Bundestag als "Zockerbude"

    Die Parlamentarier beschimpfen die Finanzwelt als Zocker. Nun aber wird deutlich, daß sie sich mit der angedachten Hebelung auf das Niveau dieser Branche begeben, damit der eur. Staatenbankrott jetzt nicht offenbar wird u. ein Bankenrun beginnt. Aufgeschoben heißt aber nicht aufgehoben. Den Problemen wird man durch Tricks und Falschspielerei nicht entgehen. Das Volk wird belogen u. betrogen.
    Milliarden, Billionen, Billiarden, Trillionen. Genug der Nullen. Und Nullen bestimmen das Schicksal unserer Nation.

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