Schwacher Trost: Das geht ohnehin nicht mehr lang, dann werden die Kirchen zu Moscheen — so wie in der Türkei. War ja auch einmal ein christliches Land.

“Die Einwohner der Stadt Megara, dreißig Kilometer westlich von Athen gelegen, galten in der Antike als spitzfindige Deppen. Als sich einer von ihnen in die Nachbarstadt verirrte und vor der Statue der Athena Parthenos stand, meinte er abschätzig, so sehe doch kein Gott aus. Eine Bemerkung, die ihm ein Verfahren wegen Gottlosigkeit einbrachte, in dem er sich dann mit der Behauptung verteidigte, er habe nicht von einem Gott, sondern von einer Göttin gesprochen. Was die Athener so albern fanden, dass sie das Verfahren einstellten und den Kerl nach Hause schickten.

Nicht so die Evangelische Kirche von heute. Da sie den Unterschied zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht nicht kennt – ausgerechnet die Jungfrau, Parthenos, wird im Griechischen mit der männlichen Endung -os gebildet – durchforstet sie ihr gesamtes Schrift- und Liedgut auf der Suche nach maskulinen oder femininen Endungen und männlichen oder weiblichen Artikeln. Er oder sie, Gott oder Göttin, Christ oder Christin, das ist das letzte Thema, das diese Kirche noch umtreibt. Judith Butler ist ihr wichtiger als Martin Luther.

Ihr erstes Opfer wurde der dreieinige Gott. Vater, Sohn und Heiliger Geist – dreimal „der“, das ging ihr zu weit, das musste geändert werden. Wurde der Heilige Geist denn nicht als Taube dargestellt? Und ist die Taube denn nicht weiblichen Geschlechts? Sollte sie deshalb nicht nur so dargestellt, sondern auch so angesprochen werden? Gläubige Feminist*innen tun das inzwischen. Statt vom Heiligen Geist sprechen sie von der Heiligen Geistkraft: endlich ein „die“ nach zweimal „der“! Fehlt nur noch das Neutrum.

Der Weg zur Gleichstellung ist allerdings mit Hindernissen gepflastert. Die Bibel in gerechter Sprache, feministisch aufgeschwemmt, hat sich als Reinfall erwiesen. Ihren Anspruch, Altes und Neues Testament den Sprachformen der Gegenwart anzupassen, hat sie so gründlich verfehlt, dass selbst die Kirchenführung, die das Projekt wohlwollend begleitet und tatkräftig unterstützt hatte, nicht umhin kam, das Resultat als unbrauchbar für den gottesdienstlichen Gebrauch zu bezeichnen. Ein großer Aufwand, schmählich, war vertan.

Weltverbesserer und Weltverbesserinnen geben so schnell aber nicht auf. Jetzt haben sie sich das Evangelische Gesangbuch vorgenommen, das allerdings der gerechten, der gendergerechten, der zeitgeistgerechten Aufbereitung noch ganz andere Widerstände entgegensetzt als bloße Texte, weil sich Doppelpunkte, Gendersternchen und das große Binnen-I schlecht singen lassen. Sofern man auf die altvertrauten Lieder nicht verzichten will, muss man sie also umdichten.

Und das geschieht. Paul Gerhardts Lied „Lobet den Herren, alle die ihn ehren“ heißt in seiner zeitgerechten Fassung „Lobet die Eine, die uns stärkt und tröstet, die nach uns ruft und treu sich an uns bindet“. In dieser Form befindet sich der Text auf der Höhe der Zeit. Das wohlvertraute Kirchenlied wurde sozialpolitisch nachgerüstet, denn statt an sich selbst darf man nun Forderungen an andere stellen, in diesem Falle: an die Eine, die nach uns rufen und sich an uns binden soll.

Das Wort sie sollen lassen stahn, hatte Luther gesungen. Aber warum eigentlich? Stammt es denn nicht von einem Sexisten, Rassisten und Antisemiten, der heute zu keinem Kirchentag mehr eingeladen würde? Die Kirche ist wachsam, sie kennt sich aus, nicht nur in den Gefahren, sondern auch in den Auswegen. Sie verteidigt den Fortschritt und warnt vor einem Rückfall ins post-patriarchale Chaos. Und damit nichts mehr schiefgeht, lädt sie zu einem Fachtag über das Thema „Neue Rechte und Rassismus“. Antirassismus, Feminismus, Genderei, das ist das Programm der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wer nicht mitmacht, kann gehen; und tut das auch.” Von Konrad Adam/TE

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